Geldanlage: Ist das «Böse» rentabel?

Ein kurzer Blick auf langfristige Daten reicht, um zu folgendem Schluss zu kommen: «Unmoralische» Geschäfte können sich besser entwickeln als verantwortungsbewusstere Anlagen. Eine aktuelle Studie der Credit Suisse zeigt jedoch, dass «Unmoral» nicht die einzige Möglichkeit ist.

Durch das Kino kennen wir das Bild vom bösen Wall-Street-Hai. Wir erinnern uns alle an den berüchtigten Gordon Gekko aus dem Film «Wall Street», ein Symbol der Popkultur für ungezügelte Gier. Aber ist das wirklich so? Zahlt es sich aus, böse zu sein? Im Rahmen einer aktuellen Studie hat sich die Credit Suisse entschlossen, dies zu überprüfen, um herauszufinden, ob sich «Unmoral» auszahlt und wie Anleger auf «nicht akzeptables» Unternehmensverhalten reagieren können.

Das Ziel jeder Anlage ist in der Regel, eine Rendite zu erzielen. Heutzutage reicht dies vielen Anlegern jedoch nicht aus. Sie möchten ihr Vermögen in verantwortungsbewusster Weise aufbauen und machen sich zunehmend Gedanken um soziale, ökologische und ethische Aspekte. Es wird daher von Vermögensverwaltern erwartet, dass sie anhand von wohlüberlegten Entscheidungen und Massnahmen angemessenes Anlageverhalten an den Tag legen. Natürlich sollte man sich die Frage stellen: Macht sich das bezahlt?

Lasterhaftigkeit und Verantwortungsbewusstsein: Ein Blick auf Performance

Im Global Investment Returns Yearbook 2015 der Credit Suisse beschäftigen sich Elroy Dimson, Paul Marsh und Mike Staunton mit dem Thema von «lasterhaften» vs. «verantwortungsbewussten» Anlagen. Die Studie vergleicht die Performance von zwei gegensätzlichen Fonds: Der Vice Fund (der sog. «Laster-Fonds», kürzlich umbenannt in Barrier Fund) und der Vanguard FTSE Social Index Fund. Beide sind US-Anlagefonds, die zu Beginn der 2000er Jahre lanciert wurden. Der Vice Fund investiert in Unternahmen, die als sozial fragwürdig gelten: Tabak-, Alkohol-, Glücksspiel- und Rüstungs-/Luftfahrtindustrie. Der Vanguard FTSE Social Index Fund setzt sich aus Titeln von Unternehmen zusammen, die auf bestimmte soziale, Menschenrechts- und Umweltkriterien hin überprüft wurden.

Über einen Zeitraum von knapp 14 Jahren erhobene Daten zeigen, dass der Vice Fund eine bessere Performance erzielt hat und aus dem Vergleich als Gewinner hervorgeht (Anstieg von USD 10'000 bei Auflegung auf USD 33'655 zu Beginn 2015). Der Social Index Fund ist zwar auch gewachsen, aber in geringerem Masse (Anstieg von USD 10'000 auf USD 26'788). Das Beispiel des Vice Fund und viele der von den Forschern der London Business School geprüften Daten deuten darauf hin, dass Anlagen in «unethische» Titel tendenziell bessere Renditen bringen. Laut Dan Ahrens, Verfasser von «Investing in Vice: The Recession Proof Portfolio of Booze, Bets, Bombs and Butts» ist die Logik hinter den unmoralischen Anlagen und ihrem Erfolg, dass sich diese Unternehmen, unabhängig von der Konjunktur, einer stetigen Nachfrage nach ihren Waren und Dienstleistungen erfreuen. Sie sind weltweit tätig, sind meist margenstarke Unternehmen und in Branchen mit hohen Eintrittsbarrieren angesiedelt.

Um ein vollständiges Bild zu erhalten, betrachteten die Forscher eine weitere beunruhigende Studie, bei der Aktienmärkte in durch Korruption gekennzeichneten Ländern untersucht wurden. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass mit Anlagen in den Ländern, die im Allgemeinen als am korruptesten angesehen werden, bessere Renditen erzielt werden.

Es mag überraschen, aber verantwortungsbewusste Anleger tragen unter Umständen sogar zur Outperformance dieser «Sündenaktien» bei. Elroy Dimson, emeritierter Professor für Finance, London Business School und Vorsitzender des Newton Centre for Endowment Asset Management an der Cambridge University, erläutert: «Wenn genügend Anleger diese unmoralischen Unternehmen meiden, fallen deren Aktienkurse und dies bietet Anlegern, die weniger ethische Bedenken hegen, Aussichten auf grössere Renditen.»

Tabakindustrie: eine genauere Betrachtung

Um eine langfristige Perspektive der Performance von Sündenaktien zu erhalten, wurden im Rahmen der Studie der Credit Suisse Daten aus der Tabakindustrie über einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren genauer betrachtet. Man darf nicht vergessen, dass Tabak bis in die 1950er Jahre als nicht schädlich betrachtet wurde und der Status der Tabakindustrie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts neutral war. Als jedoch die negativen Folgen des Tabakkonsums weithin anerkannt waren, veränderte sich der Status von Neutral zu «lasterhaft» und einige Anleger lehnten die Tabakindustrie aus ethischen Gründen ab.

Welche Auswirkungen hatte dies auf die Branchen-Performance? Während der Übergangszeit zwischen 1947 und 1965 erzielten Aktien in der Tabakindustrie in den USA eine Underperformance von 3 Prozent pro Jahr. Dies war aber nur ein vorübergehender Trend und in den Jahrzehnten von den 1960er bis zu den 2000er Jahren, als die gesundheitlichen Folgen von Tabakkonsum bekannt waren, entwickelten sich Tabakunternehmen um mehr als +3 Prozent besser als vergleichbare Firmen.

Das Dilemma der Anleger bezüglich Ausstieg oder Widerspruch

Trotz dieses ziemlichen düsteren Bildes gibt es auch gute Nachrichten. Die Forscher der London Business School haben Nachweise dafür gefunden, dass verantwortungsbewusstes Anlegen ertragreich sein kann.

Für verantwortungsbewusste Anleger, die immer noch an Unternehmen beteiligt sind, die als nicht ethisch betrachtet werden, gibt es zwei Optionen: «Ausstieg» oder «Widerspruch». Ein Ausstieg ist ein Rückzug aus der Anlagebeziehung in Bezug auf Unternehmen, Branchen und sogar ganze Märkte. Dies ist ein sehr radikaler Schritt. Anleger, die sich für den Ausstieg entscheiden, brechen nicht nur ihre Anlagebrücken ab, sondern können auch wie oben beschrieben – unbeabsichtigt – positiv zur Performance von Sündenaktien beitragen.

Widerspruch andererseits kann ein sehr wirkungsvolles Instrument sein. Anleger können ihre Meinung äussern und versuchen, das Unternehmensverhalten zu verbessern. Sie können Gespräche mit Führungskräften führen, ihre Meinung schriftlich übermitteln, eine Beschlussvorlage zur Abstimmung in der Hauptversammlung einbringen und darüber abstimmen und versuchen, Aufsichtsbehörden und Normengeber zu beeinflussen. Die Autoren der Studie der Credit Suisse sind der Überzeugung, dass «diese Aktivitäten unternommen werden, da man glaubt, dass verantwortungsbewusste Anleger die Unternehmensleitung hin zu einem besseren Finanzergebnis und/oder besseren sozialen Bedingungen für Stakeholder und die Gesellschaft lenken können.»

Teure Ausstiege

Das California Public Employees' Retirement System (CalPERS) ist ein Beispiel, das gezeigt hat, dass die Widerspruchsstrategie in vielfacher Weise lohnender als ein Ausstieg sein kann. 2002 hat CalPERS ganze Länder, die eine Mindestschwelle bei Faktoren wie politische Stabilität, demokratische Institutionen, Transparenz, Arbeitsbedingungen, Unternehmensverantwortung und Offenlegung nicht erreichten, auf eine Blacklist gesetzt. Das Ergebnis war kostspielig: unter Anwendung dieser Politik betrugen die Verluste ihres Emerging-Markets-Portfolios nach vier Jahren über USD 400 Mio. Im Jahr 2007 entschied sich CalPERS für einen Wechsel zu einem prinzipienbasierten Ansatz und, anstatt gesamte Märkte auszuschliessen, begann man mit der sorgfältigen Auswahl von Unternehmen in Entwicklungsländern. Bei den Emerging Markets entschied sich CalPERS für Widerspruch anstatt Ausstieg und suchte den Dialog, Engagement und Shareholder Activism. 

Durch gute Taten erfolgreich sein

Laut dem Bericht der Credit Suisse ist Engagement nicht nur sozial verantwortlich, sondern hat sich auch als rentabel erwiesen. Die Forscher haben die Performance von Beteiligungsunternehmen nach dem Engagement ein Jahr lang analysiert.

Während es nicht überrascht, dass erfolgreiche Massnahmen zu materiellen Gewinnen (+7,1 Prozent) geführt haben, ist die Schlussfolgerung, dass ein nicht erfolgreiches Engagement den Unternehmenswert nicht beeinträchtigt, äusserst wichtig und bestärkt verantwortungsbewusstes Anlegen (sie erhielten eine neutrale Marktreaktion).

Die gesammelten Daten zeigen, dass sich verantwortungsbewusstes Anlegen auszahlen kann; es erfordert jedoch viel Aufwand. Anleger, die die finanziellen Früchte ihrer Anlagen ernten wollen, müssen mehr tun als nur Aktien von verantwortungsbewusst geführten Unternehmen zu kaufen. Die richtige Vorgehensweise scheint hier vielmehr ein Engagement bei den Unternehmen zu sein, deren Aktien sie besitzen oder kaufen möchten. Der Rat der Autoren der Studie der Credit Suisse lautet: «Um die Erfolgswahrscheinlichkeit zu maximieren, sollten Anleger die ‹Waschmaschinen-Strategie› in Erwägung ziehen: nicht verantwortungsbewusste Unternehmen kaufen und sie in verantwortungsbewusstere Unternehmen umwandeln». Nach der «Verbesserung» der Unternehmen können deren Aktien zu einem Preis veräussert werden, der die vom Aktivisten erreichten Erfolge widerspiegelt. Diese Strategie eignet sich zwar nicht für jeden, bietet verantwortungsbewussten Anlegern aber eine interessante Möglichkeit.