«Das Besitzen werden sie nie ganz aufgeben»
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«Das Besitzen werden sie nie ganz aufgeben»

Sharing-Expertin Giulia Ranzini über den Eigentumsbegriff der Millennials, die Einsamkeit auf Social-Media-Kanälen und den angemessenen Schutz der digitalen Privatsphäre.

Frau Ranzini, «Teilen statt besitzen» ist gemäss dem Jugendbarometer ein breit akzeptiertes Konzept der Millennials. Wieso ist diese Generation so offen für geteilten Besitz?

Giulia Ranzini: Die Millennials sind in engem Kontakt mit Technologie aufgewachsen und an die Idee von «shared content» gewöhnt. Dadurch pflegen sie einen grundsätzlich anderen Umgang mit Eigentum. Die Idee, man könnte beispielsweise digitale Musik besitzen, ist für einen 19-Jährigen völlig absurd.

Zeigt sich diese Sharing-Präferenz auch bei anderen Produkteklassen und Dienstleistungen?

Laut der Forschung ist diese Generation heute tatsächlich die grösste Gruppe von Nutzern auf Plattformen wie Airbnb oder Uber. Dabei sind die 16- bis 25-Jährigen naturgemäss eher auf der «Konsumseite» als auf der «Teilenseite» der Sharing Economy. Sie nutzen die Besitztümer anderer Menschen, die sie sich selbst noch nicht leisten können. Sobald sie selbst über ein entsprechendes Einkommen verfügen, werden sie das Teilen hoffentlich auch von der Anbieterseite her interessant finden und die eigenen Güter anbieten. Aber klar ist auch: Das Besitzen werden sie nie ganz aufgeben.

Die Idee, digitale Musik zu besitzen, ist für einen 19-Jährigen absurd.

Trotz der vielen Vorteile – ältere Generationen tun sich mit der Sharing Economy eher schwer.

Ja, sie können weniger gut mit mobilen Technologien und insbesondere mit den einzelnen Anwendungen umgehen. Das führt zu grundsätzlichen Bedenken oder zumindest zu Problemen und weniger Komfort bei der Nutzung. Hinzu kommen Bedenken hinsichtlich der Privatsphäre.

Bei was werden die Jugendlichen das Teilen niemals akzeptieren?

Bis jetzt gibt es immer noch eine starke traditionelle Verbindung von «Erwachsensein» und einem persönlichen Reichtum, der sich durch den Besitz bestimmter Vermögenswerte zeigt. Ich denke an das Auto oder das Einfamilienhaus. Es wird interessant zu sehen sein, ob sich das bei der jüngeren Generation ändert – bis heute habe ich noch keine Anzeichen dafür gesehen.

Beobachten Sie kulturelle Unterschiede in Sachen Akzeptanz und Nutzung der Sharing Economy?

In unserem gross angelegten Forschungsprojekt «Ps2Share», in dem Teams von fünf Universitäten zusammengearbeitet haben, war die Teilnahme an Sharing-Plattformen in Ländern wie Frankreich und Grossbritannien am höchsten und in Ländern wie den Niederlanden oder Norwegen am niedrigsten.

Bis jetzt gibt es immer noch eine starke traditionelle Verbindung von «Erwachsensein» und einem persönlichen Reichtum, der sich durch den Besitz bestimmter Vermögenswerte zeigt.

Ist es ein Zufall, dass wohlhabendere Gesellschaften weniger interessiert daran sind, zu teilen?

Die wirtschaftliche Lage könnte ein Grund sein. Wir haben aber festgestellt, dass weniger gute digitale Fähigkeiten den Grossteil der Nichtteilnahme erklärt. Es scheint also verschiedene Faktoren zu geben, die beeinflussen, ob Nutzer an der Sharing Economy teilnehmen oder nicht.

Das Zugehörigkeitsgefühl ist für alle sozialen Einheiten, insbesondere für die Online-Community, gesunken. Müssen wir uns Sorgen machen, dass diese Generation vereinsamt?

Was die Online-Aktivitäten betrifft, ist das Ergebnis nicht sehr überraschend. Die Art, wie jüngere Menschen die sozialen Medien nutzen, hat sich dramatisch verändert: Facebook verliert ständig Nutzer an Plattformen wie Snapchat oder Instagram. Die Art der Kommunikation, die solche Plattformen ermöglichen, ist mehr «einer versus viele» als gruppenbasiert. Da ist es nicht verwunderlich, dass sich die Nutzer weniger als Teil einer Gruppe fühlen. Die gegenseitige Unterstützung von Gemeinschaften, die wir «soziales Kapital» nennen, ist in den neueren Social-Media-Plattformen weniger präsent.

Sie haben mehrere Studien zur Selbstdarstellung in den sozialen Medien durchgeführt. Wo liegen die Unterschiede in der Art, wie sich Jugendliche im digitalen Raum inszenieren, gegenüber der Person, die sie tatsächlich sind?

Jedes soziale Netzwerk ist anders, und individuelle Eigenschaften sowie die Zusammensetzung des eigenen Netzwerks beeinflussen sehr stark, wie sich die Nutzer präsentieren. Zu den Ursprüngen von Social Media gehörten Plattformen wie etwa Myspace oder Second Life, auf denen erfundene Benutzernamen oder sogar Avatare verwendet wurden. Heute dominieren Netzwerke wie Facebook, WhatsApp oder Instagram, die zum grössten Teil echte Namen und persönliche Bilder der Nutzer beinhalten. Es geht heute also weniger um die Neuerfindung oder das Experimentieren, sondern vielmehr um die Selbstdarstellung des realen Ichs. Ich glaube nicht, dass dieser Prozess in absehbarer Zeit aufhört.

Ich finde es gut, dass die Privatsphäre mehr und mehr zum Thema im Schulunterricht wird, gerade in Zeiten, wo online und offline verschmelzen.

Gemäss Jugendbarometer sind sich die Befragten der Online-Gefahren bewusst und wissen, wie sie sich schützen können. Ist die digitale Sicherheit für diese Generation kein Problem mehr?

Tatsächlich zeigen verschiedene Studien, dass Teenager ihre Online-Privatsphäre besser managen, als man es ihnen gemeinhin zutraut – das trifft übrigens auch auf das zu, was wir «Online-Stress» nennen: den Zwang, ständig online zu sein und nichts zu verpassen. Trotzdem finde ich gut, dass die Privatsphäre mehr und mehr zum Thema im Schulunterricht wird, gerade in Zeiten, wo online und offline verschmelzen. Trotzdem könnte die Einführung von solchen Themen für mich noch etwas schneller sein.

Welche Rolle sollten dabei die Eltern einnehmen?

Es ist notwendig, dass sie auf Signale von Suchtverhalten achten. Und sie sollten den Datenschutz mit ihren Kindern diskutieren. Das Problem ist, dass sie durch die rasante Geschwindigkeit, mit der sich die Technik entwickelt, den Zugang bisweilen verlieren – sie verstehen die Welt nicht mehr, in der sich ihre Kinder so mühelos bewegen.

Auf welchen sozialen Medien bewegt sich die Millennial-Expertin eigentlich selbst?

Jetzt haben Sie mich erwischt. Ich nutze nur Twitter richtig, und vor allem, um Dinge aus meinem Berufsleben zu teilen. Und ehrlich gesagt trenne ich nicht strikt zwischen beruflich und sozial, wie ich es vielleicht tun sollte. Die Wissenschaft hat für diesen Effekt übrigens einen schönen Namen. Man hat Datenschutzbedenken, kennt die Gefahren – schützt sich aber trotzdem nicht. Das nennen wir das «Datenschutzparadoxon».