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Ramona Bachmann: «Wie in einer Blase»

Der "Credit Suisse Player of the Year 2015" bei den Frauen heisst Ramona Bachmann. Ein Gespräch mit dem 24-jährigen Ausnahmetalent über eine historische Saison.

Gratulation zur Wahl zum «Credit Suisse Player of the Year 2015» – zur besten «Schweizer Nationalspielerin des Jahres». Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung?

Ramona Bachmann: Es ist eine grosse Ehre und zeigt mir, dass ich vergangene Saison gut gearbeitet habe. Aber ohne meine Nati–Kolleginnen hätte ich nie solche Leistungen erbringen können. Deshalb gehört diese Auszeichnung dem ganzen Team.

Erinnern Sie sich an Ihre allererste Trophäe?

Puh, da gab es so viele... Vermutlich war das ein Pokal für den Turniersieg mit den F–Junioren des FC Malters. Mein Vater war dort Trainer, deshalb durfte ich schon als Fünfjährige mit den Jungs kicken.

Was war der schönste Moment der vergangen Saison?

Zum einen der Moment der WM–Qualifikation im letzten Herbst. Nach dem Heimsieg gegen Malta sass das ganze Team vor dem TV und verfolgte die Partie zwischen Dänemark und Island. Als sie unentschieden endete und unser Gruppensieg feststand, tanzten wir auf den Tischen. Zum anderen natürlich die WM selbst, wo ein Traum in Erfüllung ging...

... und wo der Schweizer Frauenfussball eine historischen Premiere erlebte.

Absolut. Es war eine ganz neue Dimension in Sachen Aufmerksamkeit und Organisation. Die Atmosphäre in den Stadien und im ganzen Land war überwältigend. In diesen drei Wochen fühlten wir uns wie in einer Blase.

Unmittelbar nach der Rückkehr von der WM erklärten Sie: «Die Enttäuschung ist noch sehr gross». Überwiegt heute der Stolz über das Erreichte?

Wir haben ein gute WM gespielt und haben mit dem Achtelfinal unser erklärtes Ziel erreicht. Aber ich glaube, tief drin weiss jede von uns: «Es wäre noch mehr drin gelegen».

«Spielerisch konnten wir mit den besten Teams mithalten. Im physischen Bereich wartet noch Arbeit auf uns«, so die Analyse von Nationaltrainerin Voss–Tecklenburg.

Das sehe ich ähnlich. Zudem können wir auch beim Antizipieren und Umschalten zulegen.

Mangelte es auch etwas an Cleverness? Bei der unglücklichen 0:1–Niederlage gegen Japan gab es eine Schlüsselszene, in der Sie nach einem Dribbling im Strafraum unsanft attackiert wurden. Bereuen Sie es, dass Sie sich nicht fallen liessen, um einen Penalty zu erwirken?

Es fand keine Berührung statt, das sah nur im TV so aus. Hätte ich mich fallen lassen, wäre es eine Schwalbe gewesen. Und da ich kurz davor bereits verwarnt worden war, wäre ich dann vom Platz geflogen. Aber das war und ist alles kein Thema für mich. Ich will mit guten Leistungen auffallen, nicht mit Unsportlichkeiten. Für Schwalben gibt es keine Awards…

Im Vorfeld der WM wurde gerade von Ihnen sehr viel erwartet. Zuviel?

Gar nicht. Ich kann mit meinen Tempo–Dribblings für die viel zitierten Unterschiede in einem Spiel sorgen, darum sind hohe Erwartungen durchaus berechtigt. Quatsch ist nur, wenn geschrieben wird, dass ich die Mannschaft alleine trage. Wir sind ein Team mit zahlreichen Schlüsselspielerinnen.

Stelle mich in den Dienst der Mannschaft. Alles andere ergibt sich dann von selber.

Für Ihre starken Auftritte wurden Sie auch ins 23–köpfige FIFA–Allstar–Team berufen. Auf einer Skala 1 bis 10: Wie viel von Ihrem Leistungsvermögen konnten Sie in Kanada abrufen?

Ich würde sagen: eine 8. Es war sicher eine gute WM. Aber mit meiner Chancenauswertung konnte und kann ich nicht zufrieden sein – trotz des Hattricks gegen Kamerun.

John Herdman, der Trainer der Kanadierinnen, meinte an der WM: «Ich liebe es,  Ramona Bachmann zuzusehen. Sie ist der Messi der Schweiz und sie hat das Potenzial zur nächsten Marta.» Kompliment oder Last?

Zusätzliche Motivation. Ich habe ja mit 19 selber erklärt, ich wolle die beste Fussballerin der Welt werden.

Bedauern Sie heute diesen Satz?

Keineswegs. Ich bin davon überzeugt, über die nötige Qualität zu verfügen. Aber natürlich braucht es dazu auch sehr viel Fleiss und Glück. Ich konzentriere mich aber nicht auf dieses Ziel, sondern stelle mich in den Dienst der Mannschaft. Alles andere ergibt sich dann von selber.

Fielen Sie nach dem Grossereignis in das berühmte mentale Loch?

Tatsächlich stellte sich schon auf dem Heimflug ein Gefühl der Leere ein. Ich war froh, um die zwei Wochen Pause daheim in der Schweiz, ehe es mit meinem Klub Rosengård  in der schwedischen Meisterschaft weiterging.

Wurden Sie nach der WM mit Angeboten überflutet?

Tatsächlich meldeten sich einige, darunter auch die für mich besten Klubs Europas. Ich habe mich für den Wechsel zum VfL Wolfsburg entschieden, eine sehr gute und ambitionierte Mannschaft. Ich möchte das Team mit meiner Qualität stärken und dazu beitragen, Titel zu gewinnen.

Der Schweizer Frauenfussball erhielt dank der WM–Teilnahme einen Popularitätsschub. Hat man als Spielerin davon etwas mitbekommen?

Wir erfuhren davon durch Freunde und Verwandte, es sorgte für einen zusätzlichen Motivationsschub. Ich hoffe sehr, dass unser Frauenfussball nachhaltig davon profitiert, indem mehr Geld hinein fliesst und die Strukturen weiter professionalisiert werden können.

Wie lauten Ihre drei Tipps an Mädchen, die von einer Profikarriere träumen?

Habt Spass am Fussball. Trainiert mehr als die anderen. Und übt soviel wie möglich mit dem Ball, damit ihr ein gutes Ballgefühl entwickelt.

Sie sind erst 24, aber schon seit neun Jahren Fussballprofi. Hat man da manchmal Motivationsprobleme?

Bisher nicht. Fussball macht mich glücklich und ich habe noch so viele Träume. Etwa den Sieg in der Champions League. Oder die Teilnahme an der Europameisterschaft 2017.

Die Schweiz belegt gegenwärtig Rang 21 der Weltrangliste und trifft in der EM–Qualifikation auf Italien (Rang 13) sowie Tschechien (30), Nordirland (66) und Georgien (112). Ist die Qualifikation reine Formsache?

So würde ich das nie sagen. Es gibt keine leichten Spiele oder kleine Gegner. Aber klar: Zusammen mit Italien sind wir die Favoritinnen. Und unser Ziel muss es sein, nach der WM auch an der EM dabei zu sein.

Schwieriger dürfte es mit der Teilnahme an den Olympischen Spielen 2016 werden. In den Playoffs trifft die Schweiz auf Schweden (7), Norwegen (10) und Holland (12). Nur der Gruppensieger ist qualifiziert.

Das wird eine enge Kiste. Aber unsere Chancen stehen gut, denn wir haben in den letzten drei Jahren enorme Fortschritte gemacht und unser Potenzial noch längst nicht ausgeschöpft. Olympia – das wäre der absolute Wahnsinn!