Im Gespräch mit dem Monet-Experten Richard Thomson
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Im Gespräch mit dem Monet-Experten Richard Thomson

Was hat die National Gallery Ausstellung «Monet & Architecture» der Credit Suisse motiviert? Wir haben uns mit Richard Thomson unterhalten. Er zeigt auf, wie sich Monets Bilder entschlüsseln lassen.

Credit Suisse: Warum hat sich die National Gallery zur Ausrichtung von: «The Credit Suisse Exhibition: Monet & Architecture» entschlossen?

Richard Thomson: Die Idee, eine Ausstellung zum Thema «Monet und Architektur» zu gestalten, ist völlig neu. Die National Gallery wollte das Werk eines Künstlers, der vor allem für seine Landschaften und Seestücke bekannt ist, aus einem ganz unerwarteten Blickwinkel betrachten und sein künstlerisches Schaffen damit umfassender beleuchten.

Welches seiner Werke hat für Sie einen besonderen Stellenwert und weshalb?

Ich freue mich besonders, dass wir zwei Gemälde vom «Strand von Trouville» aus dem Jahr 1870 neben dem Gemälde «Die Themse und das Parlament» aus dem Jahr 1871 ausstellen können. Monet schuf die beiden Darstellungen von Trouville in einem Abstand von nur wenigen Monaten. Er nutzte dabei vergleichbare Kompositionen mit einer starken Perspektive, um die Dynamik der modernen Welt zu vermitteln. Die Gemälde geben den Betrachtern das Gefühl, dass sie mit einem weiteren Schritt selber mitten im Bild stehen könnten. In einer Zeit, in der die Abbildung von Spaziergängern als zu trivial für ein Gemälde galt, war Monet mit diesen beiden Bildern ein eigentlicher Revolutionär. Seine Darstellung der menschlichen Gestalt traf bei den Kunstkritikern der Zeit auf wenig Verständnis; sie bemängelten ihre Skizzenhaftigkeit. Wenn ich eine Bilderserie herausgreifen müsste, würde ich mich für ein halbes Dutzend der Gemälde der Kathedrale von Rouen aus der Mitte der 1890er Jahre entscheiden.

Monets Werk lässt sich in den verschiedenen Gemäldegruppen und Schwerpunktbereichen der Ausstellung aus unterschiedlichen Blickwinkeln entdecken. Seine in den 1870er-Jahren entstandenden Bilder aus Trouville und London heben sich stark von der 25 Jahre danach entstandenen Bilderserie der Kathedrale von Rouen ab.

Weshalb wird diese Ausstellung zum Publikumsmagneten?

Monet lässt sich aus ganz verschiedenen Perspektiven entdecken und interpretieren. Dies macht die Attraktivität der Ausstellung aus. Gebäude spielen in den Bildern Monets ganz unterschiedliche Rollen. Sie vermitteln Regelmässigkeit und ein Gefühl für die Unregelmässigkeit der Natur. Sie setzen farbliche Akzente, etwa in Form roter Dachziegel als Kontrapunkt zu grünem Blattwerk. Sie dienen zur Darstellung von wechselnden Lichtverhältnissen. Monet nutzte Gebäudedarstellungen also für malerische, aber auch für psychologische Effekte. In dem Gemälde «Klippen bei Varengeville» aus dem Jahr 1882 findet sich eine kleine Fischerhütte inmitten einer menschenleeren Landschaft. Für den Betrachter wirkt das kleine Gebäude jedoch wie ein Zufluchtsort oder Ziel; diese Struktur von Menschenhand ist eine Chiffre für die – selbst nicht vorhandenen – Menschen. Bisweilen setzte Monet Bauwerke auch als Sinnbilder der Moderne ein, indem er etwa einen Bahnhof oder eine neue Brücke über einen Fluss darstellte, da er sich bewusst war, dass seine Welt einem konstanten technologischen Wandel unterlag.

Was lernen wir in dieser Ausstellung über Monet?

Die Ausstellung ist ein Versuch, sich in die Gedankenwelt und in die visuelle Vorstellungskraft von Monet hineinzuversetzen und herauszufinden, weshalb der Künstler sich für bestimmte Motive entschieden hat. Weshalb wählte er genau diesen Blickwinkel? Vielleicht stand ein Gebäude an einem Flussufer in Frankreich oder einem Kanal in Venedig. Das Gemälde zeigt das Gebäude und sein Spiegelbild, sodass Sie als Betrachter automatisch denken «Ach, deswegen hat er dieses Motiv gewählt». In manchen Bildern sind die Gebäude winzig, halb verborgen in den Klippen der rauen Normandieküste. Auf den ersten Blick fragt man sich: «Was hat denn das mit Architektur zu tun? Wo ist denn hier das Bauwerk?» Doch dann fällt der Blick auf dieses eine, halb versteckte Gebäude, genau wie bei einem realen Landspaziergang. Monets Malweise ist eng mit dem eigentlichen Erleben verbunden. Wir möchten die Betrachter also anregen, über die Ausstellung die Welt mit Monets Augen zu erleben und zu erfahren.