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Wer beim Fortschritt in Führung liegt

Wie ist es eigentlich um die Fortschrittlichkeit der unterschiedlichen Länder bestellt? Die Ökonomen der Credit Suisse haben 36 von ihnen betrachtet und ein Ranking erstellt.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die Schweiz ein ärmliches Land, heute dagegen ist sie eine der reichsten, innovativsten und wettbewerbsfähigsten Nationen der Welt. Dieser Erfolg hat viele Väter. Einer der wichtigsten war jedoch zweifellos Alfred Escher, ein visionärer Macher, der den Ausbau des Eisenbahnnetzes konsequent vorantrieb, eine technische Hochschule (die heutige ETH Zürich) mitbegründete und die Schweizerische Kreditanstalt, heute Credit Suisse, ins Leben rief. Noch heute ist sein unternehmerisches Denken tief im Wesen der Credit Suisse verankert.

«Für Wohlstand und Fortschritt braucht es gute Infrastruktur», sagt Urs Rohner, Präsident des Verwaltungsrates der Credit Suisse Group. «Es braucht Bildung und Forschung. Es braucht Banken, die Kredite vergeben und Wachstum ermöglichen.» Das gilt nicht nur für die Schweiz, sondern für jedes Land, das fortschrittsfähig bleiben will.

Doch wer hat punkto Fortschritt denn eigentlich die Nase vorn? Die Ökonomen der Credit Suisse wollten es genau wissen und haben 33 europäische Länder sowie die USA, Australien und Japan im Hinblick auf ihre Fortschrittlichkeit unter die Lupe genommen.

Auf Basis der fünf Supertrends

Basis für die realökonomische Untersuchung bildeten die fünf von der Credit Suisse identifizierten Supertrends Unzufriedene Gesellschaften, Silver Economy, Werte der Millennials, Infrastruktur und Technologie. «Diese Trends, so unsere Überzeugung, spiegeln die grossen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Veränderungen unserer Zeit und werden die Zukunft nachhaltig prägen», sagt Studienleiter Claude Maurer. «Wer in Bezug auf diese fünf Supertrends richtig aufgestellt ist, hat gute Voraussetzungen, um die Zukunft optimal zu meistern.»

Zu jedem der fünf Supertrends hat die Bank fünf bis acht realökonomische Indikatoren ausgewählt, die darüber Aufschluss geben sollen, wie es um ihn in den verschiedenen Ländern bestellt ist.

Ein Beispiel: Das Resultat des Supertrends Unzufriedene Gesellschaften speist sich unter anderem aus Daten zur Korruptionswahrnehmung, zur Glücklichkeit der Bevölkerung, zur Polarisierung der politischen Landschaft, zur Vermögensverteilung, zur Langzeitarbeitslosigkeit oder zur von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedrohten Bevölkerung. Für jeden dieser Indikatoren griffen die Ökonomen auf öffentlich verfügbare Daten aus Drittquellen zurück. Die meisten Daten stammen aus dem Jahr 2016.

Pro Indikator wurden alle 36 Länder auf einem Index von -100 (am wenigsten fortschrittlich von allen untersuchten Ländern) bis +100 (am fortschrittlichsten von allen untersuchten Ländern) skaliert. Wer eine 0 schreibt, liegt somit exakt auf halber Strecke zwischen dem schlechtesten und dem besten ausgewiesenen Länderwert.

Beim eben genannten Supertrend Unzufriedene Gesellschaften belegt Finnland vor Norwegen und Dänemark den ersten Rang.

Die 18 bestplatzierten der insgesamt 36 untersuchten Länder.

Bei vier Trends an der Spitze

Für den Supertrend Silver Economy flossen Indikatoren wie die Qualität der Pensionssysteme, die finanzielle Situation nach der Pensionierung, die Zahl der Beschäftigten im Alter von 55-64 Jahren, die Gesundheitsausgaben nach Leistungserbringern sowie die Lebenserwartung ins Ranking ein. Die Schweiz belegt hier den Spitzenrang, dicht gefolgt von Norwegen und Australien.

Auch bei den Werten der Millennials, wo Indikatoren wie die umfassende Nachhaltigkeit (gemessen anhand eines Environment-Social-Governance-Ratings), Internetkäufe, digitale Kompetenz oder Jugendarbeitslosigkeit ins Gewicht fielen, erweist sich die Schweiz als am zukunftsfähigsten. Ebenso bei der Infrastruktur, wo die Telekommunikationsinfrastruktur, die Länge der Autobahnen und Gleise, das Güterverkehrsvolumen, die Transportinfrastruktur oder der Anteil erneuerbarer Energien den Ausschlag gaben. Am fortschrittlichsten ist sie ausserdem in Bezug auf Technologie. «Was das Niveau der digitalen Kompetenzen angeht, belegt die Schweiz hier zwar nur Rang sieben. Sie investiert jedoch enorm viel in Forschung und Entwicklung», erklärt Maurer. «Die staatlichen Beiträge sind relativ hoch und Hightech-Güter machen einen grossen Anteil am Export von Fertigwaren aus.»

Ein Gefälle von Norden nach Südosten

«Innerhalb Europas zeigt unsere Studie ein klares Nord-Südost-Gefälle», sagt Maurer. «Nördliche Staaten wie Norwegen, Island, Schweden, die Niederlande, Dänemark und Finnland sind gemessen an den Supertrends sehr fortschrittlich, während im südlichen und östlichen Europa grösserer Aufholbedarf besteht.» Zukunftsorientiert zeigt sich Australien, das dank guter Werte bei den Supertrends Unzufriedene Gesellschaften und Silver Economy den achten Rang belegt. Die USA positionieren sich im vorderen Mittelfeld auf Rang zehn, wobei sie insbesondere in Bezug auf Technologie gut abschneiden. Bei den Ausgaben für Computersoftware in Prozent des Bruttoinlandsprodukts sind sie gar führend. Dicht hinter den USA auf Platz elf kommt Deutschland, gefolgt vom Vereinigten Königreich. Im Mittelfeld auf den Plätzen 15 und 16 finden sich Frankreich sowie Japan, das zwar die höchste Lebenserwartung ausweist, bei der Qualität der Pensionssysteme jedoch am wenigsten fortschrittlich erscheint.

Angeführt wird das Gesamtranking von der Schweiz. «Das Resultat hat uns insofern nicht überrascht, als die Schweiz bei Untersuchungen zur Zukunftsfähigkeit ja stets in der Spitzengruppe mit dabei ist» erklärt Maurer. «Auch beim gewissermassen einfachsten Mass, dem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf.» Allerdings gebe es ein gewisses Spannungsfeld. Die direkte Demokratie verlangsame zwar Fortschritte, beuge aber auch Fehlentwicklungen vor. «Auf viele Schweizerinnen und Schweizer wirkt ihr Land nicht besonders dynamisch, sie sind jedoch der Meinung, dass es bei Bedarf durchaus schnell tragfähige Lösungen findet», sagt Maurer. «Die Wirtschaftsakteure werden als sehr agil wahrgenommen. Wir schätzen, dass jedes siebte kleine oder mittlere Unternehmen (KMU) der Schweiz in einem ganz bestimmten Bereich Weltmarktführer ist.»