Praxis trifft Theorie
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Praxis trifft Theorie

Logitech-Gründer Daniel Borel und Martin Vetterli, Präsident der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL), sprechen über das Unternehmertum in der Schweiz, das Gründer-Gen und darüber, was Alfred Escher heute im Land wohl verändern würde.

Herr Vetterli, Herr Borel, Sie beide zählen zu den wichtigsten Akteuren im Schweizer Unternehmer-Universum...

Martin Vetterli (MV): … Er vor allem!

Daniel Borel (DB): Was erzählst du, du bist doch noch aktiv! Ich bin bloss ein Pensionär, wohne im Silicon Valley und habe ein gewisses Interesse für Technologie und Unternehmertum.

Was denken Sie, gibt es das viel zitierte Unternehmer-Gen? Eine neue Credit Suisse Studie* bejaht diese Frage – sind Sie einverstanden? 

MV: Auf jeden Fall gibt es das. Es ist wie in der Kunst, man kann Kurse nehmen und sich wirklich bemühen. Aber am Ende gibt es herausragende Maler oder Tänzer – und es gibt den Rest von uns. Bei Unternehmern ist es ähnlich.

Herr Vetterli, bevor Sie EPFL-Präsident wurden, waren Sie selber bei einem erfolgreichen Start-up dabei. Doch Sie hängten die Unternehmerkarriere an den Nagel. Warum? Fehlt Ihnen dieses Gen?

MV: Mein Vater war Unternehmer, meine DNA enthält sicher etwas davon. Irgendwann erkennt man, wo man die grösste Wirkung erzielen kann. Ich glaube, das ist bei mir im akademischen Umfeld, nicht in einem Start-up. Ich fühle mich dem Unternehmertum aber stark verbunden. Viele meiner Studentinnen und Studenten haben diese Richtung eingeschlagen, und ich unterstütze sie tatkräftig.

Herr Borel, wie war es bei Ihnen? War Ihr Weg schon immer klar vorgezeichnet?

DB: Nein. Ich glaube, jeder sucht im Leben nach etwas, das seine Leidenschaft entfacht. Mit 27 Jahren kam ich dank einem Nationalfonds-Stipendium in die USA und traf dort viele Menschen, die sich für Computerwissenschaften begeisterten. Es war Ende der 1970er Jahre, die IT-Revolution zeichnete sich ab. Ich tauchte in ein Milieu ein, das die Zukunft neu erfinden wollte. Es wŠre schwierig gewesen, keine Leidenschaft zu entwickeln. Aber wäre ich in der Schweiz geblieben, wäre es mšglicherweise ganz anders herausgekommen.

MV: Liegt das Unternehmertum bei euch in der Familie?

DB: Mein Grossvater väterlicherseits, der mich aufzog, baute zwei Fabriken auf und hatte 70 Patente angemeldet. Mein Grossvater mütterlicherseits war Pariser und Direktor bei Saint-Gobain, einem Grosskonzern.

Irgendwann erkennt man, wo man die grösste Wirkung erzielen kann.

Martin Vetterli

Alfred Escher war einer der grössten Unternehmer der Schweiz. Nächstes Jahr ist sein 200-Jahre-Jubiläum. Was macht ihn so wichtig für die Schweiz?

MV: Escher vollbrachte drei unglaubliche Dinge, von denen jedes einzelne allein für eine Statue vor dem Hauptbahnhof Zürich reichen würde. Er brachte die Infrastruktur der Schweiz entscheidend voran, indem er Zuglinien und den Gotthardtunnel initiierte. Er führte das Risikokapital in die Schweiz ein, indem er die Schweizerische Kreditanstalt [heute: Credit Suisse, Anm.d.Red.] gründete, um die neue Infrastruktur zu finanzieren. Zuglinien waren so etwas wie die Start-ups der damaligen Zeit. Und dann kam der wahre Geniestreich. Er sagte, wir brauchen eine neue Ausbildungsstätte für die aufkommenden Themen: Wissenschaft und Technologie. Er gründete die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH).

Wenn Sie die Schweiz anschauen – was würde Escher heute wohl tun?

DB: Er würde die Unterstützung für die technischen Hochschulen intensivieren. Wenn sie als Gesellschaft in die Ausbildung von Ingenieuren investieren, machen Sie nie einen Fehler. Zu viele Ingenieure? Das gibt es gar nicht.

MV: Im aufstrebenden 19. Jahrhundert war die Gefahr real, dass die Schweiz den Anschluss verliert und in der Landwirtschaft stecken bleibt. Dieses Szenario droht heute wieder. Wir sind drauf und dran, bei den Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts abgehängt zu werden. Escher würde vielleicht eine ganz neue technische Hochschule rund um die zukunftsträchtigen Technologien und Businessmodelle gründen oder zumindest die ETH und die EPFL total umkrempeln.

Sie sprechen von der Informatik?

MV: Wir nennen es Informatik, das sagt schon alles! In den USA heisst das Fach Computerwissenschaften – Computer Sciences –, das hat doch einen ganz anderen Stellenwert. In Stanford und Berkeley, wo ich studierte und arbeitete, sind die begehrtesten Fächer Elektrotechnik und Computerwissenschaften. Da findet man die meisten Studenten, die härteste Selektion und am meisten Geld. In unserem akademischen Milieu hingegen rümpft man eher die Nase über Studierende und Professoren dieser Fächer. Daniel ist Physiker – ich würde nie etwas gegen sie sagen. Aber Computerwissenschaften sind nun einmal die wichtigste Wissenschaft im 21. Jahrhundert.

Gerade jetzt beginnt eine Ära, die das goldene Zeitalter für uns werden könnte.

Martin Vetterli

Die meisten Firmen im Swiss Market Index (SMI) sind über 100 Jahre alt. Eine Gefahr oder vielleicht sogar eine Chance?

DB: Die industrielle Landschaft in der Schweiz muss sich dringend erneuern. Schauen Sie, wie schnell sich die Welt heute dreht. Die GAFAM [Google, Apple, Facebook, Amazon, Microsoft, Anm.d.Red.] sind keine 40 Jahre alt. Aus Europa ist keine Firma dabei! Damit haben wir die Chance auf viele neue Arbeitsplätze vergeben. Und unsere traditionellen Firmen kommen mehr und mehr unter Druck.

MV: Mehr als die Hälfte der Schweizerinnen und Schweizer sind im Dienstleistungssektor beschäftigt. In diesem Bereich gibt es die grösste digitale Disruption. Escher würde unsere Versicherungen und Banken warnen: «Passt gut auf!»

Sie sind beide sehr kritisch. Sehen Sie zurzeit auch Chancen für die Schweiz?

DB: Man muss die Geschichte anschauen, verstehen, wer wir sind, und dann massiv in die richtigen Dinge investieren. Informatik ist nicht in der Schweizer DNA verankert. Wir sind gut in langsamen Dingen, die Computerwelt dreht sich aber sehr schnell. Wir sind gut in Dingen, wo man wirklich tief graben muss, wie Biotechnologie oder Medtech. Das sind Felder, die zu unserer DNA passen.

MV: Gerade jetzt beginnt eine Ära, die das goldene Zeitalter für uns werden könnte: Die reine Informatik stösst an Grenzen, vieles wurde ausgelotet. Jetzt muss man sie kombinieren mit anderen Fachrichtungen, mit Ingenieurwissenschaften, Informatik und Physik, sowie mit Produkten aus dem Konsumbereich. Das nennt sich das Internet of Things. Darin könnten wir die Amerikaner schlagen. Aber ich bleibe bei meiner Aussage: Voraussetzung ist eine breite Schicht von Informatikerinnen und Informatikern. Pflegen wir nur die klassischen Disziplinen, gehen wir unter.

DB: Die Schweiz hat durch ihre Kleinheit eine enorme Chance. Das gilt gerade auch für die EPFL, die viel kleiner ist als ihre Pendants in den USA. Die einzelnen Departemente stehen sich wohlwollend gegenüber und arbeiten zusammen, diese Nähe ist grossartig und einmalig. Genau dort, beim Übergang von einem Fach ins andere, liegen grosse Potenziale brach, zum Beispiel zwischen Robotik und Nanotechnologie. Auch wir bei Logitech haben überlebt, indem wir verschiedene Dinge zusammenbrachten, ohne in einer einzelnen Disziplin die besten zu sein. In Stanford, das ich sonst so lobe, leben sie in Silos. Jedes Departement hat seine Stars, aber es gibt wenig Austausch.

Ich tauchte in ein Milieu ein, das die Zukunft neu erfinden wollte.

Daniel Borel

Herr Vetterli, für Sie ist das Silicon Valley kein Vorbild für die Schweiz. Warum?

MV: Verstehen Sie mich nicht falsch. Das Silicon Valley ist grossartig. Man respektiert die Unternehmer, die besten Ingenieure der Welt sind dort. Es ist sehr einfach, eine Firma zu gründen und Talente zu finden. Es ist – zumindest bis jetzt – sehr international. Aber als Gesellschaftsmodell funktioniert es nur bedingt. Breite Bevölkerungsschichten sind von der Bildung ausgeschlossen, kürzlich war ich in San Francisco – die soziale Kluft ist bedenklich gross geworden. In der Schweiz kann jede und jeder eine Ausbildung mit sehr hoher Qualität geniessen. Dem müssen wir Sorge tragen, denn auch hierzulande beginnt sich der Graben in der Bevölkerung zu öffnen.

DB: Mein Enthusiasmus für das Silicon Valley hängt stark damit zusammen, dass ich dort Dinge finde, die es hier nicht gibt, die ich aber sehr gerne hier sehen würde. In einer Gesellschaft gibt es nur ganz wenige Menschen, die wirklich Arbeitsplätze kreieren können. Man sollte mit ihnen sehr sorgfältig umgehen. Das kann Amerika. Gleichzeitig ist es wichtig, dass das generelle Bildungsniveau genügend hoch ist – auch der Angestellte im Warenhaus muss eine Ahnung haben von digitalen Dingen, sonst hat er morgen keinen Job mehr. Punkto Bildung für alle macht es die Schweiz sicher besser.

Schickt die Jungen zwei Jahre ins Ausland – das würde ihre Wettbewerbsfähigkeit drastisch erhöhen.

Daniel Borel

Apropos Internationalität, viele erfolgreiche Start-up-Gründer stammen aus Immigrantenfamilien. Steve Jobs (Syrien), Elon Musk (Südafrika) oder Jeff Bezos (Kuba) sind nur einige Beispiele. Haben Sie eine Erklärung dafür?

DB: Sie müssen mehr kämpfen, um sich durchzusetzen. Das ist Darwinismus. Wir sehen das auch hier, an der EPFL: 60 Prozent der Preise für die besten Abschlüsse gewinnen Ausländer.

MV: Auch die Start-ups, die hier entstehen, werden oft von ausländischen Studenten gegründet. Übrigens, als Escher die ETH gründete, fing er mit 60 oder 70 Prozent deutschen Professoren an, und es störte niemanden. Es gehört also zur Schweizer Tradition, dass man offen ist gegen aussen.

DB: Ich persönlich finde es schade, dass Schweizer Politikerinnen und Politikern etwa oft die Auslanderfahrung fehlt, wenige von ihnen haben länger im Ausland gelebt. Wie wollen sie da die Schweiz in der EU oder in Amerika positionieren oder unsere Aussenbeziehungen regeln? Ich finde: Schickt unsere Jungen zwei Jahre ins Ausland statt in den Militärdienst – das würde ihre Wettbewerbsfähigkeit drastisch erhöhen.

Herr Borel, Herr Vetterli, was ist Ihrer Meinung nach «the next big thing» ?

DB: Künstliche Intelligenz. Die wird Überall Einzug halten. Ehrlich gesagt kenne ich mich da aber nicht so gut aus wie Martin. Bist du einverstanden?

MV: Ja, das stimmt schon, aber die künstliche Intelligenz ist bereits in Gebrauch. Ich nenne sie übrigens lieber Datenwissenschaften. Das ist breiter, und letztlich geht es darum, was wir mit Daten alles tun können: sehr viel Gutes, aber auch Gefährliches. Da kommen viele ethische Fragen auf uns zu, sie werden zu grossen gesellschaftlichen Herausforderungen in diesem Jahrhundert. Sie haben aber nach dem nächsten grossen Ding gefragt. Da würde ich sagen: Quantum Computing [Computer, die nach den Gesetzen der Quantenmechanik funktionieren, sollen bestimmte Probleme der Informatik sehr effizient lösen, Anm. d. Red.]. Das wird die Welt umpflügen, alles verändern – aber ich verrate Ihnen nicht, wann genau es so weit ist (lacht).