Zenit oder Zwischenstopp: Israel, die Start-up-Nation am Scheideweg?
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Zenit oder Zwischenstopp: Israel, die Start-up-Nation am Scheideweg?

Am 20. September 2016 fand das dritte Credit Suisse Hightech-Forum in Tel Aviv statt. In der zentralen Frage, ob Israel an einem Scheideweg steht, reichte die Stimmung von Optimismus bis hin zu Alarmbereitschaft.

Rund 12,5 Prozent des israelischen BIP sowie die Hälfte der industriellen Exporte des Landes entfallen auf Hightech-Waren und -Dienstleistungen. Noch vor rund fünfzig Jahren exportierte Israel in erster Linie Agrarprodukte. Seitdem konnte sich das Land dank der einzigartigen Kombination einer hohen Einwanderung, hervorragend ausgebildeten Arbeitskräften, einem Mangel an natürlichen Ressourcen sowie immensen staatlichen Investitionen in die Technologiebranche zur sogenannten «Start-up-Nation» entwickeln. Heute beeinflusst Israel viele Disziplinen wesentlich – von Hydrokultur über Cybersicherheit bis hin zu Automotive-Software-Systemen.

Trotz des überwältigenden Erfolgs der israelischen Start-up-Szene in der letzten Dekade sehen Beobachter Probleme am Horizont aufziehen. So steigen nur wenige israelische Hightech-Unternehmen zum Global Player auf. Viele Start-ups bevorzugen die sichere Variante und lassen sich deutlich früher als Unternehmen in Europa und den USA auf Fusionen und Übernahmen ein, statt selbst zu einer grossen Aktiengesellschaft heranzuwachsen. Forschung und Entwicklung spielen zwar weiterhin eine wichtige Rolle, doch die Anzahl neuer Arbeitsplätze in der Hightech-Branche geht seit Kurzem zurück: Im Vergleich zu 2013 sank die Zahl 2014 um 2 Prozent, und dies bei insgesamt sinkender Arbeitslosigkeit.

Umgang mit dem Paradigmenwechsel

Das diesjährige Hightech-Forum der Credit Suisse widmete sich diesem beunruhigenden Paradigmenwechsel und stand unter dem Motto: «Start-Up Nation at a Crossroads? Maintaining Leadership in a High-Tech World». Über 200 Teilnehmer aus Israel, Russland und Europa – darunter eine Reihe führender Köpfe aus Investment- und Unternehmenskreisen, Mitarbeitende der Credit Suisse und Vertreter der Event-Sponsoren OurCrowd First und Tadmor & Co. Yuval Levy & Co – beschäftigten sich mit Fragen wie: Droht Israel der Verlust seiner globalen Vorreiterrolle? Welche Belege gibt es hierfür? Und falls dies wirklich der Fall sein sollte, so stellte Amit Ben Sira, Marktleiter Israel and Central & Eastern Europe bei der Credit Suisse, mit folgender Frage die Weichen für die Konferenz: «Was braucht es, um die Herausforderungen an die Start-up-Nation zu meistern?»

Wie geht es den israelischen Start-ups?

Shmuel (Mooly) Eden, Hightech-Consultant und ein weltweit führender Kopf der Branche, unterzog die israelische Start-up-Szene nicht nur einem Gesundheitscheck, sondern lieferte gleich ein Rezept für den potenziellen Patienten. «Kirschtomaten… Solarenergiesysteme… USB-Sticks… der Intel-Core-Prozessor… Was haben diese Dinge gemeinsam?», leitete Eden seinen anregenden Vortrag ein. Die Antwort? Alle diese Innovationen haben ihren Ursprung in Israel. «Doch sie sind nicht im luftleeren Raum entstanden», so Eden. «Die Hürden, die einst Kommunikation, Zusammenarbeit und den internationalen Handel behinderten, sind in den letzten 15 Jahren weitgehend gefallen.»

Der beste Weg, die Zukunft vorherzusagen, ist, sie zu erfinden!

Alan Kay

Das exponentielle Zeitalter

Eden betonte zudem, dass Wandel und Wachstum heute exponentiell verlaufen. «Was Sie früher in fünf Jahren erledigt haben, müssen Sie heute in drei schaffen. Was Sie früher in drei Jahren erledigt haben, müssen Sie heute in einem schaffen. Was Sie früher in einem Jahr erledigt haben, müssen Sie heute in sechs Monaten schaffen», führte er aus. In den letzten zehn Jahren hat sich die Wachstumsrate digitaler Daten um das Sechzigfache erhöht. Laut Eden ist davon nicht allein die Hardware betroffen. Auch soziale Kommunikation und wirtschaftlicher Wandel sind von dieser Entwicklung beeinflusst. Banken werden sich aufgrund von Blockchain- und anderen neuen Technologien sowie Geschäftsmodellen grundlegend verändern. Frei nach Darwin folgerte Eden: «Nicht die stärkste Spezies überlebt, auch nicht die intelligenteste, sondern diejenige, die am ehesten bereit ist, sich zu verändern.»

Credit Suisse High-Tech Forum, Tel Aviv, 20 September, 2016 

Quelle: YouTube (creditsuissevideos)

Innovation in Israel – Steht das Land an einem Scheideweg?

Schliesslich wandte sich Eden der konkreten Situation in Israel zu. Er stellte fest, dass die Start-up-Nation auf den ersten Blick einen Boom erlebt. Die Rekordzahlen aus dem Jahr 2015, in dem USD 4,5 Mia. Kapital in israelische Start-ups flossen, dürften 2016 um knapp 20 Prozent übertroffen werden. Allein in der Fintech-Branche gibt es 400 Start-ups – Tendenz steigend. Laut Eden besteht das Problem darin, dass viele israelische Innovationen der letzten Jahre das Ergebnis vergangener Entwicklungen waren. Als Beispiel nannte er den «Braingain» in den 1990er-Jahren nach dem Zerfall der Sowjetunion. Bei der PISA-Studie liegen heute 33 Prozent der israelischen Schüler im internationalen Vergleich mit ihren mathematischen Leistungen im unteren Drittel, insgesamt belegt Israel Platz 41 (von 65 Ländern).

Ist dies also das Ende der Start-up-Nation? Die Herausforderungen sind real, dennoch bleibt Eden optimistisch. Die Kultur Israels ermögliche es dem Einzelnen, Autoritäten anzuzweifeln und alles zu hinterfragen. «Wir müssen das Richtige tun, damit es einen zweiten Teil zur Geschichte „Start-up-Nation Israel“ gibt. Doch wie Alan Kay sagte: ‹Der beste Weg, die Zukunft vorherzusagen, ist, sie zu erfinden!›»