«Herzblut ist das Wichtigste»
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«Herzblut ist das Wichtigste»

Mark Sandmeier war der erste Angestellte von jobs.ch. Heute hilft er Jungunternehmen auf die Beine.

Was mein Beruf ist? «Ich bin CEO eines Startups», sagt der sympathische Mann mit dem offenen Blick direkt. «CEO klingt doch o.k., ganz schlimm fände ich Geschäftsführer», fügt er lachend an. Mark Sandmeier – Jeans, Hemd und Veston – sitzt im kleinen, in moderner skandinavischer Gemütlichkeit gestalteten Sitzungszimmer von einem der fünfzehn Jungunternehmen, an denen er sich in den letzten Jahren beteiligt hat. Er hat einen CEO-Posten, drei Verwaltungsratsmandate und ist ansonsten Coach, Berater oder stiller Teilhaber bei Start-ups.

Dieses hier heisst TestingTime, Sandmeier ist Verwaltungsrat und Investor, das Jungunternehmen betreibt eine Plattform, auf der Firmen Testpersonen für ihre Produkte finden können. Vielleicht Suchen sie «Digital Natives» im Grossraum Köln, die eine neue App testen, oder junge, stillende Frauen in Amsterdam für eine Muttermilchpumpe. Damit Sandmeier sich für ein Start-up interessiert, muss dieses klare Kriterien erfüllen: «Ausgeschlossen ist alles, was nicht digital ist oder digital unterstützt wird. Ausgeschlossen sind auch die Gebiete Fintech und Health Care, weil ich davon einfach zu wenig verstehe», sagt der Unternehmer. Von zehn Konzepten müsse eines sehr spannend tönen, und dann gehe es vor allem um die Leute: «Es braucht dafür Gespür und Vertrauen.» Aber er habe nicht zehn perfekt klingende Merksätze, um seine unternehmerische Philosophie darzustellen, ausser vielleicht diesen: Erfolg entstehe aus vielen Puzzleteilen, die zusammenpassen müssen, und es gelte, immer wieder neu herauszufinden, was es im jeweiligen Fall genau brauche.

«Herzblut» als Antrieb

Letztlich gehe es ihm um einfache, grundsätzliche Dinge im Berufsleben: «Ich möchte etwas tun, was mir Freude macht, und wofür ich Herzblut habe. Herzblut ist sowieso das Wichtigste», sagt Mark Sandmeier, der mit jobs.ch den digitalen Wandel in der Schweizer Medienwelt mitangetrieben und miterlebt hat. Plötzlich war es einfacher, besser und günstiger, einen neuen Mitarbeiter nicht mehr via Zeitungsinserat, sondern im Internet zu suchen. Die Digitalisierung habe eine Dienstleistung und die Verbindung zwischen Angebot und Nachfrage unterstützt und besser gemacht: «Das war disruptiv und hat uns deshalb auch immer mal wieder ein schlechtes Gewissen bereitet», sagt Sandmeier rückblickend. Schliesslich hätten die traditionellen Medienhäuser unter den neuen Anbietern gelitten. Ironie der Geschichte ist, dass dieselben grossen Medienhäuser, die von der Verlagerung von Stellenanzeigen und anderen Klein-Annoncen ins Internet unter Druck gesetzt wurden, später Portale wie jobs.ch gekauft haben.

Viele Dienstleistungen sind mittlerweile automatisiert, jedoch ersetzt nichts den menschlichen Kontakt.

Mark Sandmeier

Mark Sandmeier ist jene Phase eines Unternehmens am liebsten, in der die Grundlage für den späteren Erfolg gelegt wird. «Ich war nach den beiden Gründern der dritte Mitarbeiter von jobs.ch und der erste Angestellte, den sie ins Boot geholt haben. Bis man auf 20 Leute wächst, ist jeder Einzelne noch gleich wichtig. Ab 50, 60 Mitarbeitetenden wird es schon schwierig, dann kann man nicht mehr direkt führen, Einzelne können sich verstecken», sagt er. Er möge die Situation, wenn ein weisses Blatt Papier vor einem liege, das gefüllt werden wolle: «Etwas anstossen, aus Fehlern lernen, alles wieder hinterfragen und dann vorwärtsbringen. Aber wenn etwas zu gross und zu kompliziert wird, ist es nicht mehr mein Ding», sagt Sandmeier auch. Das seien wohl typisch schweizerische Tugenden, die er pflege: «Nicht zu schnell wachsen, schrittweise vorwärtsgehen.»

Mit Menschlichkeit zum Erfolg

Sein letztes Engagement ist eine Firma namens Picstars, deren Geschäftsidee er zuerst nicht verstanden habe, wie er freimütig einräumt. Es geht darum, Marken und potenzielle Markenbotschafter auf einer Internetplattform – natürlich! – zusammenzubringen. 2015 wurde Mark Sandmeier als möglicher Investor angegangen, er liess sich zuerst das Produkt detailliert erklären, bis er es verstanden hatte. Erst dann begann er, das Unternehmen zu beraten. Am Ende ist er ein Teil des Teams geworden, als CEO. Picstars sei zwar eine digital ausgerichtete Firma, aber letztlich gehe es immer darum, ein Kundenbedürfnis zu befriedigen. Und auch wenn viele Dienstleistungen mittlerweile automatisiert würden, ersetze nichts den menschlichen Kontakt.

Sein eigenes Leben, erzählt Sandmeier, sei teilweise digitalisiert, indem ein Roboter den Rasen mähe und eine App die Heizung im Ferienhaus steuern könne. Und ja, er werde vermutlich in Zukunft nur noch Zeitungsartikel auf einem mobilen Gerät lesen, die eine Vertrauensperson nach seinen Interessen ausgesucht habe. «Aber ich geniesse es, abends das Handy wegzulegen und mit meiner Frau und unseren Kindern ganz analog zu Abend zu essen.»