Ausländische Firmen und die «neue Normalität» in China

Härtere Zeiten für in China investierende Auslandsfirmen, da das dortige Wirtschaftswachstum sinkt. Zudem erschweren mehr Regulierung und die Suche nach Talenten die Tätigkeit dort ebenfalls. Der Ausblick bleibt dennoch positiv.

Das Wirtschaftswachstum Chinas hat sich in den letzten Jahren erheblich verlangsamt, von zweistelligen jährlichen Raten auf nachhaltigere Werte von rund 6–7 Prozent. «Früher war die chinesische Wirtschaft sehr vorhersehbar, doch das ist nicht mehr der Fall. Chinas verschiedene Provinzen und Städte entwickeln sich sehr unterschiedlich», sagte Jörg Wuttke, Präsident der Handelskammer der Europäischen Union in China, bei einer im Rahmen der Asian Investment Conference der Credit Suisse veranstalteten Podiumsdiskussion zum Thema «Doing Business in China».

Wichtiger Handelspartner für Europa

Mit Gesamtexporten im Wert von 165 Milliarden Euro im Jahr 2014 ist China der zweitgrösste Handelspartner der Europäischen Union (EU), während das Reich der Mitte hinter der EU und den USA für die Schweiz der drittgrösste Handelspartner ist (siehe nebenstehende Grafik). Rund 4 Prozent der schweizerischen Exporte – dies entspricht 8,8 Milliarden Schweizer Franken – gingen im Jahr 2013 nach China. Das im Juli 2014 in Kraft getretene Freihandelsabkommen (FHA) zwischen den beiden Ländern dürfte den Ausfuhren der Schweiz weiteren Auftrieb verleihen, da es geringere Zölle auf einzelne Produkte oder Produktgruppen mit sich bringen wird. Nach China exportierende Unternehmen müssen sich jedoch darüber im Klaren sein, dass das allgemeine Geschäftsumfeld des Landes in den letzten Jahren schwieriger geworden ist. «Der chinesische Markt ist für ausländische Firmen, die sich dort zu etablieren versuchen, definitiv schwieriger geworden. Nicht nur, dass sich das Wachstum verlangsamt. Es gibt generell mehr inländische Konkurrenz und die Behörden haben strengere Kontrollen in Bezug auf das Internet verhängt und verlangen zudem ein bestimmtes Mass an inländischen Inhalten (in manchen Bereichen)», betont Vincent Chan, Leiter China Research bei der Credit Suisse. «Das Binden von Talenten ist definitiv ebenfalls ein Problem, ebenso wie der Kampf um den besten Standort (für Ladengeschäfte)», meint Robert Buchbauer, Mitglied des Executive Board des österreichischen Kristallschmuckherstellers Swarovski.

Mangel an qualifizierten Arbeitskräften, langsames Internet, steigende Kosten

Den an der Podiumsdiskussion teilnehmenden Experten zufolge wird es zunehmend schwieriger, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden und zu halten, was neben der geringen Geschwindigkeit des Internets in China eine der grössten Herausforderungen für ausländische Firmen darstellt. Fast 90 Prozent der europäischen Unternehmen geben an, dass das geringe Tempo des Internets ein Hemmnis für ihre Geschäftsentwicklung in China darstellt, und ein Drittel von ihnen wird dort nicht in Forschung investieren, da die Internetverbindungen zu langsam sind, um grosse Dateien zu senden, so Wuttke. Ein weiterer Trend, der nicht übersehen werden sollte, ist die Kostenstruktur des Landes: «Die Kosten für Land, Arbeit, Versorgungsleistungen und Finanzierung steigen und könnten 2025 um zwei Drittel höher liegen», warnt Wuttke.

Aufkommen stärkerer lokaler Wettbewerber

Bestimmte Sektoren sehen sich bei ihrem Tagesgeschäft anderen Arten von Hürden gegenüber. Die im chinesischen Luftraum verfügbare Kapazität ist beispielsweise ein Aspekt, der direkte Auswirkungen auf die Luftfahrtbranche hat. «In westlichen Ländern sind 80 Prozent des Luftraums für die zivile und 20 Prozent für die militärische Nutzung vorgesehen. In China ist dieses Verhältnis umgekehrt», so Marc Allen, President von Boeing International. Dies führt zu Engpässen und Flugverspätungen. Die laufenden Anti-Korruptionsbemühungen sowie einheimische Unternehmen, die auf den chinesischen Markt drängen, haben nach Auffassung Buchbauers in gewissem Umfang den gesamten Luxusgütersektor beeinflusst. Auch bei Produkten des täglichen Gebrauchs wie Hygieneartikeln, Telekommunikations- und Elektronikprodukten wird die Konkurrenz durch einheimische Firmen intensiver. Lebensmittel stellen eine bemerkenswerte Ausnahme dar, da die chinesische Bevölkerung nach wie vor Bedenken in Bezug auf deren Sicherheit hat. «Hochwertige Konsumprodukte sind hingegen weniger stark betroffen, da ihr Markenwert enorm und schwer zu duplizieren ist», bemerkt Chan.

Pragmatischer Ansatz bei der Umsetzung von Regeln

Obwohl die Anzahl von Regelungen gestiegen und ihre Umsetzung in den letzten Jahren strikter geworden ist, bleiben die chinesischen Behörden pragmatisch. «Sie haben eine ‹Fail Fast›-Verfahrensweise übernommen, wie im Silicon Valley», merkt Allen an. Wenn eine Regelung nicht funktioniert, sind sie bereit, diese zurückzunehmen. «Diese Flexibilität ist wichtig, da sie Spielraum für Zusammenarbeit und Dialog auf bilateraler und multilateraler Ebene schafft», so Allen weiter. Dieses Jahr etwa setzte China Pläne für eine starke Regulierung der Technologie im Bankensektor aus, die Banken dazu gezwungen hätte, in grossem Umfang inländische Inhalte zu kaufen. «Ausländische Banken können nicht ohne ihre Oracle-, IBM- oder SAP-Systeme arbeiten und wären gezwungen gewesen, ein anderes Betriebssystem für den chinesischen Markt zu entwickeln», erläutert Wuttke. Die Unterstützung der chinesischen Behörden in dieser Angelegenheit zeigt, dass «sie manchmal sehr flexibel sind, was sehr positiv ist», fügt er hinzu.

Die Zukunft sieht dennoch vielversprechend aus

Auch künftig dürften sich in China zahlreiche Chancen bieten, getragen vor allem durch das Entstehen einer starken Mittelschicht. Jedes Jahr steigen Schätzungen zufolge mehr als 20 Millionen chinesische Haushalte in die Mittelschicht auf, womit sich einheimischen und ausländischen Firmen enorme Geschäftsgelegenheiten bieten. «Wir haben in China derzeit Wachstum zu verzeichnen und sehen trotz des regulatorischen Umfelds Spielraum für weitere Expansionen», so Buchbauer. Und was Boeing anbelangt, so sieht der Flugzeughersteller keinen Grund zur Besorgnis. «Im letzten Jahr war ein 100-prozentiges Wachstums der Passagierzahlen auf Inlandsflügen sowie ein 20-prozentiger Anstieg bei internationalen Flügen zu verzeichnen», stellt Allen fest und fügt hinzu, dass dieses Wachstum auf der aktuellen Situation basiert, in der im Durchschnitt lediglich jeder dritte Chinese jährlich eine Flugreise unternimmt. «China ist ein sehr grosser Markt, daher dürfte der stete Strom ausländischer Firmen, die dort geschäftlich tätig werden, anhalten und wachsen, trotz schwierigerer regulatorischer und wirtschaftlicher Zeiten», meint Chan.