Auf den Spuren der Meister
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Auf den Spuren der Meister

Nathalie Bäschlin, leitende Restauratorin-Konservatorin am Kunstmuseum Bern, gewährt Einblick in ihren Berufsalltag: eine Dokumentation in Text, Bild und Ton.

Picasso, Klee, Monet, Hodler oder Oppenheim: Das Kunstmuseum Bern (KMB) zählt Meisterwerke der berühmtesten Künstler aus dem 19. und 20. Jahrhundert zu seiner Sammlung. Nathalie Bäschlin kennt sie wie ihre Westentasche – schliesslich hat sie an viele von ihnen schon selbst Hand angelegt. Die leitende Restauratorin-Konservatorin am KMB stellt sicher, dass die fragilen Kulturgüter in gutem Zustand bleiben, und greift dort ein, wo der Zahn der Zeit seine Spuren hinterlassen hat. Für uns hat sie über ihren vielseitigen Beruf Tagebuch geführt und gibt Einblick in vier ereignisreiche Tage.

Freitag, 3. Februar 2017

Unterwegs für Meret Oppenheim

Heute begleite ich einen Transport nach Lugano. Wir bringen zwölf Werke als Leihgaben für die Ausstellung über Meret Oppenheim ins Kulturzentrum LAC Lugano Arte e Cultura.

Angekommen

Wir haben die Kisten sicher ins LAC gebracht und sie im klimatisierten Ausstellungsdepot eingelagert. Kunstgegenstände reagieren sensibel auf Veränderungen der Umgebung. Wechselnde Temperaturverhältnisse und Luftfeuchtigkeit können zu Materialveränderungen führen. Darum ist es wichtig, dass sich die Kisten an ihren neuen Standort akklimatisieren können – ausgepackt wird erst am Montag.

Montag, 6. Februar 2017

Ein Gemälde stellt sich quer

Mit dem Warenlift holen wir die Kisten in die Ausstellungsräume. Eine ist zu hoch für den Lift. Das Gemälde darin ist nicht aus unserer Sammlung, aber ich kenne es gut und kann den Technikern sagen, wie sie die Kiste in Schräglage bringen können, ohne dass das Werk Schaden nimmt. Einmal ausgepackt, wird zuerst der Zustand der Werke protokolliert. Alle Gemälde sind unversehrt angekommen. Wir wenden uns den Grafiken zu. 

Man Ray und die Verwechslung

An der Ausstellung soll unter anderem ein Porträt von Meret Oppenheim gezeigt werden, welches vom US-Fotografen Man Ray stammt. Das Foto trägt, wie auch ein anderes, das Ray von Meret Oppenheim gemacht hat, keinen Titel. Wie sich herausstellt, ist es zu einer Verwechslung gekommen: Das Foto, das wir nach Lugano gebracht haben, ist nicht das gewünschte. Zwar stimmt die Nummer im Leihvertrag, aber das Museum hätte das andere ohne Titel gewollt. Ein Umtausch mit erneutem Transport ist jedoch undenkbar.

Skulptur ohne Sockel

Jetzt sind die Skulpturen dran. Papierzettel markieren für jedes Werk die Stelle, wo es in der Ausstellung seinen Platz hat. Bei einer Skulptur stutzen wir: Der Sockel, den das Museum vorgesehen hat, passt ästhetisch nicht ins Bild. Wir finden einen passenderen Sockel, der noch gestrichen werden muss.

Dienstag, 7. Februar 2017

Abramović auf Reisen

Die erste Besprechung mit meinem Team steht an. Eine Mitarbeiterin begleitet zwei Skulpturen von Marina Abramović nach Stockholm. Die Skulpturen haben eine heikle Oberfläche, da führt ein Kratzer schnell zum Totalschaden. Beim Transport müssen sie sicher gestützt werden, gleichzeitig darf das Kontaktmaterial keine Spuren hinterlassen. Wir staffieren die Kiste mit einem Schaumstoff aus Polyethylen aus; der Kunststoff hat die chemische Eigenschaft, dass er auf die meisten Materialien nicht reagiert. Damit bietet er eine sichere und dennoch neutrale Umgebung.

Kunst und Keime

Anschliessend tauschen wir uns über Neuigkeiten zur Schädlingsprävention aus. Der Schrecken vom letzten Mal sitzt allen noch in den Knochen: Ein Holzwurm hatte die Paletten in unserem Aussenlager befallen und war so ins Museum gelangt. Der Schaden war gross: Wir mussten alle Transportkisten analysieren, alles reinigen und sämtliche Paletten auswechseln lassen. Wie wir später erfahren haben, ist frisch geschlagenes Holz von Nadelbäumen eher anfällig für solche Würmer. Daraus haben wir unsere Lehren gezogen.

Ausstellung mit dem Zentrum Paul Klee

Zum 100. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution von 1917 widmen das Zentrum Paul Klee und das Kunstmuseum Bern diesem Ereignis die Ausstellung «Die Revolution ist tot. Lang lebe die Revolution!». Zwei Mitarbeiterinnen besprechen mit dem Ausstellungsmanager den Stand der Dinge. Für die Ausstellung erwarten wir Werke aus allen Himmelsrichtungen, und wir haben nur zehn Tage Zeit für den Aufbau. Viele Leihgaben kommen aus Russland, wo die Bürokratie sämtliche Prozesse verlangsamt.

Auf den Spuren der Meister

Paul Klee unter dem Mikroskop

Die Techniker bringen mir ein kleinformatiges Gemälde von Paul Klee aus dem Depot. «Zwergmärchen» heisst das Werk von 1925. Es gehört einer Stiftung, die es an einer Ausstellung in Budapest zeigen will. Ich werde prüfen, ob das Werk transportfähig ist. Um mir ein erstes Bild von seinem Zustand zu machen, rahme ich das Gemälde aus, fotografiere es, sammle Informationen. Ich mache mir Notizen und ergänze damit die technischen Einträge in der Datenbank. Dann beginn meine Analyse: Ich untersuche das Gemälde mit Mikroskop und UV-Licht, überprüfe es mit einem feinen Werkzeug vorsichtig auf lose Stellen. Klee hat mehrere Karton- und Gipsschichten miteinander verbunden und auf einen Holzrahmen genagelt. Holz quillt und schwindet, was zu Rissen im Gips zwischen Karton und Rahmen führte. Hier können Erschütterungen erheblichen Schaden bewirken. Das Gemälde kann, falls überhaupt, nur unter ganz speziellen Bedingungen transportiert werden.

Auf den Spuren der Meister

Mittwoch, 8. Februar 2017

Ferdinand Hodler geht auf Reisen

«Die enttäuschten Seelen» von Ferdinand Hodler geht diesen Sommer nach New York an eine Ausstellung. In den 1980er-Jahren wurde das grossformatige Gemälde vom originalen Holzrahmen ab- und auf einen neuen Metallrahmen aufgespannt. Die Eckverbindungen des Rahmens sind beschädigt, und er ist schwer. Wir spannen das Gemälde ab. Demnächst bekommt es einen neuen Rahmen aus Holz.

Auf den Spuren der Meister

Aus Liebe zum Detail

Nach dem Mittagessen nehme ich das Gemälde von Hodler noch einmal in Augenschein. Unter dem Streiflicht zeigen sich Wachsdeponate an der Bildoberfläche. Ein Restaurator hat das Gemälde in den 1930er-Jahren mit Bienenwachs eingerieben, möglicherweise hat sich dieses mit den Jahren etwas entmischt. Die kleinen Sprenkel haben eine mattierende Wirkung, für den Besucher fast unsichtbar. Ich tupfe die Wachsdeponate mit einem Schwämmchen ab: Es darf praktisch kein Wasser aufnehmen, damit sich keine Farbe löst.

Notfall in der Ausstellung

Ein Junge hat in ein Gemälde gefasst. Ich eile hinauf in die Ausstellungsräume. Das Werk macht einen unbeschädigten Eindruck. Ich bin erleichtert, dass diesmal alles gut gegangen ist. Vor einiger Zeit hatte ich viel Arbeit mit einem Gemälde, das eine Delle abbekommen hatte – ein Kind hatte es mit seinem Rucksack touchiert. 

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Zeitspuren im Klee-Gemälde

Ich widme mich wieder dem Gemälde von Klee. Mir fällt auf, dass der Firnis, die Schutzschicht auf der Aquarellfarbe, Trübungen hat. Sie beeinträchtigen die Farbqualität und müssen entfernt werden. Allerdings muss ich dafür zuerst in Erfahrung bringen, welchen Werkstoff der Künstler verwendet hat – Klee hat dazu keine Angaben gemacht. Ich werde vom Firnis eine Probe entnehmen und sie dem Kunsttechnologischen Labor zur Analyse bringen. Die Krux liegt darin, die Probe an der richtigen Stelle zu entnehmen: Sie muss klein sein, aber dennoch möglichst alle verwendeten Werkstoffe enthalten. Nur so habe ich mit dem Bericht aus dem Labor eine sichere Grundlage, auf der ich die heikle Arbeit der Reinigung angehen kann.