On the Road Again

Wieso gehen Sinfonieorchester auf Tournee? Konzertreisen sind schwierig zu finanzieren und logistisch eine Herkulesarbeit. Doch viele Weltklasseorchester tun es immer wieder. Aber nicht wegen dem Geld.

Sie dauerte nur ein paar Stunden, doch sie hat Einzug in die Geschichtsbücher gehalten. Eine der ersten Konzertreisen war nur kurzstreckentauglich (zwischen Whitehall und Chelsea), fand zu Wasser statt (auf der Themse), das Zielpublikum sass im Polsterstuhl in der royalen Barke, das 50-köpfige Orchester spielte auf einem Begleitschiff. Fazit: King George I. war so begeistert von Händels «Wassermusik», dass er sie mindestens dreimal wiederholen liess. Für die Musiker hiess das: pausenlos spielen auf wackligem Untergrund. Aber der Erfolg lohnte die Mühe. Laut Chronisten soll die ganze Themse bedeckt gewesen sein mit Zuschauern auf Booten aller Art. Noch manches Orchestermitglied mag seinen Enkeln erzählt haben von diesem legendären 17. Juli 1717.

Eigentlich eine Zumutung

Was zeigt uns diese Geschichte? Konzertreisen sind eine Zumutung: Sie sind nicht nur anstrengend, sie sind auch eine organisatorische, logistische und finanzielle Herausforderung. Das gilt noch heute, wo die Musiker im Flugzeug oder dem bequemen Tourbus reisen. Die Grundzutaten – Strapazen, Zeitdruck, ungewohnte Akustik – bleiben dieselben. Und trotzdem gehen Orchester immer wieder auf Tour, und zwar nicht erst, seit der Luftverkehr massentauglich ist. Das New York Philharmonic (NYP) reiste schon 1882 unter Leopold Damrosch in den Mittleren Westen. Andere Weltklasseorchester wie das Sydney Symphony Orchestra (SSO) oder das Tonhalle-Orchester Zürich (TOZ) reisen seit den 1960ern regelmässig ins Ausland.

Wenn so ein Orchester reist, muss viel Material transportiert werden. Das New York Philharmonic rechnet für die 145 Reisenden (Musiker, Manager, technisches Personal) mit 104 Kubikmetern Fracht, darin enthalten 140 Instrumenten- und Kleiderkästen und rund 200 Stück Reisegepäck. Beim Tonhalle-Orchester Zürich reist neben den 100 Musikern, dem Management und dem technischen Personal auch ein Tourneearzt mit. Und sieben Tonnen Instrumente und Material. Auf seiner Chinatour 2014 war das Sydney Symphony Orchestra mit 102 Musikern sowie 14 Managern und Technikern unterwegs. Die Instrumente im Wert von 4,5 Millionen Dollar brauchten 63 Transportkisten. Sie flogen in einem eigenen Flugzeug mit.

Reisen bei angenehmen 23 Grad

Wer selber ein Instrument spielt – es muss ja nicht gleich auf Weltklasseniveau sein –, weiss, wie nachtragend sie sein können, nicht nur wenn sie grob behandelt werden. Temperatur-, Luftdruck- und Feuchtigkeitsschwankungen heissen die Gegner. Die Instrumente werden speziell verpackt, die Harfe des SSO etwa wird mit einem Extra-Sicherheitsgurt in der Transportbox angeschnallt. Die Instrumente des TOZ wiederum reisen im klimatisierten Lastwagen bei konstanten 23 Grad. Und die ganz teuren Stradivaris und Guarneris bleiben bei allen Orchestern immer «am Mann».

Europa, das Epizenter der klassischen Musik

Im Schnitt dauern die Vorbereitungen für eine Auslandtournee zwischen drei und vier Jahre. Beim TOZ sind dafür gut fünf Personen involviert, beim NYP bis zu 15. Länger als drei Wochen, sind sich alle drei Orchester einig, sollte eine Tour heute nicht dauern. Michaela Braun, Leitung Marketing und Kommunikation des TOZ, meint: «Auch Gastspiele, die ein bis drei Tage dauern, sind oft sehr interessant.» So seien sogenannte Residencies über die Jahre immer wichtiger geworden, denn man könne so den Austausch mit dem Publikum intensivieren. Auch Matthew VanBesien, Orchesterpräsident des NYP weist auf die Residency hin, die sein Orchester auf der kommenden Frühjahrstournee 2015 im Londoner Barbican Center hält. «Wir können dort viele unserer zentralen Projekte aufführen, die auch unseren Umgang mit zeitgenössischer Musik illustrieren.» Natürlich kann das SSO, das als führendes Orchester des asiatisch-pazifischen Raums seinen Konzertfokus auf China setzt und dort schon mehrere Touren absolviert hat, nicht nur für drei Tage am Stück auf Europatournee gehen. Aber nach Europa zu gehen, bleibt laut Rory Jeffes, dem Managing Director des SSO, ein Must: «Europa – als globales Epizenter der klassischen Orchestermusik – bleibt wichtig für uns. Wenn wir als Weltklasseorchester gelten wollen, müssen wir in dieser Region Präsenz markieren.»

Mit Musik kulturelle Differenzen überwinden

Wo ein Orchester hinreist, hängt von vielen Faktoren ab. So konnte sich das TOZ in Japan über viele Jahre hinweg eine treue Fangemeinde erspielen, während das SSO seit der ersten Chinatournee 2009 einen Schwerpunkt auf das Reich der Mitte mit seinem wachsenden Appetit auf klassische westliche Musik setzt. Immer schwingt neben der Arbeit an der eigenen Reputation auch das Motiv der Orchester als kulturelle Botschafter für ihr Land mit. Unter Leonard Bernstein reiste das NYP 1959 in die Sowjetunion, vor einigen Jahren debütierte das Orchester in Pjöngjang (2008) und Hanoi (2009). Für VanBesien sind solche Konzerte auch eine Chance zu zeigen, «dass Musik kulturelle Differenzen zu überwinden hilft, weil sie direkt das Herz anspricht». Eine andere Art, das lokale Publikum anzusprechen, besteht in der Auswahl der Musik. Natürlich soll ein klassisches Orchester klassisches Repertoire spielen – aber nicht nur. Das SSO will eine neue musikalische Tradition fördern, die westliches klassisches Erbe mit der reichen chinesischen Musiktradition verbindet. Deshalb hat das Orchester 2012 beim renommierten chinesischen Komponisten Zhao Jiping ein Konzert für chinesische Pipa und Orchester in Auftrag gegeben. Denn, so Rory Jeffes: «Bei einer Tournee gehts nicht darum, ein Konzert zu spielen und dann wieder abzureisen. Es geht um einen wirklichen wechselseitigen kulturellen Austausch.»

So anstrengend Tourneen auch sein mögen, sie stärken den Zusammenhalt im Team, treiben zu Höchstleistungen unter nicht immer idealen Umständen an, und sie sind gut für die Reputation und den globalen Stellenwert eines Orchesters. Auch wenn Konzertreisen heute nicht mehr unbedingt in die Annalen der klassischen Musik eingehen – es ist sicher immer wieder eine erinnernswerte «Fahrt auf der Themse» dabei.