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On- oder offline? — Diese Frage stellen sich nur noch Erwachsene, die Jugend ist weiter

Die Harvard-Forscher Sandra Cortesi und Urs Gasser untersuchen die digitale Jugend. Sie warnen: Nicht alles ist, wie es scheint.

Die Vielflieger und Weltenbummler wird ein Hauptbefund des jüngsten Credit Suisse Jugendbarometers nicht erstaunen. Egal ob in der Subway in New York, im Maracanã-Fussballstadion in Rio de Janeiro, in den Shopping Malls von Singapur oder im Seebad in Zürich: Überall sehen wir Jugendliche, die scheinbar pausenlos ihre Handys nutzen und in hohem Masse digital vernetzt zu sein scheinen. Die im Jugendbarometer publizierten Daten bestätigen, dass die 16- bis 25-Jährigen in den USA, Brasilien, Singapur und der Schweiz «problemlos Zugang zum Internet haben», «in der Regel jeden Tag und zu jeder Zeit dank den inzwischen flächendeckend vorhandenen Smartphones».

Auch wenn im Jahr 2015 nur eine Minderheit der Weltbevölkerung Zugang zu Digitaltechnologien hat, scheint sich zumindest in den vier genannten Ländern eine globale Kultur von «Digital Natives» zu festigen. In unserer Forschungsarbeit an der Harvard-Universität kommen wir zu ähnlichen Schlüssen in Bezug auf die Bedeutung der digitalen Welt für die Jugendlichen und können diese mit Fokusgruppen weiter vertiefen.

Das Jugendbarometer zeigt beispielsweise, dass bei den 16- bis 25-Jährigen Youtube hoch im Kurs ist. Durch Gespräche mit Jugendlichen kann dieser Befund in ein neues Licht gerückt werden. Fragt man sie, weshalb Youtube so populär ist, erkennt man schnell, dass es – vielleicht entgegen den Erwartungen – nicht nur um den Genuss von Musikvideos geht, sondern dass Youtube auch als Informationsquelle im schulischen Kontext (z.B. Prozentrechnungen besser verstehen lernen) und in der Freizeit (z.B. Gaming-, Schönheits- und Kochanleitungen) wichtig ist.

Der grosse blinde Fleck ist das Risiko, das von der kommerziellen Nutzung der Daten im Netz ausgeht. 

Systematische Gespräche mit Jugendlichen verdeutlichen auch, wie die im Jugendbarometer zitierte hohe Selbstverantwortungsrate mit Blick auf den Umgang mit persönlichen Daten zu verstehen ist. Junge Nutzer haben ziemlich ausgefeilte Mechanismen entwickelt, um mit dem Privatsphärenproblem im digitalen Umfeld umzugehen: von Selbstzensur bis hin zu Techniken des Reputationsmanagements. Der grosse blinde Fleck bleibt aber das Risiko, das von der kommerziellen Nutzung der Daten ausgeht. Deren möglicher Missbrauch ist den Jugendlichen kaum bewusst.

Was man sich ebenfalls vergegenwärtigen sollte: Die veröffentlichten Daten, und vor allem deren Bewertungen, sind aus der Perspektive der Erwachsenen verfasst (wie natürlich auch dieser Kommentar!). Gut lässt sich das zum Beispiel erkennen, wo der Bericht deutlich zwischen «online» und «offline» unterscheidet. Eine solche Unterscheidung macht – wie unsere Fokusgruppen nahelegen – für Jugendliche nicht mehr denselben Sinn wie für uns Erwachsene: Nicht nur dank der Verbreitung von Smartphones und erschwinglicheren Datenplänen, sondern auch dank der Zunahme an öffentlichen WiFi-Hotspots und verbessertem WiFi-Zugang in Schulen können Jugendliche mehr oder weniger rund um die Uhr online sein, womit sich die Grenzen zwischen on- und offline zunehmend verwischen (die wohl im sich anbahnenden Zeitalter des Internets der Dinge auch für Erwachsene infrage gestellt werden).

Bei der näheren Auseinandersetzung wird schliesslich bewusst, dass für die Bewertung der Daten nicht nur die Frage der gewählten (Erwachsenen- oder Jugend-)Perspektive eine Rolle spielt. Zur angemessenen Einordnung der Daten – zur Sinnzuschreibung – braucht es auch ein solides Verständnis der gesellschaftlichen, ökonomischen und gar rechtlichen Rahmenbedingungen. Dies vor allem dann, wenn man verschiedene Länder miteinander vergleichen möchte.

Das Jugendbarometer liefert viel Material zum Nachdenken («food for thought») und zur weiterführenden Auseinandersetzung. Vor allem aber kann der Bericht als Einladung verstanden werden, mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen, um ihren Umgang mit der digitalen Welt besser zu verstehen und gemeinsam über die Gestaltung einer global vernetzten Zukunft nachzudenken.