Öl stinkt nicht
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Öl stinkt nicht

Norwegen gilt als Vorbild für ein ebenso marktwirtschaftliches wie soziales Land. Das nordische Märchen über sehr viel Geld, kluge Politik und Doppelmoral beginnt so: Es war einmal eine kluge Entscheidung...

Stundenlang dauert die Reise mit dem Schiff durch den Oslofjord. Ehe man die Hauptstadt erreicht, passiert die Fähre unzählige Inseln und hunderte Kilometer Küste. Immer wieder schieben sich weisse Holzhäuser auf den bewachsenen Hängen ins Bild. Steil steigen die Landmassen vom Ufer aus an, im kühlen, dunkelblauen Wasser kreuzen private Motorboote und Segelschiffe.

Wer Norwegen und seine Bewohner verstehen möchte, wählt am besten diesen Weg – übers Meer vom Süden aus Dänemark oder Deutschland kommend –, um sich Oslo zu nähern. Denn vom Schiffsdeck aus wird klar, wie sehr Land und Leute vom Wasser und von der Natur geprägt sind.

Und man erhält eine Ahnung davon, wie wohlhabend sie sind: An den Ufern liegen stattliche Einfamilienhäuser, davor sind grosse Gärten angelegt und im Wasser schaukeln grosse Jachten an den Stegen.

Der Ökonom Arne Jon Isachsen nannte seine Heimat wegen der grossen Öl- und Gasvorkommen das «reichste Land der Welt». Selbst die luxuriösen Neubauten an der Osloer Küste, die man sieht, wenn die Fähre in den Hafen einläuft, verkaufen sich problemlos, obwohl die Preise erheblich über dem ohnehin schon hohen Osloer Durchschnittswert von über 6000 Schweizer Franken pro Quadratmeter liegen.

Norwegen ist mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von rund 77'500 Franken nach Luxemburg die Nummer zwei der Welt (Schweiz: 63'700 Franken), während die Einkommensunterschiede laut Industrieländerorganisation OECD so gering wie sonst in Westeuropa nur noch in Dänemark sind. Gleichzeitig hat der Staat pro Einwohner auch noch rund 160'000 Franken angespart (Stand: 7. Juli 2015).

Das Geld ist im «Pensionsfonds Ausland» angelegt, auch «Ölfonds» genannt. Der staatlich kontrollierte Fonds, dessen Geld in Aktien, Bonds und Immobilien investiert wird, speist sich aus den Einnahmen des Rohstoffexports. «Den Fonds anzulegen, war eine der weisesten Entscheidungen der norwegischen Politik», sagt der Wirtschaftsprofessor Erling Steigum.

Seit 1996 werden die norwegischen Staatseinnahmen aus dem Ölgeschäft, also die Einkünfte aus Ölsteuern sowie aus Besitzanteilen an Ölfeldern und am Rohstoffkonzern Statoil, dem grössten Unternehmen des Landes, via Ölfonds für die Zukunft im Ausland angelegt.

Norwegen war einmal ein armes Land mit einem harschen Klima, das vor allem ein Exportgut kannte: Fisch. Davon konnte man in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg nicht reich werden, Norwegen spielte deshalb – anders als die Schweiz – noch 1970 nicht in der Liga der reichen Länder. Das Pro-Kopf-Einkommen war gemessen an der Kaufkraft nicht einmal halb so hoch wie in der Schweiz und rund 15 Prozent tiefer als in der Bundesrepubilk Deutschland.

Heute gehört Norwegen zu den global grössten Öl- und Gasexporteuren und verdient Milliarden mit Bodenschätzen, die zu einem grossen Teil in der Nordsee vor den Städten Bergen und Stavanger gefördert werden. «Ich erinnere mich noch, wie an Weihnachten 1969 das erste Öl gefunden wurde. Wir alle waren gespannt, was das mit Norwegen machen würde, aber niemand hat geahnt, dass es ein so grosses Geschäft werden könnte», sagt Erling Steigum, 66, der an der Wirtschaftsuniversität BI in Oslo lehrt.

Politik der Vernunft

Norwegen gilt heute als beispielhaft dafür, wie mit vernünftiger Politik das tragische Schicksal an Bodenschätzen reicher Länder verhindert werden kann: der Ressourcenfluch und die Holländische Krankheit.

Es gibt arme Länder wie Nigeria, in denen trotz Bodenschätzen die breite Bevölkerung wegen der herrschenden Korruption nie umfassend von diesem Reichtum profitieren konnte. «Norwegen aber hat gut funktionierende Institutionen und konnte den Lebensstandard deutlich steigern, statt diesem Ressourcenfluch zu erliegen», sagt Steigum. Die Antikorruptions-NGO Transparency International listet Norwegen gemeinsam mit der Schweiz als Nummer fünf der am wenigsten korrupten Länder der Welt auf.

Auch die sogenannte Holländische Krankheit («Dutch disease») konnte Norwegen vermeiden. Dabei leiden andere Wirtschaftssektoren, weil die lokale Währung durch den Rohstoffexport stark aufgewertet wird und beinahe alle Investitionen in diese eine Branche fliessen. Das Phänomen wurde 1960 nach Gasfunden in den Niederlanden beobachtet. In Norwegen wird ein Grossteil der Öleinnahmen wieder in Fremdwährungen gewechselt und dann über den Ölfonds im Ausland angelegt.

Das nordische Königreich ist seit 1970, dem Jahr nach dem Ölfund, bis heute auf der OECD-Liste der Länder mit den höchsten Pro-Kopf-Einkommen nach Kaufkraft von Platz 18 auf 2 gestiegen.

Der Fonds hat mittlerweile ein Volumen von über sieben Billionen Kronen (830 Milliarden Franken) – doppelt so viel wie das norwegische Bruttoinlandprodukt. Kein anderer Staatsfonds ist so gross. Auf den nächsten Plätzen liegen laut dem Sovereign Wealth Fund Institute die Fonds aus Abu Dhabi (730 Milliarden) und Saudi-Arabien (715 Milliarden). Wie diesen Ländern macht auch Norwegen der aktuell niedrige Ölpreis zu schaffen und die Wirtschaft hofft auf einen erneuten Anstieg. Doch selbst wenn dieser Rohstoff, von dem Norwegen so viel hat, nicht wieder die 100-Dollar-Marke erreichen sollte, steht Norwegen dank Ölfonds immer noch erheblich besser da als der Rest Europas.

Typisch norwegisch: Handfestigkeit

«Mit einer solchen Summe hatte ich nicht gerechnet, als ich Finanzminister war und wir am 31. Mai 1996 die erste Einzahlung vornahmen», erzählt der Sozialdemokrat Sigbjørn Johnsen knapp 20 Jahre nach dem denkwürdigen Tag. Er sitzt im alten Ostbahnhof, den Osloer Østbanehallen, und trinkt grünen Tee. «Die erste Einzahlung belief sich auf 1 Milliarde 981 Millionen Kronen...» Johnsen denkt kurz nach. Dann sagt er die ganze Zahl flüssig auf: «1981128502 Kronen und 16 Øre, glaube ich, waren es. Ja, 16 Øre» (damals knapp 400 Millionen Franken).

Johnsen strahlt jene für viele erfolgreiche Norweger typische Handfestigkeit aus. Lange hat er zur politischen Elite des Landes gehört, doch er macht nicht viel Aufhebens um seine Person. Er kommt mit einem kleinen Rucksack statt einer Aktentasche zum Treffen und nimmt sich fast zwei Stunden Zeit.

Von dem Café, in dem wir sitzen, sind es nur ein paar hundert Meter Fussweg bis zur neuen Osloer Oper. Sie liegt direkt am Fjord und ist sowohl Symbol für den norwegischen Wohlstand als auch für dessen ausgleichende Grundhaltung. Wie der Ölfonds, so soll auch die schneeweisse, mit edlem Carrara-Marmor verkleidete Oper für alle Norweger da sein. Das Architekturbüro Snøhetta hat aus dem Dach eine begehbare Fläche gemacht, um so auch den Steuerzahlern, die nicht musikinteressiert sind, einen Zugang zu verschaffen. «Hier auf dem Dach ist nichts zu verkaufen», sagte Kjetil Trædal Thorsen, der für das Projekt verantwortliche Architekt, bei der Eröffnung 2008. Die Politik achtet darauf, dass die Bewohner – unabhängig vom Einkommen – vom Staat viele steuerfinanzierte Leistungen bekommen: Neben der herrlichen Aussicht vom öffentlich zugänglichen Dach der Oper gehören dazu etwa das kostenlose Studium sowie die Gesundheitsvorsorge.

Sigbjørn Johnsen ist mittlerweile Präfekt der nördlich von Oslo gelegenen Provinz Hedmark. Er gehört zu den Persönlichkeiten, welche die norwegische Politik seit dem Ölboom geprägt haben. Er war Vizevorsitzender des Finanzausschusses, als der Ölfonds im Juni 1990 eingerichtet wurde. Ausserdem war er von Ende 1990 bis 1996 sowie nochmals von 2009 bis 2013 Finanzminister.

Noch in den 1970ern habe der norwegische Staat die Öleinnahmen genutzt, um die Wirtschaft auf Pump in Gang zu halten, sagt Johnsen. Schon damals wurde in einem von der Regierung in Auftrag gegebenen Bericht vorgeschlagen, «aus Rücksicht auf zukünftige Generationen [...] ausserhalb des Landes zu investieren, [...] um auch dann noch Nutzen zu stiften, wenn das Geschäft mit dem Petroleum vorbei ist». Weil der Ölfonds als Idee hier erstmals auftauchte, ist er laut Johnsen ein zentrales Dokument in der norwegischen Geschichte.

Erst in den 1980er Jahren, als der Ölpreis rasant stieg, wurden die Einnahmen gross genug, um ans Sparen denken zu können. Anfang der 1990er schliesslich hatte Norwegen sich von seinen Nettoauslandsschulden befreit und ein Sparvehikel war in Reichweite. «Als wir im Parlament schliesslich den Fonds beschlossen, war das keine grosse Sache, es gab eine breite Mehrheit dafür», erzählt Johnsen.

Trotz seines Namens dient der Fonds nur dazu, den Staatshaushalt generell zu unterstützen. Jährlich dürfen dafür 4 Prozent des Volumens – die angenommene Rendite – entnommen werden. Das sind derzeit rund 30 Milliarden Euro. Im laufenden Jahr bedient sich der Staat aber nur mit 2,6 Prozent.

Von Norwegen lernen

Der Fonds wird wohl nie so gross werden, dass die Norweger irgendwann einmal keine Steuern oder Sozialabgaben mehr bezahlen müssen. Denn wenn in einigen Jahrzehnten das Öl nicht mehr sprudelt und dennoch weiter Geld in den Staatshaushalt abfliesst, wird er langsamer oder gar nicht mehr wachsen. Aber dank dem Ölgeld muss sich Norwegen viel weniger als andere Länder vor der demografischen Entwicklung und den hohen Ausgaben für die Renten fürchten.

Allerdings hätte die Politik, statt für zukünftige Generationen vorzusorgen, auch mehr Geschenke an die Wähler der Gegenwart verteilen können. Ob ein Staat sich wie Norwegen dafür entscheidet, langfristig zu denken, oder das Geld lieber im Hier und Jetzt ausgibt, hängt vor allem von den institutionellen und politischen Gegebenheiten ab.

«Je mehr innenpolitische Konflikte es gibt, desto schwerer fällt es, für die Zukunft zu sparen», sagt Martin Skancke. Er hat lange Jahre unter Johnsen und anderen Ministern im Finanzministerium den Ölfonds beaufsichtigt und ist mittlerweile selbstständiger Berater mit Spezialgebiet Staatsfonds.

Osttimor, Papua-Neuguinea, Kasachstan, Zypern, Libyen, Libanon, Myanmar: Die Liste der Länder, die er beraten hat, ist lang. Sein Ziel sei es, dass andere Länder, die reich an Öl oder anderen Ressourcen sind, von den Erfahrungen Norwegens profitieren können.

«Wenn eine amtierende Regierung davon ausgehen muss, dass das Geld, das sie anspart, von der Opposition ausgegeben wird, falls diese an die Macht kommt, dann gibt sie es natürlich lieber selber sofort aus und wirbt so um Wähler», sagt er. In Norwegen konnten sich die Politiker aller Regierungen darauf verlassen, dass auch der politische Gegner den Ölfonds im Falle einer Regierungsübernahme nicht plündert. Laut Johnsen liegt das an der Konsensgesellschaft: In Norwegen seien die Unterschiede zwischen Arm und Reich nie so extrem gewesen wie in anderen Ländern und auch die Differenzen zwischen den Parteien seien kleiner als anderswo. «Damit wurde das Sparen erst möglich», sagt Skancke.

Lediglich die Fortschrittspartei (FrP) verweigerte sich diesem Konsens und wollte einen grösseren Teil des Ölgelds im eigenen Land ausgeben, etwa für den Gesundheitssektor. Als vor zwei Jahren die FrP erstmals an der Regierung beteiligt wurde, stieg Parteichefin Siv Jensen zur Finanzministerin auf. Seither will auch die FrP lieber sparen, sonst hätte sie es kaum in eine Koalition mit der Partei Høyre, die die Ministerpräsidentin stellt, geschafft.

Traditionell hat der Fonds einen grossen Anteil Aktien, der über die Jahre gewachsen ist und heute 60 Prozent beträgt. Weil der Fonds so gross ist, gehören unterdessen 2,4 Prozent aller notierten europäischen Aktien den Norwegern. In der Schweiz ist der Fonds stark in Nestlé – er hält 2,7 Prozent des Kapitals, in Franken gemessen so viel wie an keiner anderen Firma –, in Credit Suisse (5,7 Prozent) und Novartis (1,9 Prozent) investiert.

Seit 2010 wird, wie die von Ökonom Steigum geleitete Kommission vorgeschlagen hat, auch in Immobilien angelegt. Der Fonds ist unter anderem beteiligt an je einer Immobilie im Zentrum von Paris, am Rond-Point an den Champs-Élysées, und an der Londoner Regent Street, einer der bekanntesten Einkaufsstrassen Grossbritanniens.  Der Kontrast zum unspektakulären Büro des mächtigen Ölfonds am Bankplatz, in einer ruhigen Ecke von Oslo, könnte nicht grösser sein: Das Gebäude kann kaum mit den zugekauften Top-Immobilien mithalten.

Liveticker des Reichtums

Von Anfang an war der Fonds sehr transparent. Seit je wird jährlich ein Bericht veröffentlicht, der auflistet, welche Aktien und Bonds am 31. Dezember gehalten wurden. Seit ein paar Jahren gibt es auf der Website www.nbim.no zudem einen Liveticker, der hochrechnet, was der Fonds gerade wert ist. Im Sekundentakt steigt oder fällt der Wert um hunderte von Millionen Kronen. «Das schaue ich mir immer gerne an», sagt der ehemalige Finanzminister Johnsen.

Der Zähler soll den Bürgern helfen, sich einen Eindruck vom Reichtum ihres Staates zu machen. «Davon wusste ich gar nichts», sagt aber beispielsweise Trine Otte Bak Nielsen. «Wir denken nicht viel an den Fonds, aber natürlich wissen wir, dass es ihn gibt und wie privilegiert wir deswegen in Norwegen sind», fügt sie hinzu. Die 37-Jährige lebt mit ihrer Familie in einer Zweizimmerwohnung in einem fünfgeschossigen Bau aus roten Ziegelsteinen. Die kleine Wohnung ist gut gelegen. Zum Stadtzentrum sind es nur zwei Stationen mit der U-Bahn und der Botanische Garten, ein Schwimmbad und das Munch- Museum, in dem Nielsen als Kuratorin arbeitet, sind zwei Gehminuten entfernt.

Die Immobilienpreise in Oslo sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen. So, wie der norwegische Staat mit dem Fonds Reichtum für seine Bürger aufbaut, investieren diese wiederum in Wohneigentum.

Wenn Norweger sich treffen, wird oft über die Immobilienpreise gesprochen, der Ölfonds hingegen ist selten Thema. «Unbewusst mögen der Fonds und die Sicherheit, die wir in Norwegen wegen des gesellschaftlichen Reichtums haben, natürlich eine Rolle spielen. Dass wir als junge Familie überlegen, eine neue, grössere Wohnung zu kaufen, liegt aber nicht direkt am Fonds», sagt ihr Mann Samson Valland.

Ethisch korrekt investieren

Immer wieder erregt der Fonds international Aufsehen, wenn etwa Anteile an Unternehmen abgestossen werden, weil die Firmen mit Kinderarbeit oder etwa der Streubombenproduktion zu tun haben. Ein Ethikrat beurteilt die Unternehmen. Ausgeschlossen wurden bisher unter anderem Lockheed Martin, Boeing und Airbus wegen der Beteiligung an Atomwaffenproduktion, Walmart wegen der Verletzung von Menschenrechten, diverse Tabakfirmen aus Gesundheitsgründen sowie Minenbetreiber wegen Umweltproblemen.

Das Management des Fonds legt Wert darauf, ein aktiver, aber kein aktivistischer Investor zu sein. Auf den Generalversammlungen wird mit abgestimmt – und zwar längst nicht immer im Sinne der Empfehlungen. Allerdings arbeitet der Fonds im Stillen. Man versucht weder mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen Unternehmen zum Handeln zu zwingen, noch betreibt man Industriepolitik etwa durch das Forcieren von Fusionen.

Norwegen lebt nach dem Motto «Tue Gutes und rede darüber». Das geschieht beispielsweise ganz oben im Norden auf Spitzbergen, jener Inselgruppe, die erheblich näher am Nordpol liegt als an Oslo. Von der norwegischen Hauptstadt bis zum Hauptort Longyearbyen auf Spitzbergen sind es drei Flugstunden.

Der örtliche Flughafen ist nicht viel mehr als ein asphaltiertes Rollfeld mit einer Abfertigungshalle so gross wie eine Autobahnraststätte. Ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt liegt der Global Seed Vault – ein unterirdisches, in einen Berg gebohrtes Lager für Pflanzensamen.

Samen aus dem Permafrost

Norwegen holt nicht nur Öl und Gas aus dem Untergrund, sondern versteckt dort auch wertvolle Naturressourcen. «Wir wollen hier kein Museum einrichten, sondern eine Bibliothek aus Pflanzensamen, um Nach- und Neuzüchtungen zu ermöglichen», sagt Brian Lainoff. Warm eingepackt steht der Fundraiser des Global Seed Vault in dem stark gekühlten Raum. Seit 2008 werden hier die Samen möglichst vieler verschiedener Nutzpflanzen eingelagert. Diese könnten verwendet werden, falls Klimaveränderungen oder Krankheiten Neuzüchtungen erforderlich machen, um Nahrungsmittel produzieren zu können. In Ruanda oder Burundi etwa wurden solche Samenbanken während politischer Unruhen zerstört.

Wie beim Ölfonds handelt es sich beim Global Seed Vault um eine Vorsorgeeinrichtung. Allerdings ist der Speicher im Permafrost eine Versicherung, die im Idealfall gar nicht benötigt wird, während der Fonds Geld abwirft, das Norwegen ausgibt.

Die Saatgut-Versicherung hat Norwegen viel Ansehen eingebracht: «The Guardian», «Vice» und «Le Figaro» sind nur einige der Medien, die über die Anlage berichtet haben. Weniger bekannt ist, dass auf Spitzbergen seit fast 100 Jahren Kohle, einer der für das Klima schädlichsten Energieträger, abgebaut wird. Das norwegische Parlament aber beschloss im Juni 2015, dass der Ölfonds nicht mehr in Unternehmen investiert sein darf, die einen Grossteil ihres Geschäfts mit Kohle machen.

Laut einer Studie von Greenpeace und anderen Umweltschutzorganisationen war der Fonds Ende 2014 mit knapp über 10 Milliarden Euro in Gesellschaften investiert, die für 23 Prozent der weltweiten Kohleproduktion stehen. Dass auf Spitzbergen weiter Kohle gefördert wird, sei typisch norwegische Doppelmoral, sagen Kritiker wie Rasmus Hansson von den norwegischen Grünen. Dazu passe auch, dass ausgerechnet der Fonds, der aus Öleinnahmen gespeist werde, in Umwelttechnik investiere, um sich einen grünen Anstrich zu verpassen. Man kann es aber auch als den berühmten ersten Schritt sehen. Dass bei Investitionen nicht nur ein hoher Gewinn das Ziel ist, scheint irgendwie: typisch norwegisch.