Nouriel Roubini: China ist am kritischen Wendepunkt

Das chinesische Wachstumsmodell ist nicht nachhaltig, trotzdem liegen viele der notwendigen Reformen auf Eis. «Präsident Xi möchte zunächst seine Macht festigen, bevor er die Reformen angeht», so Ökonom Nouriel Roubini. Weitere Informationen hierzu finden Sie in unserem exklusiven Video.

Nouriel Roubini

China is at a Critical Tipping Point

Das Wachstum in China verlangsamt sich. Warum wird Ihrer Ansicht nach diese Verlangsamung anhalten?

Nouriel Roubini: Die chinesische Führung hat erkannt, dass ihr Wachstumsmodell, das zu viel Sparen sowie zu viele Investitionen beinhaltet und sehr kapitalintensiv ist, nicht tragbar ist. Kein Land der Welt kann so produktiv sein, dass es die Hälfte seines jährlichen BIPs in neuen Kapitalstock investieren kann. Dies verursacht drei Probleme: Zuerst eine grosse Anzahl von notleidenden Aktiven auf den Banken und den Schattenbanken; nämlich schlechte Investitionen in Immobilien und Infrastruktur; zweitens Überkapazität bei der Industrieproduktion; und schliesslich steigende uneinbringliche Forderungen im privaten und öffentlichen Sektor. Der Verschuldungsgrad des öffentlichen und privaten Sektors in China liegt heute bei 250 Prozent des chinesischen BIP und steigt weiter an.

China ist sich bewusst, dass Reformen nötig sind. Einkommen muss an die Haushalte umverteilt werden, um den Verbrauch zu steigern und Investitionen zu verringern. Wenn dies gleichzeitig mit einem Rückgang und der Alterung der Bevölkerung erfolgt, muss sich das Wachstum verlangsamen, da der Dienstleistungssektor weniger produktiv wird als der kapitalintensive Produktionssektor. Wenn sich jedoch die Rebalancierung verzögert, wovon derzeit die Rede ist, dann besteht das Risiko, dass die finanziellen Kosten für die Beseitigung der notleidenden Aktiven, uneinbringlichen Forderungen und übermässigen Investitionen zu einer holprigeren und härteren Landung für die chinesische Wirtschaft führen. So oder so wird in den nächsten Jahren eine Wachstumsrate von 5 Prozent bis 6 Prozent erwartet.

Wie entwickeln sich Ihrer Meinung nach die chinesischen Reformen?

Viele der Reformen liegen auf Eis: da wären die Liberalisierung des Habenzinssatzes, Einführung einer Einlagenversicherung, Liberalisierung der Wechselkurse und Kapitalkonten und die Beseitigung von Moral Hazard in den Aktivitäten der Schattenbanken. Der Grund dafür ist wahrscheinlich, dass Präsident Xi seine eigene politische Macht festigen will. Xi handelt dabei gegen das wirtschaftliche Interesse und die Interessengruppen, die vom alten Wachstumsmodell profitiert haben: Staatsbetriebe, Provinzregierungen, die Armee und der staatliche Sektor. Sobald er seine Machtposition und sein Vertrauen etabliert hat, könnten Reformen angestossen werden.

Es besteht die Hoffnung, dass Xi mehr wie Deng Xiaoping ist, der auch zuerst seine Macht gefestigt und sie dann eingesetzt hat, um strukturelle Reformen aggressiv umzusetzen. Es bleibt abzuwarten, ob er seine Macht für einen guten Zweck einsetzt oder vielmehr um die Stabilität des derzeitigen Systems und Regimes zu bewahren.

Wie wird sich die Verlangsamung in China auf den Rest der Welt auswirken?

In vielen Schwellenländern, von denen zahlreiche anfällig sind, beobachten wir derzeit eine Stagnation des Wachstums. Aufgrund der Wachstumsverlangsamung in China, des Endes des Rohstoff-Superzykluses und der Tatsache, dass die Fed das «Tapering» langsam auslaufen lässt, haben sich globale Rückenwinde in Gegenwinde verwandelt. Während der nächsten Monate werden die Zinssätze jedoch langsam wieder steigen.

Wird die Situation Chinas die Politik der Fed beeinflussen?

Die Fed wird Entscheidungen über ihre eigene Geldpolitik nicht auf Basis von globalem Wachstum und Inflation treffen, sondern vielmehr basierend auf inländischen Wachstumszielen, Inflation und Beschäftigung. Die Fed hat uns jedoch bereits darüber informiert, dass, falls das globale Wachstum relativ zu dem, was die Fed und der IWF annehmen, zurückgeht, und sich der US-Dollar weiterhin erheblich aufwertet, sie eine Anhebung der Zinsen verschieben würde. Dies geschieht nicht, weil sich die Fed direkt um den Rest der Welt sorgt, sondern vielmehr, weil sich die Geschehnisse im Rest der Welt auf das Konjunkturwachstum, die Beschäftigung und die Inflation in den USA auswirken.