Die Non-Stop-Meditation 

Schon als Kind wusste der Malaysier Jia-Hong Tan, dass er irgendwann auf eigene Faust die Welt erkunden wird. Dank der Finanzkrise in 2008 realisierte er seinen Traum, der zu einem abenteuerlichen Selbstfindungstrip durch 50 Staaten über vier Kontinente wurde. 

Fast jeder kennt das Spiel: Einen Globus drehen, mit dem Zeigefinger stoppen und eine Geschichte zu dem Ort, wo man mit dem Finger gerade gelandet ist, ausdenken und erzählen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, vor allem wenn man als Kind weder politisch noch geografisch versiert ist – aber eine Riesengaudi mit Freunden wars alleweil für den damals siebenjährigen Malaysier Jia Hong Tan vom Solution Partners Capital Market Team in Singapur, Anfang der 90er-Jahre. Jedenfalls weckte das Spiel sein Interesse an der grossen, weiten Welt. Jahre später, mit einem Hochschulabschluss für Physik in der Tasche, begann der junge Mann seine Karriere zunächst als Trader für Aktien-Derivate bei einer US-Grossbank in London. Als 2008 die Krise die Finanzwelt erschütterte, geriet der 24-jährige Tan ebenfalls in ein  Loch und fing an, über Grundlegendes nachzudenken: «Ich wusste so wenig über die Welt und wollte verstehen, wie unsere Gesellschaft und Wirtschaft funktionierte», sinniert Tan. «Ich musste die Welt mit meinen Augen entdecken, um eine eigene Meinung zu bilden, statt mich mit dem Secondhand-Wissen von Zeitschriften wie The Economist oder The Financial Times zufrieden zu geben.» Er begann, eine ambitiöse Weltreise –100 Länder in drei Jahren – zu planen, doch bevor er sie tatsächlich antrat, sollten noch drei weitere Jahre vergehen. Ein Grund war die Arbeit, aber dies hatte auch seine positive Seite: Als sich Tan im Februar 2012 aufmachte, hatte er eine Partnerin namens Wei Wen an seiner Seite, die einen Teil der Reise mit ihm bestreiten wollte. 

Unterwegs in Afrika

Die Reise bestand aus drei langen Routen über vier Kontinente und durch mehr als 50 souveräne Staaten: in neun Monaten von Kontinentalasien über Russland nach Europa und zurück in den Fernen Osten, wo er zwei Monate lang durch Taiwan und Japan radelte, in sechs Monaten von Kalifornien via Anden bis nach Brasilien und ebenso lange von Ägypten quer übers Kontinent nach Südafrika. «Machu Picchu, die namibische Wüste Sossuvlei, die mongolischen Steppen, die Amalfi-Küste in Italien oder die San-Blas-Inseln in der Karibik gehörten zu den schönsten Orten. Aber Schönheit findet man überall, wenn man die Suche auf sich nimmt.» Zwischenmenschlich betrachtet sei aber sein Lieblingsort definitiv Sudan, das einzige Land in Afrika, in dem er sich nicht anders behandelt fühlte, weil er fremd war. Er habe in der Hauptstadt Khartum Studenten kennen gelernt, die ihn zu ihren Freunden nach Hause in Gedaref eingeladen hätten. «Trotz ihrer Armut waren sie unglaublich gastfreundlich und grosszügig. Der zweittägige Aufenthalt bei den Brüdern hat mir die Augen geöffnet, wie privilegiert wir leben», erzählt der junge Malaysier. Ebenfalls unvergesslich sei die Fahrt per Anhalter vom äthiopischen Moyale nach Nairobi gewesen, wo er seine Freundin am Flughafen abholen wollte. Aus dem 40-Tönner auf der staubigen Landstrasse sah Tan gespenstisch ausgestorbene Dörfer deren Bewohner wegen Stammesunruhen über Nacht hatten fliehen müssen, hörte Geschichten über Banditen, die ähnliche Transporte überfallen hatten und Verbindung zu somalischen Piraten hätten, musste einen Polizisten und zwei Offiziere abwimmeln, die ihn zur Zahlung von Schmiergeldern aufforderten und erlebte eine gratis Safari mit Giraffen, Zebras und Antilopen in verblassendem Mondlicht, bis er schliesslich knapp aber rechtzeitig am Flughafen Nairobi ankam. Während Tan für bloss 785km 42 Stunden brauchte, benötigte Wei Wen nur zwölf Stunden für die 7000km aus Kuala Lumpur.

Zu zweit durch dick und dünn

Dabei war es für sie keineswegs selbstverständlich, die Reise mit Tan anzutreten. Er selber brauchte drei Jahre, um seine eigene Familie zu bearbeiten, bis sie verstand, dass Südamerika und Afrika nicht  generell «gefährlichen Destinationen» sind. Als er per Fahrrad 30 Tage lang quer durch Japan reiste, verbrachte Tan viel Zeit mit sich allein und überlegte sich, wie er wohl Wei Wens Familie – mit einer typisch asiatischen Skepsis gegenüber solchen Unterfangen – vom Gegenteil überzeugen könnte. Er beschloss, ihr einen Heiratsantrag zu machen: «Es war meine Art von Commitment, um zu zeigen, dass wir als Eheleute in spe durch dick und dünn gehen können.» Heute ist er mit ihr verheiratet.

Die Bildung als Fazit

Erstaunlicherweise gab es während der gesamten Reise keinen einzigen Moment, in dem Tan am liebsten nach Hause gegangen wäre. Am wenigsten wohl fühlte er sich jedoch ausgerechnet in London, wo er seine alten Freunde traf, die munter die Karriereleiter stiegen und nur glücklich wirkten, wenn sie über ihre nächsten Ferien sprachen. «Ich erinnerte mich plötzlich wieder, wovor ich geflohen war, und freute mich, dass ich weiterziehen durfte», erklärt Tan. «Eine solche Reise ist wie eine überlange, aktive Meditation oder Reflexion, die meines Erachtens der einzige Weg zur Selbstfindung ist.» Seine Erlebnisse und Gedanken hielt er auf seinem Laptop fest: Nicht nur, damit sie ihm erhalten blieben, sondern auch, weil er seinem Vater versprochen hatte, ein Buch über die Reise zu schreiben. «Wenn mich jemand nach einem einzigen Fazit dieser Reise fragte, würde ich antworten: das Potenzial der Bildung.» Damit meint er weder die Schulbildung noch irgendeine Qualifikation, sondern die proaktive Aneignung von Wissen, zum Beispiel via Internet. «Trotz Internet sind wir meilenweit von einem globalen Dorf entfernt. Es kann eine Berührung, eigene Erfahrungen, die Wärme eines Fremden oder den Geist des menschlichen Daseins niemals ersetzen. Die muss man selber erlebt haben.» Übrigens habe er in allen Städten auf der ganzen Welt mobilen Internetzugang gehabt, sogar in den ärmsten Ländern. Nur an einem Ort konnte er mit dem Handy nicht einmal telefonieren, weil es ihm abgenommen wurde: in Nordkorea.