Neue Prioritäten
Neuste Artikel

Neue Prioritäten

Die Topsorge Arbeitslosigkeit verliert an Bedeutung, die Digitalisierung verursacht wenig Jobverlustängste. Die drängendsten Probleme: Rente, Gesundheit und Migration.

Seit dem ersten Credit Suisse Sorgenbarometer von 1976 steht die Frage nach den grössten Problemen der Schweiz im Mittelpunkt der Studie und gibt einen einzigartigen Einblick in die Gemütslage der Stimmbevölkerung. Das bemerkenswerteste Resultat der aktuellen Ausgabe: Der langjährige Spitzenreiter Arbeitslosigkeit ist auf Rang 6 abgerutscht.

Doch zuerst zu den vorderen Klassierungen: 45% (+1 Prozentpunkt) des Elektorats bezeichnen die AHV/Altersvorsorge als die grösste Sorge und ordnen der Rentensicherung auch die höchste Priorität zu. Ein Hauptgrund dafür dürfte die Debatte anlässlich der gescheiterten AHV-Reform sein.

Auf Rang 2 der Sorgenrangliste folgt die Gesundheit, wozu auch Krankenkassen zählen (41%, +15pp). Das Thema hat, wie die Rente, über die letzten zwei Jahre stark zugelegt und seiner Lösung kommt die zweithöchste politische Priorität zu. Interessant: Die beiden Bereiche entwickelten sich über die letzten 30 Jahre parallel, von Ende 1980 bis 2000 nahm ihre Bedeutung stark zu und stieg auf weit über 50%. Im Nachgang von 9/11, dem Platzen der Internetblase und zunehmender Immigration traten jedoch andere Themen in den Vordergrund, 2016 wurden AHV und Gesundheit noch von weniger als 30% als Problem gesehen.

Jeden sechsten Befragten beschäftigen materielle Sorgen

Hinter dem Renten- und Gesundheitsblock reihen sich die Themen rund um Migration ein, Ausländerinnen und Ausländer (37%, +2pp) und Asylfragen (31%, +12pp). Damit gewinnen diese Sorgen nach drei Jahren erstmals wieder an Bedeutung, in einer Zeit, in welcher der Wanderungssaldo und die Flüchtlingszahlen leicht zurückgehen.

Auf Rang 5 der grössten Probleme der Schweiz folgt der Umweltschutz (23%, +7pp). Er wird seit 2016 wieder wichtiger, hat aber bei Weitem noch nicht die Bedeutung wie in den 1970er und 1980er Jahren, als er regelmässig von 70% der Befragten zu den grössten Problemen der Schweiz gezählt wurde. «Dieses Jahr», sagt Studienleiter Lukas Golder vom Forschungsinstitut gfs.bern, «könnte der äusserst warme und trockene Sommer für das Umweltthema sensibilisiert haben – der Klimawandel wurde in den Medien sehr oft thematisiert.»

Die zehn Top-Sorgen der Schweizer 2018

Das erstaunlichste Resultat der diesjährigen Umfrage ist jedoch der erwähnte Bedeutungsverlust der Arbeitslosigkeit. Ein historisches Resultat. Das Sorgenbarometer wurde vor 42 Jahren lanciert. In  den bisherigen 37 Erhebungen (anfänglich wurde es zweijährlich durchgeführt) war die Arbeitslosigkeit 24 Mal die grösste Sorge. Im Durchschnitt über alle Erhebungen betrachteten sie knapp 60% als grösstes Problem der Schweiz. Dieses Jahr nun liegt die Arbeitslosigkeit an sechster Stelle, genannt von 22%, ein Minus von 22 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. In der Sorgenbarometer-Geschichte gab es nur einmal einen vergleichbar tiefen Wert: In den Boomjahren nach dem Mauerfall und der Öffnung des Ostens sank die Arbeitslosenquote auf 0,5% und die Sorge auf 21% (1990). Auch heute ist die Arbeitslosenquote wieder relativ tief (2,4%, August 2018), vor allem aber ist sie in den letzten Jahren stark gesunken. Entsprechend zurückpriorisiert wurde die Arbeitslosigkeit auch als politisches Ziel.

Optimistisch zeigen sich die Befragten für die Zukunft. Trotz der zunehmenden Digitalisierung und des drohenden Verschwindens von Arbeitsplätzen durch den technologischen Fortschritt bezeichnen es 75% als unwahrscheinlich, dass ihr Job in den nächsten 20 Jahren automatisiert wird. Ambivalent beurteilt werden hingegen die grundsätzlichen Auswirkungen der neuen Technologien. Sowohl positive wie kritische Aussagen erhalten hohe Zustimmung: «Die neuen Technologien verbessern die Lebensqualität» und «sorgen für mehr Übersicht auf dem Arbeitsmarkt und verbessern die Chancen» und «man wird eher gefunden von potenziellen Arbeitgebern» – all diese Aussagen erreichen mindestens 60% Zustimmung. Ebenso viel oder mehr Bejahung erhalten aber auch: «Die neuen Technologien machen die Gesellschaft bequem» und «vereinfachen die staatliche Kontrolle», «sie machen die Gesellschaft verletzlicher» und «provozieren psychische Krankheiten».

Wahrscheinlichkeit Verlust Arbeitsstelle durch neue Technologie

Der Job ist gesichert, die Chancen und Risiken der Digitalisierung sind bekannt – ist auf dem Arbeitsmarkt Schweiz also alles gut? Nicht ganz. Die Bedenken um neue Armut (18%, +4pp) und Löhne (15%, +9pp) haben zugenommen, jeden Sechsten beschäftigen materielle Sorgen. Studienleiter Lukas Golder sieht dies als «Hinweis darauf, dass sich die Ungleichheit verschärft und die Zahl der sogenannten Working Poor zunimmt». Damit zusammenhängen könnte, dass die Reallöhne nur langsam zunehmen und jüngst leicht zurückgegangen sind – trotz der guten Konjunktur.