Neues Umfeld für die finanzielle Integration in Indien
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Neues Umfeld für die finanzielle Integration in Indien

Reformen infolge der Mikrofinanzblase 2010 legten einen neuen Grundstein für die Branche.

Ein Gespräch mit Abhishek Agrawal, Länderverantwortlicher Indien bei Accion, über finanzielle Integration und Mikrofinanzinstitutionen (MFI) in Indien.

Abhishek Agrawal, Chief Regional Officer für Indien bei Accion, ist in den obersten Führungsgremien verschiedener Unternehmen aktiv und verfügt über umfassende Erfahrung in den Bereichen Finanzmanagement, Strategie- und Geschäftsplanung sowie im Mikrofinanzgeschäft. Darüber hinaus war Abhishek Agrawal mehr als zwölf Jahre als CFO in verschiedenen Ländern tätig.

Das Umfeld der MFI und der finanziellen Integration hat sich in Indien drastisch verändert. Die Krise der MFI im Jahr 2010 in Andhra Pradesh, Indien, war ein Wendepunkt für die Branche. Die Blase löste öffentliche Kritik aus, weil sie zu weitverbreiteter Verschuldung und infolgedessen zu Suiziden geführt hatte. Als Reaktion auf diese Krise führte die Branche einige Reformen ein, die die Mikrofinanzlandschaft erschütterten und prägten. Der Wandel von dieser berüchtigten MFI-Blase zu dem heute stärker regulierten Umfeld ging mit einigen Veränderungen einher.

Wie stehen Sie zu den Reformen, die infolge der MFI-Blase eingeführt wurden?

A. Agrawal: Die Ereignisse der Vergangenheit lassen sich den folgenden drei Abschnitten zuordnen:

  1. Phase der fehlenden Regulierung: Die Phase vor 2010 war durch eine fehlende Regulierung gekennzeichnet. Der Markt wurde mit Produkten überschüttet, und sein Volumen und seine Reichweite waren zu gering, um Schocks zu absorbieren. Die Angebote der öffentlichen Hand waren in diesem Bereich dürftig.
  2. Korrekturphase: In den Jahren 2010 bis 2012 fand in diesem Bereich eine Korrekturphase statt. Die Reserve Bank of India (RBI) erliess Vorschriften, und Standards für «Know Your Customer» (KYC) wurden etabliert. Es war eine Phase der Erneuerung und Erholung.
  3. Wachstumsphase: Die Phase nach 2012 ist für die MFI und die finanzielle Integration eine Phase enormen Wachstums. Der Markt ist reif und reguliert, bietet jedoch Spielraum für Innovationen. Technologische Entwicklungen bringen neue Anwendungsfälle und neue Modelle hervor. Diese Entwicklung geht mit weitreichenden Massnahmen der öffentlichen Hand und einer staatlichen Unterstützung der finanziellen Integration einher.

Die derzeitige Regierung in Indien hat Initiativen im Bereich der finanziellen Integration entschieden unterstützt. 2014 wurde die Kampagne zur finanziellen Integration lanciert. Sie beinhaltete Förderungsprogramme wie das Pradhan Mantri Jan Dhan Yojana (PMJDY), das sich auf die Eröffnung von Bankkonten bezieht. Das RuPay-Programm, ein von der National Payments Corporation India (NPCI) lanciertes inländisches Kartensystem, wurde entwickelt, um der Notwendigkeit eines inländischen elektronischen Zahlungssystems Rechnung zu tragen. Die 2015 gegründete Micro Units Development and Refinance Agency Bank (MUDRA Bank) stellt niedrig verzinsliche Darlehen für MFI und Non-Banking Financial Corporations (NBFC) bereit, die dann wiederum Kredite an Mikro-, kleine und mittlere Unternehmen (MSME) vergeben.

Welche Auswirkungen hatten diese Initiativen auf das Umfeld der finanziellen Integration in Indien?

A. Agrawal: Aktuell befinden wir uns in der goldenen Ära für Initiativen der finanziellen Integration in Indien. Neben den bereits erwähnten Programmen, die allesamt äusserst wichtig sind, wie beispielsweise das PMJDY und seine Verknüpfung mit RuPay und den MUDRA-Darlehensinitiativen, war die Entwicklung einer eindeutigen Identifikationsnummer (Aadhaar) von entscheidender Bedeutung. Aadhaar ist ein Online-System, das den Einwohnern Indiens eine eindeutige zwölfstellige ID-Nummer zuweist. MFI haben in der Regel Schwierigkeiten bei der Identifizierung von Kunden und ihrer eindeutigen Erfassung, da Kunden viele verschiedene Identitätsnachweise besitzen dürfen. Häufig beantragen Kunden beispielsweise mit dem Reisepass ein Darlehen bei einem MFI und anschliessend mit der PAN-Karte bei einem anderen MFI. Einige indische Identitätsnachweise werden sehr häufig gefälscht und deshalb von Behörden nicht anerkannt. Darüber hinaus besitzt ein Teil der indischen Bevölkerung keinen Reisepass. Einwohner ohne Einkommen können sich Identitätsnachweise wie die PAN-Karte nicht leisten. Diese verschiedenen Faktoren erschweren den MFI die zweifelsfreie Identifizierung eines Kunden. Eine eindeutige Identifikationsnummer kann zur Lösung dieses Problems der Kundenidentifizierung beitragen und bringt nicht nur für MFI, sondern auch für viele andere Bereiche Vorteile mit sich. Die finanzielle Integration stand auf der Liste der Prioritäten der Regierung weit oben und war der Sache sehr zuträglich.

Herr Agrawal, könnten Sie ein paar Worte zu den wichtigsten Initiativen von Accion sagen, die aktuell laufen?

A. Agrawal: Accion unternimmt verschiedene Anstrengungen, um Kapazitäten und Kompetenzen im Bereich MFI sowie weitreichend im Bereich der finanziellen Integration aufzubauen.

  1. Accion ist bestrebt, das «fehlende mittlere» Segment in Indien zu verstehen und zu erfassen. Dieses setzt sich aus all jenen zusammen, die zwischen 100'000 und 500'000 Rupien (ca. 1500–7500 Dollar) verdienen und die derzeit nicht von den MFI oder dem offiziellen Finanzsystem erfasst sind.
  2. Unternehmerschulungen: Accion stellt über sein Business Enterprise Program unternehmerische Schulungen bereit, unter anderem Schulungen zur Ausbildung buchhalterischer Kompetenzen.
  3. Anwendungsfall für alternative Kanäle: Accion entwickelt neue Anwendungsfälle für entstehende alternative Kanäle für Finanzdienstleistungen (z. B. digitale Brieftaschen).

Abhishek Agrawal sprach mit Begeisterung von dem enormen Potenzial neuer Anwendungsfälle für MFI, kleine Unternehmen und finanzielle Integration in Indien. «Eine Milliarde überprüfte Kunden mit einer Milliarde Mobiltelefonen – das sind spannende Perspektiven», so Abhishek Agrawal.