«Nie – niemals – aufgeben»
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«Nie – niemals – aufgeben»

Sie wurde ohne wissenschaftliche Ausbildung zur bedeutendsten Primatenforscherin der Welt: Jane Goodall revolutionierte schon als junge Frau unser Bild der Schimpansen – und unser Verständnis der Menschen.

Sie waren erst 23 Jahre alt, als Sie sich Ihren Lebenstraum erfüllen wollten: Tiere in Afrika zu erforschen. Eine solche Reise war damals ein Abenteuer, nicht nur für eine junge Frau.

Es war sehr aufregend. Ich reiste per Schiff nach Kenia, drei Wochen lang. Es hätte auch Flüge gegeben, aber die waren für mich damals viel zu teuer, meine Eltern waren nicht vermögend. Ich arbeitete als Sekretärin und als Kellnerin, um mir die Überfahrt leisten zu können.

Sie waren mutig.

Ich machte nur das, was ich schon als Kind immer tun wollte. Das brauchte doch keinen Mut.

Woher stammt Ihre frühe Leidenschaft für Afrika?

Sie begann damit, dass ich als kleines Mädchen «Doctor Dolittle» las, der mit Tieren sprechen konnte und Zirkustiere zurück nach Afrika brachte. Ich liebte dieses Buch. Mit zehn entdeckte ich dann Tarzan bei den Affen. Ich verliebte mich in Tarzan. Und was tat er? Er heiratete die falsche Jane!

Was gefiel Ihnen an der Tarzan-Geschichte besonders?

Was mich an Tarzan und auch an Mogli aus dem Dschungelbuch besonders anzog: Sie lebten mit Tieren zusammen, sie konnten mit Tieren sprechen. Davon träumte ich.

Ihre Liebe zu Tieren äusserte sich schon sehr früh in Ihrem Leben?

Ich wurde mit dieser Tierliebe geboren. Mit vier Jahren lag ich in einem Hühnerstall, weil ich wissen wollte, wo die Eier aus den Hühnern kommen. Ich sah bei ihnen kein Loch, das gross genug für ein Ei war. Niemand konnte mir das erklären. So wartete ich stundenlang im Stall. Meine Eltern wussten nicht, wo ich war, und riefen die Polizei.

Neugierde, Fragen stellen, nicht die richtige Antwort bekommen, nicht aufgeben, es selbst herausfinden wollen und lernen, geduldig zu sein.

Jane Goodall

Das gab sicher ein gehöriges Donnerwetter.

Als meine Mutter meine leuchtenden Augen sah, war gleich alles vergessen. Statt wütend zu werden, hörte sie sich meine Erzählung an, wie das Huhn ein Ei legt. Ich erzähle Ihnen diese Geschichte, weil sie von der Entstehung einer kleinen Wissenschafterin erzählt. Neugierde, Fragen stellen, nicht die richtige Antwort bekommen, nicht aufgeben, es selbst herausfinden wollen und lernen, geduldig zu sein: Das war alles schon in diesem kleinen vierjährigen Mädchen vorhanden. Eine andere Mutter hätte eine solche frühe wissenschaftliche Neugierde möglicherweise abgewürgt.

1960 begannen Sie, in Gombe, Tansania, Schimpansen in freier Natur zu beobachten. War es einfach, das Vertrauen der Schimpansen zu gewinnen?

Überhaupt nicht. Kaum sahen sie mich, verschwanden sie tiefer im Wald. Sie rannten davon. Dies ging vier Monate lang so, jeden einzelnen Tag. Dann begann ein Schimpanse, seine Angst vor mir zu verlieren. Er rannte nicht mehr davon. Er hatte diesen schönen, weissen Bart und ich nannte ihn darum David Greybeard.

Das warf die wissenschaftliche Theorie über den Haufen.

Jane Goodall

War David Greybeard besonders neugierig oder besonders intelligent?

Er war besonders gelassen. Das hat sich auf die anderen Schimpansen übertragen. Sie sahen David Greybeard bei mir in der Nähe sitzen und dachten sich wohl: «So schrecklich kann diese weisse Menschenäffin nicht sein.» Die Schimpansen akzeptierten mich dank David Greybeard allmählich und ich konnte sie aus der Nähe beobachten. Ihm verdanke ich auch eine meiner wichtigsten Entdeckungen: Ich sah, wie er einen Zweig nahm, ihn entblätterte und in einen Termitenhügel steckte. Als er den Zweig wieder herauszog, war dieser voller Termiten, die er mit den Lippen abstreifte und ass.

Was war daran so speziell?

Ein Tier nutzte ein Werkzeug, das es selbst hergestellt hatte! Das warf die wissenschaftliche Theorie über den Haufen. Damals ging man davon aus, dass nur der Mensch Werkzeuge herstellen konnte. Das unterschied den Menschen von den Tieren. Als ich meinen Auftraggeber Louis Leakey über meine Entdeckung informierte, schickte er mir ganz aufgeregt ein Telegramm: «Jetzt müssen wir ‹Werkzeug› neu definieren STOP den Menschen neu definieren STOP oder Schimpansen als Menschen akzeptieren.»

Sind Schimpansen für Sie überhaupt Tiere?

Nicht mehr als wir Menschen.

Sie haben als Erste herausgefunden, dass Schimpansen jagen und Fleisch essen – und dass sie eigene Persönlichkeiten haben. Von den Wissenschaftern wurden Sie deswegen anfangs abgelehnt.

Sie sagten mir, ich hätte alles falsch gemacht. Ich hätte den Schimpansen Nummern geben sollen, keine Namen. Das sei unwissenschaftlich. Ich könne ihnen doch nicht menschliche Eigenschaften, Gefühle oder einen Verstand zusprechen. Ich wusste, dass diese Professoren falsch lagen. Glücklicherweise hatte ich schon als Kind diesen wunderbaren Lehrer, meinen Hund Rusty, der mir beibrachte, dass natürlich auch Tiere Persönlichkeiten, Gefühle und einen Verstand haben. So sah ich all ihre Unterschiede; wie sie aufgeregt sein oder sich traurig oder elend fühlen konnten. Ich sah ihr menschenähnliches Verhalten, wie sie bettelten, sich umarmten und küssten.

Ein gradueller Unterschied zwischen Mensch und Tier.

Jane Goodall

Wieso verhielt sich die Wissenschaftsgemeinde Ihnen gegenüber so? Aus Arroganz?

Arroganz spielte sicher eine Rolle. Und dann der Einfluss der Religion und der frühen Philosophen, die glaubten, dass nur Menschen solche Eigenschaften haben könnten, dass es einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Mensch und Tier gäbe. Heute wissen wir, dass es nur ein gradueller Unterschied ist.

Sie waren eine junge Frau, eine Sekretärin ohne wissenschaftliche Ausbildung. Würden Sie sagen, dass die Ablehnung auch eine Art von Primatenverhalten war? Die dominanten Männchen wollten sich nichts von einem jungen Weibchen sagen lassen?

Es gab in der Tat ein grosses Gerede: «Warum sollten wir dieser jungen Frau glauben? Sie besuchte nicht einmal ein College – und sie ist eine Frau.» Keine Frage, das spielte mit.

War es vielleicht sogar ein Vorteil, dass Sie nicht studiert hatten?

Ich glaube schon. Angenommen, ich hätte ein Studium in Biologie gemacht: Man hätte mir, zu einem Zeitpunkt, als ich noch ziemlich jung und leicht zu beeindrucken war, gesagt, Tiere hätten keine Persönlichkeit, keinen Verstand und keine Gefühle. Man hätte mir weiter gesagt, dass ich keine Empathie für meine Forschungssubjekte haben dürfe, dass man als Wissenschafterin kühl und objektiv sein müsse. Vielleicht hätte ich das alles geglaubt. Vielleicht wären all meine Beobachtungen der Schimpansen dadurch gefärbt worden. Aber zum Glück sagte man mir diese Dinge nicht. Sie sind nämlich völliger Unsinn. Ohne meine Empathie hätte ich vieles nicht oder erst viel später herausgefunden.

Braucht es für Visionen manchmal den unvoreingenommenen Blick?

Ja, das ist so.

Es fällt auf, dass die drei wichtigsten Erforscherinnen der Menschenaffen Frauen waren: Sie mit den Schimpansen, Dian Fossey mit den Gorillas, Biruté Galdikas mit den Orang-Utans. Sind Frauen die besseren Forscherinnen als Männer?
Louis Leakey, der uns drei Frauen mit dieser Forschung betraute, dachte das auch. Er hatte immer das Gefühl, dass Frauen im Feld die besseren Beobachterinnen seien.

Hat Leakey Ihnen einmal gesagt, warum er das dachte?

Er war im Feld mit Frauen und Männern unterwegs gewesen und sah, dass die Frauen geduldiger, ruhiger und aufmerksamer waren. Wissen Sie, wenn Sie eine gute Mutter sein wollen, eine gute menschliche Mutter, müssen Sie Geduld haben und eine gute Beobachterin sein. Sie müssen die Bedürfnisse eines kleinen Wesens verstehen, bevor es sprechen kann.

Was sehen Sie eigentlich als Ihre wichtigste Entdeckung an?

Wie wichtig die Mutter ist. Das Faszinierendste für mich ist die unterschiedliche Art und Weise, wie Mütter ihre Kinder aufziehen. Es gibt gute Mütter und schlechte Mütter. Die guten sind liebevoll, spielen viel und das Wichtigste: Sie unterstützen ihr Kind. Auch wenn es mit einem höherrangigen Weibchen in einen Streit gerät, geht die gute Mutter dazwischen, um ihr Kind zu schützen – selbst wenn sie verprügelt wird.

Das Faszinierendste für mich ist die unterschiedliche Art und Weise, wie Mütter ihre Kinder aufziehen.

Jane Goodall

Gibt es einen evolutionären Vorteil, eine liebevolle Mutter zu sein?

Wir können in Gombe inzwischen auf fast 60 Jahre Forschung zurückblicken und eindeutig sagen: Frühe Kindheitserfahrungen sind fundamental wichtig. Es ist ziemlich klar, dass sich die Jungen von unterstützenden Müttern im Leben besser schlagen. Die Männchen erreichen im Allgemeinen eine höhere Position in der Hierarchie und die Weibchen werden ihrerseits zu besseren Müttern.

Sie haben bei Schimpansen auch das beobachtet, was Sie «die dunkle Seite» der Primaten nennen: Gewalt, Kämpfe bis zum Tod, langjährige Territorialkriege zwischen rivalisierenden Schimpansengruppen.

Das war erst nach einigen Jahren und es war für mich schockierend. Bis dahin glaubte ich, die Schimpansen seien wie wir, nur edler.

Der edle Wilde?

Genau. Und dann diese Brutalität, sogar Kannibalismus beobachtete ich. Es war erschütternd.

Bis dahin glaubte ich, die Schimpansen seien wie wir, nur edler.

Jane Goodall

Hatten Sie auch Angst?

Es gab eine Zeit Ende der 1980er Jahre, als mehrere Männchen sehr aggressiv waren, richtige Tyrannen, die die anderen schikanierten. Der aggressivste von ihnen, Frodo, stiess mich um, prügelte mich und trampelte auf mir herum. Es ist für mich klar, dass er mich nicht ernsthaft verletzen oder sogar töten wollte, sonst wäre ich heute nicht hier. Frodo wollte seine Dominanz beweisen. Mit seinem aggressiven Verhalten wurde er zum Alphatier. Ich erlebte aber auch, wie altruistisch Schimpansen sein können.

Bei den Schimpansen dreht sich offenbar sehr vieles darum, in der Hierarchie nach oben zu kommen und möglichst dominant zu sein. Erinnert Sie auch das an die Menschen?

Ja, es gibt viele Verhaltensweisen von männlichen Schimpansen, die wir auch bei Politikern sehen: das Imponiergehabe, das Herumstolzieren, um sich selbst gross und mächtig aussehen zu lassen. Man konnte das zum Beispiel während der Wahlkampfdebatte zwischen Donald Trump und Hillary Clinton beobachten; sein Imponiergehabe, als sie am Sprechen war. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich vergleiche damit Trump nicht mit Schimpansen. Ich sage einfach, dass er ein Verhalten zeigte, wie es auch männliche Schimpansen zeigen, wenn sie das dominante Männchen werden wollen.

Sie schafften es, sich als junge Frau in einer männerdominierten Welt durchzusetzen. Was raten Sie jungen Frauen heute?

Was schon meine Mutter mir riet: Wenn du etwas wirklich willst, dann musst du sehr hart dafür arbeiten, Gelegenheiten ergreifen, die sich bieten, und nie – niemals – aufgeben.