Schweiz: Jahr der Neutralität
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Schweiz: Jahr der Neutralität

Einem Land, das für Neutralität, Sicherheit und Frieden steht, kann sich scheinbar niemand entziehen: Der Nationalstolz ist weiterhin auf Rekordhoch.

«Machet den Zun nit zu wit» soll Bruder Klaus (1417–1487), Eremit und Schutzpatron der Schweiz, seine Landsleute frühzeitig zur Selbstbeschränkung ermahnt haben, er meinte damit so viel wie «mischt euch nicht in fremde Händel». Ein bis heute viel zitiertes Wort, auf das sich die Eidgenossen nach der verlorenen Schlacht bei Marignano (1515) angeblich besannen. Die sich daraus entwickelnde Neutralität ist für viele ein zentraler Bestandteil des Erfolgs des alpinen Kleinstaates. Dauerhaft etabliert wurde die Neutralität der Schweiz 1815 am Wiener Kongress durch den Willen und die Schutzgarantien der mächtigen Bezwinger Napoleons.

Stärken der Schweiz 2015

Unabhängigkeit zeitgemäss?

Die mit der Beendigung des Kalten Krieges aufkeimenden Diskussionen über den Ursprung, den Sinn und das Wesen der Neutralität sind im Zusammenhang mit dem diesjährigen Doppeljubiläum «500 Jahre Schlacht bei Marignano» und «200 Jahre Wiener Kongress» wieder intensiv geführt worden. Relevant ist dabei vor allem die Frage, ob die Schweizer Neutralität noch zeitgemäss ist. Das Sorgenbarometer vermittelt eine klare Botschaft: Für die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger ist die Neutralität ein unverrückbarer Wert, sie erklären 2015 gewissermassen zum «Jahr der Neutralität». Wie schon im Vorjahr sind 96 Prozent der Befragten stolz oder sehr stolz auf die Neutralität. Zudem wird sie von 48 Prozent (+15 Prozentpunkte [pp] seit 2014) als Hauptstärke der Schweiz empfunden. Dazu beigetragen hat möglicherweise die international gelobte Vermittlerrolle der Schweiz als Vorsitzende der OSZE im Ukraine-Konflikt. Schliesslich wurde auch bei den Dingen, für die die Schweiz steht, kein anderer Begriff so oft genannt wie die Neutralität mit 32 Prozent (+12pp; Durchschnitt seit 2004: 20 Prozent).

Sicherheit und Frieden

Für 19 Prozent (+1pp) der Stimmbürger steht die Schweiz aber auch für Sicherheit und Frieden. Das ist keine Überraschung, im langjährigen Durchschnitt waren sogar 22 Prozent dieser Meinung. Auf Rang 3 liegt die Landschaft, die für 13 Prozent der Befragten typisch schweizerisch ist (-1pp; Durchschnitt seit 2004: 16 Prozent). Der artverwandte Begriff Alpen/Berge hingegen kam diesmal mit 5 Prozent (-6 pp; Durchschnitt seit 2004: 10 Prozent) nicht ganz nach oben. Dafür machten die Banken mit 12 Prozent (+7pp; Durchschnitt seit 2004: 7 Prozent) einen grossen Schritt nach vorne. Sie gehören nach Ansicht des Souveräns untrennbar zur Schweiz. Neben den Banken wurde auch der Finanzplatz (6 Prozent, +3pp) häufiger als im Vorjahr genannt. Das Bankkundengeheimnis blieb stabil bei 1 Prozent.

Dinge, wofür die Schweiz steht

Das 21. Jahrhundert zeichnet sich durch einen ausgeprägten Schweizer Nationalstolz aus. Zwischen 2004 und 2006 äusserten im Schnitt bereits 75 Prozent der Befragten ihren Stolz auf das Land. Bis 2013 stieg der Durchschnitt auf 84 Prozent an. Im Jahr 2014 erreichte der Swissness-Trend mit der Durchbrechung der 90 Prozent-Marke eine neue Dimension, und nun sind es sogar 94 Prozent. Wie einzigartig dieser Wert ist, wird offensichtlich, wenn man das Gegenteil betrachtet: Lediglich 5 Prozent der Befragten sind explizit nicht stolz darauf, Schweizerin oder Schweizer zu sein (1 Prozent ohne Antwort).

Für den grossen Anstieg zeichnen vor allem die Westschweiz und die politische Linke verantwortlich. Betrug der Unterschied zwischen der stolzen deutschsprachigen Mehrheit und der skeptischeren französischsprachigen Minderheit im langjährigen Schnitt 29 Prozentpunkte, so ist es 2015 zum Gleichstand gekommen. Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich bei den politisch Interessierten: Die Differenz zwischen rechts und links betrug bisher im Durchschnitt 21 Prozentpunkte, nun herrscht praktisch Gleichstand. Erst zum zweiten Mal zeichnet sich übrigens die politische Mitte durch den am stärksten ausgeprägten Nationalstolz aus, normalerweise liegen deren Werte leicht unter jenen der Rechten.

Noch verblüffender ist die Entwicklung in der Gruppe der Befragten, die «sehr stolz» auf die Schweiz sind. Betrug 2005 die Differenz zwischen rechts und links 41 Prozentpunkte, so sind es nun noch deren 13 – aber mit umgekehrten Vorzeichen! 51 Prozent der linksstehenden Stimmbürger sind sehr stolz auf ihr Schweizersein; bei den rechtsstehenden sind es nur 38 Prozent (gegenüber 64 Prozent im Jahr 2009).

Typisch schweizerische Branchen

Besonders stolz sind die Schweizer nicht nur auf die Neutralität (96 Prozent sehr/ziemlich stolz), sondern auch auf die Bundesverfassung (93 Prozent), die Volksrechte (89 Prozent), die Unabhängigkeit (84 Prozent) sowie den Föderalismus und das Zusammenleben (je 81 Prozent). Etwas tiefere Werte erreichen die Konkordanz (79 Prozent) sowie das Milizsystem und die Sozialpartnerschaft (je 77 Prozent).

Bei der Beurteilung der Wirtschaft ist der Stolz auf verschiedene Branchen sehr ausgeprägt. Branchen, die von grossen Teilen der Bevölkerung als typisch schweizerisch angesehen werden, geniessen in der Regel auch einen sehr guten Ruf. An der Spitze liegt die Uhrenindustrie (97 Prozent der Befragten sind stolz auf diese) vor den Themen «Internationaler Qualitätsruf» und «Starke Schweizer Marken im Ausland» (je 96 Prozent), den KMU und der Maschinenindustrie (je 95 Prozent) sowie der Forschung (93 Prozent). Geringfügig tiefere Werte erreichen die Pharmaindustrie und die Innovationskraft (je 89 Prozent) sowie die Service-public-Unternehmen (88 Prozent). Auf hohem Niveau, aber etwas distanziert sind die internationalen Konzerne in der Schweiz (82 Prozent), der Finanzplatz (80 Prozent) und das Bankkundengeheimnis (78 Prozent).

Die politischen Begriffe erreichen bei der Frage, worauf man stolz sei, eine ansehnliche Durchschnitts-Quote von 84 Prozent (-4pp). Wirtschaftliche Begriffe werden mit 90 Prozent (+2pp) sogar noch etwas höher eingestuft, obwohl sie bei den Stärken etwas schwächer abschneiden als die politischen Faktoren. Die Wirtschaft trägt demnach stark zum hohen Nationalstolz bei.