Liebe und Finanzen: «Geld ist ein gutes Schmiermittel»

Der Psychoanalytiker und Autor Peter Schneider über die Rolle von Geld in Beziehungen – und warum es Paaren so schwerfällt, darüber zu reden.

Beatrice Schlag: Warum ist Geld in vielen Beziehungen ein zentrales Thema?

Peter Schneider: Geld und Liebe hängen eng zusammen. Das merkt man an Geschenken, die man dem andern machen möchte und je nach finanziellen Verhältnissen machen kann oder nicht. Aber zentral wird Geld vor allem bei Scheidungen oder Trennungen, da wird es zum Kampfobjekt. Liebe kann man nicht einfordern. Also konzentriert sich die Fehde auf Geld.

Scheidungsanwälte berichten von Männern, die lange vor der Trennung Geld in Sicherheit bringen für den Fall einer Scheidung.

Das erzählt ja etwas anderes: Der Mann fühlt sich nicht mehr geliebt und bunkert sein Geld. Man zieht sich in jeder Beziehung zurück. Es ist ein finanzieller Betrug, klar. Aber niemand schafft Geld beiseite, wenn er mit dem Partner glücklich ist.

Haben Verliebte eine Chance, wenn der eine grosszügig und der andere eher geizig ist?

Man kann es mit getrennten Kassen versuchen. Aber dann werden an sich einfache Sachen wie zusammen essen gehen oder verreisen sehr anstrengend.

Sind getrennte Konten eine Lösung?

Zur Liebe gehört Grosszügigkeit, auch finanzielle. Und wenn die einseitig ist, gibt das Probleme. Man tut gerne so, als sei Geld einfach nur schnödes Geld, aber in Beziehungen drückt es eben auch etwas anderes aus.

Viele Paare sprechen leichter über Sex als über ihr Einkommen – was ist an Geld so intim?

Wir wollen, dass Geld bloss ein rein rationales Mittel zum Zwecke ist, also das pure Gegenteil von dem, was uns intim berührt. Geld, das in den intimen Bereich hineinspielt, beschmutzt die Intimität. Geld verwandelt Sex in Prostitution. Das ist die eine Seite. Die Kehrseite: Wenn wir etwas beharrlich ausschliessen wollen, mischt es sich ebenso beharrlich wieder ein. Sauberkeit ist ohne Schmutz nicht denkbar. Das Geld durchdringt die Grenze zur reinen Intimität immer wieder.

Wie soll eine Frau reagieren, wenn ihr Mann sagt, über sein Einkommen rede er nicht?

Auch wenn der Mann so viel verdient, dass genug für beide da ist und es der Frau egal sein kann, wie viel er genau verdient, ist es Ausdruck eines Misstrauens, das einer intimen Beziehung nicht gut bekommt.

Laut Umfragen ist Geld bei jüngeren Paaren ein deutlich grösseres Problem als bei älteren.

Das leuchtet ein, weil ältere Paare in den meisten Fällen mehr Geld haben. Und Geld ist ein gutes Schmiermittel, das viele Reibungsflächen des Lebens glättet. Je mehr man davon hat, desto grösser ist die Chance, es unsichtbar werden zu lassen.

Wie sollte ein Mann reagieren, wenn ihm eine attraktive Frau zu verstehen gibt, dass sie nicht nur an seinem Wesen, sondern auch an seinem Geld interessiert ist?

Das kann durchaus ein Gefühl von Grossartigkeit hervorrufen. Der grosse Irrtum ist ja, dass Geld nur etwas Äusseres sei. Um seiner selbst willen geliebt zu werden, ist aber eine absurde Vorstellung. Welcher Kern soll denn bleiben, wenn man alles Äussere wie Figur, Auftreten, Status und Geld weglässt? Wofür man geliebt wird, besteht aus allem, was man zu bieten hat. Geld muss nicht zwingend dazugehören. Aber es sollte niemanden kränken, wenn auch sein Geld ihn attraktiv macht. Heute haben wir die Illusion, wir könnten ganz intensiv fühlen, ohne dass es uns finanziell etwas kostet.

Woher kommt diese Illusion?

Kinder lernen, dass ein selbstgebasteltes Geschenk wertvoller ist als ein gekauftes. Aber jedes Kind weiss, dass ein selbstgebasteltes Geschenk ihm selbst überhaupt keine Freude macht. Es bekommt ja auch kaum etwas Selbstgebasteltes geschenkt.

Wie weit darf dann Grosszügigkeit gehen?

Natürlich sollte man sich nicht allzu oft und allzu hoch über das hinaus verausgaben, was man hat. Aber das Überschiessende gehört zur Liebe. In der Literatur ist die ruinöse Liebe die grandioseste. Leider ist sie auf Dauer nicht lebbar.Aber der Liebe ist es sehr zuträglich, wenn gelegentlich etwas Alltagsuntaugliches hinzukommt. Das macht glücklicher als der Taschenrechner. Es sei denn, zwei zwanghafte Charaktere kommen beim Lesen ihrer Kontoauszüge auf Touren.

Aus der Glücksforschung ist bekannt, dass ein Paar ab einem gewissen monatlichen Einkommen nicht glücklicher wird, wenn der Lohn weiter markant steigt.

Ich bin der lebende Gegenbeweis für die Bescheidenheitsideologie. Ich habe vor zehn Jahren etwa 10'000 Franken verdient. Jetzt ist es mehr als doppelt so viel, weil ich viel mehr Arbeit habe. Meiner Frau und mir geht es sehr viel besser, und das hat sicher auch mit dem Geld zu tun. In einer Paarbeziehung entspannt Geld, es macht sie vergnüglicher.

Macht Geld also doch glücklich?

Aber sicher. Sehr viele Dinge, die mit Geld möglich sind, machen glücklich. Gut essen zu gehen und Leute dazu einladen zu können, macht glücklich. Sich schöne Dinge leisten zu können, ebenso. Ich kann mich nicht über solche Dinge definieren, und wenn Menschen einen Abend lang darüber reden, langweile ich mich fürchterlich. Aber sagen Sie mir nicht, dass sie keine Freude machen. 

Peter Schneider, 57, ist Psychoanalytiker, Privatdozent, Kolumnist und Autor.