Geld macht glücklich – doch die Unterschiede sind gross

Geld ist uns wichtig – doch wie wichtig es ist, hängt nicht zuletzt mit unserem kulturellen Hintergrund zusammen und ist rund um die Erde verschieden. Die Frage, ob Geld glücklich macht, beantwortet die Generation von morgen anders als ihre Eltern.

«Money, Money» heisst ein berühmter Song von Liza Minnelli. Die Geld-Hymne sagt, dass materieller Reichtum global das Gleiche bedeutet: «A mark, a yen, a buck or a pound – that clinking, clanking, clunking sound is all that makes the world go 'round» («Eine Mark, ein Yen, ein Dollar oder ein Pfund: dieses Geklimper treibt die Welt an»).

Geld hat zweifelsohne einen hohen Stellenwert, doch es gibt sehr verschiedene Auffassungen darüber, welche Rolle es im Alltagsleben spielt, und genauso, ob man es öffentlich zeigt: Für einen Amerikaner mag es normal sein, den Wohlstand zur Schau zu stellen, während das in der Schweiz als ordinär und in Bhutan sogar als töricht gilt. Beim Geld als Statussymbol zeigt sich auch eine Kluft zwischen den Generationen: Für die jungen «Digital Natives» ist materieller Reichtum nicht so ausschlaggebend wie für ihre Eltern aus der Nachkriegsgeneration. Macht Geld überhaupt glücklich? Auch das ist eine grosse Frage!

Mexikaner brauchen weniger Geld zum Glück als Amerikaner

Der Zusammenhang zwischen Geld und Glück ist nicht überall auf der Welt der gleiche. In jüngster Zeit gab es mehrere Versuche, das Glück zu messen – etwa den «World Happiness Report» (siehe Grafik) oder die «Guidelines on Measuring Subjective Well-being» der OECD. Im Jahr 2011 rief die Uno die Staaten dazu auf, das Glück ihrer Bevölkerung zu messen, damit sie die entsprechenden politischen Massnahmen ergreifen können.

Vergleichende Studien zeigen meist, dass Glück nicht allein durch das Pro-Kopf-Bruttoinlandprodukt bestimmt wird. Auch wenn reiche Länder wie etwa Dänemark, Norwegen, die Schweiz, die Niederlande und Schweden üblicherweise Spitzenplätze bei diesen Umfragen einnehmen, kann man viele auffällige Ergebnisse finden. So rangiert Costa Rica auf einem ähnlich hohen Glücksniveau wie Neuseeland, Mexiko kann sich mit den USA vergleichen, und Brasilien rangiert sogar noch vor Frankreich und Deutschland (diese Daten stammen von 2010/2012, die Ergebnisse der Fussballweltmeisterschaft 2014 sind darin also nicht berücksichtigt), während China hinter Sambia folgt. Andererseits finden sich arme Länder wie Ruanda, Burundi, die Zentralafrikanische Republik, Benin und Togo bei diesen Studien regelmässig auf den letzten Plätzen wieder.

Geld ist trotzdem ein Glücksbringer

Diese Auffälligkeiten lassen sich dadurch erklären, dass andere Faktoren, die sich auf das Glücksempfinden auswirken (wie Lebenserwartung, soziale Beziehungen, familiärer Rückhalt, Grosszügigkeit, Wahlmöglichkeiten und Freiheit von Korruption), nicht immer eindeutig mit dem Pro-Kopf-Einkommen korrelieren. Das heisst nicht, dass Geld keine Rolle spielt. Viele Studien belegen zwar, dass ab einem bestimmten Einkommen (rund 70'000 Dollar im Fall der USA) mehr Geld nicht unbedingt zu mehr Glück führt. Aber das spiegelt vielleicht nur die wenig ausgeprägte Beziehung zwischen wahrgenommenem Glück und Wohlbefinden (das wiederum mit Einkommen korreliert). Wir müssen auch sehen, dass der «Sättigungspunkt» nach wie vor ein heftig debattiertes Thema in der Fachliteratur ist.

Über Geld spricht man (nicht)

Die kulturellen Aspekte der Frage, wie Geld und Glück in unterschiedlichen Gesellschaften wahrgenommen werden, sind ebenfalls interessant. In den USA (wo das Streben nach Glück ausdrücklich in der Unabhängigkeitserklärung verankert ist) hat Glück eine völlig andere Bedeutung als in Asien, wo die Menschen sehr viel zurückhaltender in ihren Glücksbekundungen sind. In manchen Ländern (auch hier sind die USA ein gutes Beispiel) sprechen die Menschen sehr viel bereitwilliger über ihre Erfolge und setzen diese auffälliger mit Geld in Beziehung als anderswo. Im calvinistischen Genf würde eine so offensive Haltung als Charakterschwäche betrachtet.

Schweizer Millionäre fahren zweite Klasse

Das heisst nicht, dass die Schweizer dem Geld keine Bedeutung beimessen. Manch einer würde sogar sagen, dass sie ein sehr inniges Verhältnis zum Geld pflegen. Aber viele Schweizer, selbst wenn sie Millionäre sind, fahren im Zug im Abteil zweiter Klasse und geben sich gegen aussen hin sehr bescheiden. Als ausländischer Beobachter hat man manchmal das Gefühl, ihnen sei der Wohlstand fast unangenehm.

In manchen Kulturen (etwa im Orient) gilt Feilschen als Zeichen von Sparsamkeit, während es in anderen Ländern (etwa in Frankreich) keinen guten Ruf geniesst. Diese unterschiedlichen Einstellungen zum Geld zeigen sich auch als Stadt-Land-Unterschiede in Ländern wie Brasilien, wo in Grossstädten wie São Paulo eine quasi amerikanische Einstellung zu Reichtum und seiner Zurschaustellung üblich ist, während die Leute in einer dörflichen Umgebung eher reserviert sind.

In Südeuropa wächst die Unzufriedenheit

Das Verhältnis zwischen Geld und Glück wird auch vom makroökonomischen Kontext beeinflusst. Jüngere Studien (wie die des Pew Research Center vom Oktober 2014 – siehe Grafik) zeigen, gegenüber einer Studie von 2007, eine signifikante Konvergenz zwischen Industrie- und Schwellenländern im Hinblick auf die durchschnittliche Zufriedenheit (die für Glück stehen könnte). Diese Konvergenz dürfte vor allem mit der relativ besseren wirtschaftlichen Entwicklung in den Schwellenländern zu erklären sein. Aber auch die Auswirkungen der globalen Finanzkrise (von der Südeuropa besonders stark betroffen wurde) haben diese Ergebnisse beeinflusst. Jüngste Analysen lassen den Schluss zu, dass negatives Wachstum die Lebenszufriedenheit sehr viel stärker beeinflusst als positives Wachstum. Kein Wunder also, dass in Ländern wie Griechenland, Portugal und Spanien ein erheblicher Rückgang der allgemeinen Zufriedenheit festzustellen ist.

Hauptsache, reicher als der Nachbar

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die zunehmende Ungleichheit. Es wird argumentiert, dass sie in Industrieländern dem sogenannten Easterlin-Paradox zusätzliches Gewicht verleiht – der vom amerikanischen Ökonomen Richard Easterlin in den 1970ern formulierten Theorie, dass höhere Einkommen mit Glück korrelieren, in internationalen Vergleichen Glück aber nicht mit Pro-Kopf-Einkommen korreliert. Was uns glücklich macht, ist also nicht das absolute Einkommensniveau, sondern ein höherer sozialer Status – mit anderen Worten: dass man sich reicher fühlt als der Nachbar. In Gesellschaften, in denen die Ungleichheit deutlich zugenommen und die soziale Mobilität abgenommen hat wie in den USA, wird der Konkurrenzkampf noch absurder.

«Digital Natives»: Geld ist nicht alles

Und welche Rolle spielt das Alter? Einstellungen zu Geld und Glück sind, jenseits aller kulturellen Unterschiede, stark vom Alter abhängig. Die MBA-Klasse, die ich unterrichte, ist für mich quasi ein Laboratorium zum Studium dieser Unterschiede. Die Anzahl der Studenten ist überschaubar, aber sie kommen aus ganz verschiedenen Ländern. Ihre Haltungen zu Geld und Reichtum, zur Rolle der Globalisierung in der Weltwirtschaft, ihre Karriereziele und Glücksvorstellungen sind aufschlussreich.

Diese Studenten sind typische Vertreter der «Digital Natives» – eine Altersgruppe, die im Zeitalter des Internets herangewachsen ist und sehr viel mehr Wert auf «Transparenz» in ihrem Alltag legt. Es ist für diese jungen Leute selbstverständlich, dass Informationen über Personen, Unternehmen und Länder leicht zugänglich sind und dass diese Informationen nicht nur im Hinblick auf Karrierechancen genutzt werden, sondern auch ethische Erkenntnisse liefern sollen.

Auf die Frage, was sie unter einem «guten Leben» verstehen, wird meist nicht Geld als ausschlaggebender Faktor genannt. Viele Studenten sagen, dass sie in ihrer Heimat etwas verändern wollen (besonders, wenn sie aus einem Entwicklungsland kommen), und fast alle erklären, dass sie sich bei ihren Karriereentscheidungen vom ethischen Verhalten potenzieller Arbeitgeber beeinflussen lassen. Vielleicht ist die Betonung von Transparenz und ethischen Faktoren (aufgrund der Auswirkungen der globalen Finanzkrise) nur ein Zufall. Aber meiner Ansicht nach erleben wir einen Transformationsprozess, der grossen Einfluss darauf hat, wie die nächsten Generationen Geld wahrnehmen und verwenden werden.

Ethik und Tugend haben Zukunft

Geld ist ein soziales Konstrukt. Letztlich entscheiden Überzeugungen (und Vertrauen) darüber, welche Rolle das Geld in den verschiedenen Gesellschaften spielt. Die Debatte über die Frage, was ein «gutes Leben» (und damit auch Glück) ausmacht, wurde nicht zuletzt von Ökonomen geprägt, indem sie auf die materiellen Grundlagen der nützlichen Funktionen des Geldes verweisen. Geld und seine verschiedenen Konsumoptionen wurden der Mittelpunkt dessen, was als Erfolg angesehen wird.

Aufgrund der Erfahrungen der letzten Jahrzehnte, der globalen Finanzkrise und neuer Technologien gelten Ethik und Tugend wieder als zentrale Faktoren bei der Definition von Glück. Im Hintergrund läuft noch immer Liza Minnelli, aber die nächste Generation orientiert sich in ihren Lebensentscheidungen an Buddhismus, Aristoteles und Thomas von Aquin. Es wird faszinierend zu beobachten sein, wie ihre Wahrnehmungen und Ansichten über die Rolle des Geldes breit akzeptiert werden und Verdrängungs-Technologien wie Bitcoins alte Monopole untergraben.