Monets Lebensabend: Rückzug in die Natur
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Monets Lebensabend: Rückzug in die Natur

Architekturelemente sind in Claude Monets späten Arbeiten nur selten anzutreffen – mit Ausnahme seiner japanischen Brücke, die als Bindeglied zwischen Natur und Kultur dient. Sie spielt eine wichtige Rolle im Gemälde «Der Seerosenteich» (1899), das derzeit in «The Credit Suisse Exhibition: Monet & Architecture» zu sehen ist.

Claude Monets früheste und wichtigste Inspirationsquelle war die Natur. Obwohl er sich zum Maler des modernen Lebens mauserte, liess sie ihn nie ganz los und wurde am Ende erneut zu seinem bevorzugten Motiv. Dies zeigt sich etwa in seiner letzten Gemäldeserie zu Gebäuden, die im Jahr 1908 in Venedig entstand. Monet klammert die Touristen und die sich in der Stadt ausbreitenden Anzeichen moderner Technologie von seinen Bildern aus. Stattdessen konzentriert er sich vornehmlich auf die sich beständig verändernden Bewegungen des Himmels und der Wolken sowie die Effekte des Lichts auf der Wasseroberfläche oder auf den Wänden der Gebäude. Die so entstandenen Ansichten kontrastieren stark mit den geschäftigen, mit pulsierendem menschlichem Treiben gefüllten Stadtlandschaften des modernen Paris, die der Künstler 40 Jahre zuvor geschaffen hatte.

Monet & Architecture

Monets Rückzug in die Natur – von Christopher Riopelle, Neil-Westreich-Kurator der National Gallery in London für Gemälde ab 1800 (EN)

Zuflucht in einer eigenen Idealwelt

Auch die Bilder, die Monet zu Hause in Giverny – wohin er im Jahr 1883 gezogen war – malte, belegen seinen intensiven Rückzug auf die Natur. Zehn Jahre nach seiner Ankunft in diesem kleinen Dorf in der Normandie kaufte Monet ein Grundstück auf der anderen Seite der Eisenbahnlinie. Um seinen idealen Wassergarten zu schaffen, liess er einen Seitenarm der Epte umleiten und füllte den dadurch entstehenden Teich mit einer Hybridsorte von Seerosen. Über den Teich liess er sodann eine Brücke im japanischen Stil bauen. Monet bezeichnete diesen Garten als sein «grösstes Kunstwerk»; er wurde zu einem Zufluchtsort für den Künstler, insbesondere nach dem Tod seiner zweiten Frau Alice im Jahr 1911 und während der Jahre des Ersten Weltkriegs.

Die japanische Brücke, die Seerosen und die Blumen seines Gartens wurden während seiner späten Jahre zu Monets Hauptmotiven. Der Teich inspirierte ihn zu mehr als 250 Gemälden, in denen er sich auf die Darstellung der sich in der Oberfläche widerspiegelnden Wolken und Trauerweiden konzentrierte. Seerosen treiben in kleinen, lebhaften Farbtupfen über das Wasser. Die Reflexionen auf der Teichoberfläche zogen Monet immer mehr in ihren Bann – gleichsam so, als würden sie sich auf einem Stück Leinwand materialisieren.

Bewundert von den Vertretern des abstrakten Expressionismus

Gegen Ende seines Lebens malte Monet auf Wunsch des mit ihm befreundeten Politikers Georges Clemenceau einen Zyklus grossformatiger Seerosenbilder. Diese imposanten Gemälde wurden 1927, sechs Monate nach Monets Tod, in Paris im Musée de l’Orangerie ausgestellt. Sie trugen bedeutend zu seinem anhaltenden internationalen Ruhm bei, insbesondere bei nachfolgenden Generationen von Malern wie den abstrakten Expressionisten Mark Rothko und Jackson Pollock, die sich von der bahnbrechenden Modernität im Ausdruck und im Kolorit von Monets späten Naturbildern angesprochen fühlten.