Mitch Lowe: Von der Videokette zum Online-Giganten

Mitch Lowe, innovativer Mitbegründer von Netflix und ehemaliger President von Redbox, hat seinen Fokus verlagert – vom Aufbau seines eigenen milliardenschweren Unternehmensimperiums hin zur Unterstützung junger Unternehmer.

Seine derzeitige Funktion als Unternehmensberater passt zu Mitch Lowe, schliesslich hat der Amerikaner mit Netflix bewiesen, dass er ein Unternehmen von der Gründung bis zum Millionenumsatz führen kann. Lowe war ein Hauptredner des Entrepreneurs Summit der Credit Suisse in Sundance, Utah, dessen Schwerpunkt auf dem Thema «Beyond Innovation» lag.

Ein unkonventioneller Weg

Ungewöhnlich ist ein Adjektiv, das zu Mitch Lowe passt – schon in seiner Jugend war er anders. Er wurde in Kalifornien geboren und brach die Schule kurz vor dem Abschluss ab, um durch Europa zu reisen. Dieser frühe Impuls, seinen eigenen Weg zu gehen, war ein Hinweis darauf, welche Art von Unternehmer er sein würde – ein Wegbereiter, kein Nachahmer.

1982 investierte Lowe USD 25'000 in eine Videokette; in der Folge entwickelte er einen Videoverleihautomaten, den er Video Droid nannte. Leider bestand bei den Kunden, die mit einem Überangebot an Videotheken konfrontiert waren, kein Bedarf an Video Droid, und das Unternehmen entwickelte sich schlecht. «Das war eine dieser Ideen, die nur auf dem Papier gut aussehen», meint Lowe.

Zehn Jahre hinter der Theke

Obwohl Video Droid nur geringe Umsätze verzeichnete, interessierte sich eine japanische Handelsfirma dafür. Vier Jahre nach der Markteinführung verkaufte Mitch Lowe die 69 Automaten an das Unternehmen und eröffnete mehrere Video-Droid-Videotheken in Kalifornien. Da er nicht zu den Menschen gehört, die sich leicht von etwas abbringen lassen, verbrachte er die nächsten zehn Jahre hinter der Theke seiner Videoläden und lernte die Bedürfnisse und Erwartungen seiner Kunden kennen.

Nachdem er über 13'000 Stunden in seinen Videotheken gearbeitet hatte, wusste Lowe sehr genau, wohin die Entwicklung der Videoverleihbranche gehen würde, was die Kunden wollten und welchen Markt er als Nächstes erschliessen konnte.

Die Begegnung, die die Unterhaltungsindustrie veränderte

Bei einer Messe im Jahr 1997 traf Mitch Lowe auf Marc Randolph, Mitbegründer des Computerversandunternehmens MicroWarehouse. Lowe und Randolph sprachen über die Möglichkeit, den Versandhandel in der Videoverleihbranche einzuführen. Kurz darauf kam Reed Hastings dazu, mit dem Randolph bei Hastings' Firma Pure Software zusammengearbeitet hatte. Die Idee zu Netflix war geboren.

Netflix wurde 1997 mit 30 Mitarbeitenden und 925 DVDs gegründet, die man über das Internet ausleihen konnte. Finanziert wurde der Startup aus Gewinnen, die Hastings aus dem Verkauf von Pure Software erzielte. Zwei Jahre später führte das Netflix ein Monatsabonnement ein. Zehn Jahre nach der Unternehmensgründung wurde das Online-Streaming von Fernsehshows, Filmen und Dokumentationen möglich. Bislang hat Netflix fast zwei Milliarden DVDs ausgeliefert und einen Kundenstamm von weltweit 50 Millionen.

«Eigentlich wollten wir von dem beeindruckenden Dotcom-Boom im Silicon Valley profitieren», berichtet Lowe über die Anfänge des Unternehmens. Aber der Erfolg von Netflix stellte die Videoverleihbranche auf den Kopf. Riesige Videotheken mit ihren Verzugsgebühren und Mitgliedskarten kamen bald ins Schwimmen.

Ein Problem erkennen und lösen

Mitch Lowe hat aktuelle Entwicklungen nicht nur aufgegriffen, er hat auch künftige Bedürfnisse von Videoverleihkunden vorausgesagt und gleichzeitig eine Nachfrage nach Medienprodukten geschaffen. Sein Geschäftssinn äussert sich darin, dass er die Kunden versteht und sich in schnelllebigen Zeiten ihren Bedürfnisse anpasst.

Als die Kunden schnellere DVD-Lieferzeiten verlangten, stellten Lowe und das Netflix-Team Videos per Streaming für Kunden zur Verfügung, die sich einen Internetzugang leisten konnten. Kunden mit kleinerem Geldbeutel profitierten von einer Reduzierung der Lieferzeiten von drei Tagen auf einen Tag.

«Wir wurden richtig gut darin, unsere Ressourcen so einzusetzen, dass die Kunden Netflix noch besser fanden», erklärt Lowe. Als er und Hastings erkannten, dass Netflix einen zu grossen Lagerbestand hatte, diversifizierten sie das Angebot und boten Videoverleih per Post, Online-Streaming und über Abonnemente an, die beide Optionen enthielten. Mit anderen Worten hat das Unternehmen laut Lowe sein Produkt «einer regelmässigen Feinabstimmung unterzogen».

Bei Netflix, Redbox und Quarterly.Co – einem Online-Magazin, das er später leitete – führte Lowe Umfragen durch, um Feedback von Kunden einzuholen und zu erfahren, wo sich das Unternehmen verbessern könnte. Bei Redbox beispielsweise gingen alle zwei Wochen 40'000 ausgefüllte Fragebogen ein. Als das Unternehmen diese Rückmeldungen erhielt, wurde die Frage «Was müssen wir als Erstes tun, um besser zu werden?» zur wichtigsten im Unternehmen.

Die Zeit nach Netflix

2003 verliess Lowe Netflix, um der von McDonald's finanzierten DVD-Verleihfirma Redbox auf die Beine zu helfen. Während Lowes Zeit als COO und President wuchs Redbox von elf Kiosken auf über 2000 und erzielte einen Jahresumsatz von USD 1,5 Mia. Nach seinem Weggang von Redbox im Jahr 2011 wurde er Berater bei der innovativen Online-Publikation Quarterly.Co und dem Medizinaltechnologieunternehmen Medbox. Kurze Zeit später wurde er zum CEO bzw. Director beider Unternehmen ernannt.

«Ich arbeite gerne mit jungen Unternehmern zusammen, die neue Unternehmen gründen», erklärt Lowe den Gästen des Entrepreneurs Summit. Sein wichtigster Rat für die nächste Generation junger Unternehmer lautet: «Fokussieren Sie auf Produkte oder Dienstleistungen, die leicht verständlich sind.»

Mit Prioritäten zum Erfolg

«Jede Idee kann erfolgreich sein, wenn man zunächst die ein oder zwei Punkte identifiziert, deren Umsetzung zum jeweiligen Zeitpunkt am wichtigsten ist», ist Lowe überzeugt. Neben dem Setzen von Prioritäten legt er Wert auf Schwerpunktbildung, Analysen und Ressourcen. Heutzutage seien die Märkte stark umkämpft; daher betont er, wie wichtig ein Produkt ist, das die Kunden lieben und loben.

Angesichts der zahlreichen neuen Startups wird Innovation immer schwieriger. Aber Lowes Ansicht nach sind die Schritte, die zum Erfolg führen, nicht kompliziert. «Es ist einfach herauszufinden, was der Markt will», meint er. «Man muss lediglich genauer beim Kunden nachfragen.»