M&A-Boom dank hoher Barreserven ungebrochen

Hohe Liquidität, günstige Finanzierungen und Wachstumspläne beflügeln den globalen M&A-Markt, die Preise steigen. 2015 dürfte für M&A das beste Jahr aller Zeiten werden, ohne Anzeichen einer Abkühlung oder Überhitzung – vorerst. 

Der Gesamtwert der globalen Fusionen und Übernahmen (Mergers and Acquisitions, M&A) könnte 2015 einen neuen Höchststand erreichen und den bisherigen Rekord aus dem Jahr 2007 übertreffen. «Ein makroökonomisches Umfeld mit niedrigem Wachstum zusammen mit der Möglichkeit, durch das Hinzufügen von neuen Geschäftsfeldern und Kunden zu wachsen, treibt die M&A-Aktivitäten voran. Wir befinden uns auf gutem Weg, das Hoch von 2007 zu erreichen oder sogar zu übertreffen», sagte Greg Weinberger, Co-Leiter Global M&A bei der Credit Suisse. Laut dem Deal Flow Predictor von Intralinks dürfte das weltweite M&A-Volumen 2015 um ca. 11 Prozent gegenüber dem Vorjahr steigen.

Globales Volumen der M&A-Transaktionen

Globales Volumen der M&A-Transaktionen

Daten von Dealogic zufolge hatte das globale M&A-Volumen per 11. August bereits USD 3 Bio. erreicht, angetrieben von einem 48-prozentigen Zuwachs bei den «Mega-Deals» mit einem Wert von über USD 5 Mia. Von diesen Grosstransaktionen überstiegen 31 die Schwelle von USD 10 Mia. «Diese Zunahme der Mega-Deals ist eine deutliche Abkehr von den kleineren Transaktionen, die seit Beginn der globalen Finanzkrise das Hauptgeschäft der Investment Banker gewesen waren», so Philip Whitchelo, VP Strategy & Product Marketing bei Intralinks. 

Strategische Chancen motivieren Käufer

Wie eine von KPMG unter M&A-Spezialisten durchgeführte Studie zeigt, sind die Hauptgründe für eine beabsichtigte Akquisition entweder opportunistischer Art – ein Übernahmeobjekt wird verfügbar – oder bestehen darin, dass die Übernahme dem Unternehmen ermöglicht, seine geografische Reichweite oder seine Kundenbasis zu erweitern oder in neue Geschäftsfelder zu expandieren. Das aktuelle Umfeld sorgt bei den Wachstumstreibern des M&A-Markts für eine positive Dynamik: Unternehmen haben hohe Barreserven angesammelt und verfügen über beispiellosen Zugang zu finanzieller Liquidität. Zudem möchten sie Wachstumschancen nutzen und ihre Marktanteile ausbauen. «Fusionen und Übernahmen als Wachstumsmotor sind bei Vorstandssitzungen wieder fester Bestandteil der Tagesordnung», sagte Pip McCrostie, Global Vice Chair – Transaction Advisory Services bei EY. Ein weiterer Ansporn für Unternehmen sind die niedrigen Zinsen, die verbesserten Konjunkturaussichten und die Aussicht, durch Übernahmen Zugang zu schnell wachsenden Schwellenmärkten zu erhalten. Auch der Wunsch nach zusätzlicher Spezialisierung hat zu einigen Deals beigetragen. Zahlreiche Käufer halten Ausschau nach Unternehmen mit einer Positionierung in Nischen, die von neuen Materialien und Technologien bis hin zu Arzneimitteln für die Behandlung seltener Erkrankungen reichen. All diese Faktoren tragen zu einer lebhaften M&A-Aktivität bei, was wiederum die Bewertungen in die Höhe treibt. Leicht erhältliche, günstige Finanzierungen heizen den Anstieg der Verkaufspreise noch weiter an.

Steigende Bewertungen

In der ersten Jahreshälfte stiegen die durchschnittlichen Bewertungen bei US-Transaktionen laut Daten von Thomson Reuters auf das 16,5-Fache des EBITDA (Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) und übertrafen damit den bisherigen Rekord aus dem Jahr 2007, der bei dem 14,3-Fachen lag. «Die Transaktions-Multiples sind hoch, während die Bid-Premiums den Mittelwerten früherer M&A-Zyklen entsprechen», so McCrostie von EY. «Die Bewertungen werden (2015) einen neuen Höchststand erreichen, trotz zunehmender Sorge um die Entstehung einer Preisblase», fügte Interlinks hinzu. Andererseits waren die M&A-Transaktionen von Private-Equity-Unternehmen in der ersten Jahreshälfte gegenüber dem Vorjahreszeitraum deutlich rückläufig. Dies deutet darauf hin, dass es Potenzial für einen deutlichen Anstieg der Transaktionen aufseiten von Private-Equity-Unternehmen in den kommenden Monaten gibt, was die Bewertungen weiter steigen lassen dürfte.

Keine Anzeichen einer Überhitzung – vorerst

Die M&A-Aktivität dürfte in der zweiten Jahreshälfte weiterhin hoch bleiben. Mehr als die Hälfte der Führungskräfte, die vom Global Confidence Barometer weltweit befragt wurden, gaben an, in den kommenden zwölf Monaten Akquisitionen zu planen. Jedoch gibt es derzeit keine Anzeichen für eine Überhitzung. Die Werte weltweiter M&A-Transaktionen sind zwar in der Tat auf Rekordhöhe, doch «während des letzten M&A-Zyklus gab es keinen entsprechenden Anstieg der Transaktionsvolumina. Dies deutet auf eine hohe Disziplin bei der Auswahl der richtigen Transaktionen hin. Andere wichtige Messungen zeigen, dass im aktuellen Zyklus Spielraum besteht. Insgesamt liegt der M&A-Wert als Anteil des weltweiten BIP deutlich unter früheren Höchstständen», sagte McCrostie von EY.

M&A-Wert als Anteil des globalen BIP

M&A-Wert als Anteil des globalen BIP

Die Zahl der Transaktionen ist in der ersten Jahreshälfte weiter gestiegen, jedoch «deutlich langsamer als der Anstieg des Transaktionswerts. Damit stellt sich die Frage, ob der aktuelle M&A-Boom über 2015 hinaus anhalten wird, besonders dann, wenn die Zahl der Mega-Deals wieder ein ‹normaleres› Niveau erreicht», betonte Whitchelo von Interlinks.

Fusionen im Gesundheitsbereich an der Spitze

Der Sektor mit der stärksten M&A-Aktivität während der letzten Monate ist der Gesundheitsbereich. Dort wurden bis Mitte August Transaktionen im Wert von USD 482 Mia. verzeichnet – eine Zahl, die den Rekord, der 2014 für ein volles Jahr aufgestellt wurde, übertrifft. Treiber der Nachfrage ist die Suche nach neuen innovativen Medikamenten und Therapeutika, um die bestehende Medikamenten-Pipeline der Pharma-Unternehmen weiter zu füllen. In den USA scheint auch der Affordable Care Act ein Grund für die gestiegene M&A-Aktivität bei Krankenversicherern, Krankenhäusern und anderen Gesundheitsdienstleistern zu sein. An zweiter Stelle steht die Technologiebranche mit Transaktionen im Wert von USD 382 Mia.: Technologie-Unternehmen wollen ihre Umsätze steigern, Zugang zu neuen geistigen Eigentumsrechten und Talenten erlangen, strategische Investitionen zur Verbesserung neuer Produkte tätigen und neue Märkte erschliessen. Der Öl- und Gassektor steht an dritter Stelle, angeführt von dem 70-Milliarden-Dollar-Angebot, das Royal Dutch Shell für die BG Group vorgelegt hat – bei einem erfolgreichen Abschluss wäre dies die grösste Transaktion des Jahres. Die Volatilität der Benchmark-Rohölpreise ist einer der Faktoren für die Intensivierung der M&A-Aktivitäten innerhalb der Branche.

USA und Europa bei Deal-Aktivität führend, Lateinamerika hinkt hinterher

Nordamerika und Europa dürften das M&A-Wachstum 2015 weiter dominieren. Nahezu die Hälfte des Gesamtwerts der in der ersten Jahreshälfte bekannt gegebenen Transaktionen entfiel auf die USA, wo die Anleger von einer vergleichsweise robusten Wachstumsrate und offenen Kreditmärkten angezogen werden. Auch die Region Asien-Pazifik partizipiert am M&A-Boom, da sich die dortigen Unternehmen an den wachstumsstarken Schwellenmärkten engagieren möchten. Deutlich verhaltener ist die Aktivität indes in Lateinamerika: Die Region leidet unter der schwächeren weltweiten Nachfrage nach Rohstoffen und den niedrigen Ölpreisen.

Viele fehlgeschlagene Transaktionen

Bei all der M&A-Aktivität in Rekordhöhe ist aber auch erwähnenswert, dass nicht alle Transaktionen tatsächlich vollzogen werden. Kartell- oder wettbewerbsrechtliche Fragen oder andere Gründe wie «Eindringlinge» und Shareholder Activism blockieren geplante oder besprochene Deals. Laut Daten von JPMorgan schlugen im Jahr 2014 Transaktionen im Gesamtwert von USD 686 Mia. fehl. Diese enorme Zahl stimmt jedoch mit früheren Aufwärtsentwicklungen der M&A-Aktivität überein.