Menschenrechte als wichtiger Pfeiler von Klimastrategien
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Menschenrechte als wichtiger Pfeiler von Klimastrategien

Human Rights Watch (HRW) setzt sich dafür ein, dass Menschenrechte als wesentlicher Bestandteil der globalen Antwort auf den Klimawandel anerkannt werden. Im Rahmen von Credit Suisse Bemühungen, mit einer Vielzahl von Anspruchsgruppen in Dialog zu treten, um Erkenntnisse für die Entwicklung nachhaltiger Geschäftspraktiken zu gewinnen, haben wir mit Arvind Ganesan, Leiter der Abteilung Wirtschaft und Menschenrechte von HRW, über die Inhalte, Erfolge und Herausforderungen dieser Arbeit gesprochen.

Credit Suisse: Im Oktober 2015 veröffentlichte HRW einen Bericht zum Thema Menschenrechte und Klimawandel, veranschaulicht anhand der Situation der Menschen in der kenianischen Turkana-Region. Was sind die grössten Folgen des Klimawandels für die am stärksten betroffenen Bevölkerungsgruppen?

In Kombination mit bestehenden Problemen der politischen, ökologischen und wirtschaftlichen Entwicklung in der Turkana-Region, hat der Klimawandel der einheimischen Bevölkerung den Zugang zu Grundbedürfnissen wie Essen, Trinken, Gesundheit und Sicherheit erschwert. So sagten angehörige indigener Stämme gegenüber HRW, dass sie zunehmend Probleme haben, an Wasser zu kommen, und viele Wasserquellen vertrocknet sind, sodass jeder Tag zu einem Überlebenskampf geworden ist. Eltern schilderten, wie ihre Kinder erkranken, da sie nicht in der Lage sind, die Kinder mit ausreichend Nahrungsmitteln und sauberem Wasser zum Trinken und für Hygienezwecke zu versorgen. 

Sie erwähnen in Ihrem Bericht, dass Frauen, Kinder, ältere Menschen und Minderheiten überproportional stark vom Klimawandel betroffen sind. Gibt es hierfür eine Erklärung? 

Benachteiligte Bevölkerungsgruppen leiden bereits jetzt unverhältnismässig stark unter dem Klimawandel, insbesondere in Ländern mit begrenzten Ressourcen und fragilen Ökosystemen. Frauen stellen beispielsweise unter den Armen der Welt die grösste Gruppe dar und sind daher stärker auf vom Klimawandel bedrohte natürliche Ressourcen als Lebensgrundlage angewiesen. Und global gesehen, sind es am häufigsten Frauen und Mädchen, die dafür verantwortlich sind, Wasser für ihre Familien zu holen. Indigene Völker in der Turkana-Region haben bereits seit Langem aufgrund ökologischer oder anderer Probleme Schwierigkeiten, an sauberes Wasser zu gelangen. Da viele Brunnen infolge steigender Temperaturen ausgetrocknet sind, müssen Frauen und Mädchen auf der Suche nach Wasser nun noch längere Distanzen zurücklegen. 

Basierend auf Ihren Erfahrungen in der kenianischen Turkana-Region: Was raten Sie Regierungen zum Schutz der Menschen gegen die Folgen des Klimawandels zu unternehmen? Was sind die grössten Herausforderungen, mit denen Regierungen bei dieser Aufgabe konfrontiert sind? 

Turkana County und der kenianische Staat tun sich seit Jahren schwer damit, den Auswirkungen des Klimawandels und anderer ökologischer Entwicklungen auf die Menschenrechte zu begegnen. Dies betrifft natürlich vor allem die am stärksten in Mitleidenschaft gezogenen Randgruppen. Die Bekämpfung des Klimawandels und die Unterstützung der betroffenen Bevölkerungsgruppen bei ihren Bemühungen, sich den veränderten klimatischen Bedingungen anzupassen, sollten auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene dringende Priorität haben. Insbesondere sind die Regierungen angehalten, eine Klimapolitik zu betreiben, welche die Rechte aller Bevölkerungsgruppen, auch die der am stärksten marginalisierten Gruppen, schützt. Mehr noch: Die Situation der Volksgruppen in der Turkana-Region sollte Regierungen weltweit daran erinnern, dass die Menschenrechte zentraler Bestandteil ihrer Antwort auf den Klimawandel sein sollten.

Ein Hauptziel von HRW ist es, auf die toxische Belastung durch die Industrialisierung aufmerksam zu machen. Denn diese führen dazu, dass benachteiligte Bevölkerungsgruppen unter giftigen Luftschadstoffen und Wasserverschmutzung zu leiden haben und mit tödlichen Krankheiten wie Bleivergiftungen bei Kindern konfrontiert sind. Wie lenken Sie den lokalen und globalen Fokus auf dieses Thema? 

Laut Schätzungen waren 2012 Umweltverschmutzungen für den vorzeitigen Tod von mehr als zwölf Millionen Menschen verantwortlich – fast alle Opfer stammten dabei aus Entwicklungsländern. HRW untersucht Zusammenhänge zwischen Umweltzerstörung und einigen der drängendsten gesundheitlichen Probleme – wie Kupfer-, Blei und Arsenvergiftungen – und zeigt auf, welche schwerwiegenden Folgen unzureichende staatliche Regulierung auf die Gesundheit haben kann. Bei unseren Untersuchungen dieser toxischen Bedrohungen fällt auf, dass in praktisch allen Fällen arme und ausgegrenzte Bevölkerungsgruppen unverhältnismässig stark unter fehlenden Umweltgesetzen und -richtlinien zu leiden haben. Ihnen ist es oftmals nicht möglich, an Informationen zu ökologischen Bedrohungen zu gelangen, und sie können sich nur in sehr begrenzter Form in Entscheidungsprozesse und öffentliche Diskussionen zu Umweltthemen einbringen. 

In den letzten Jahren hat HRW – insbesondere vor dem Hintergrund wachsenden umweltbezogenen Missbrauchs in Afrika und anderen Regionen – die Wichtigkeit des Schutzes der Menschenrechte betont. Warum war es für HRW so wichtig, die Menschenrechte im globalen Klimaabkommen zu verankern? 

Das ultimative Ziel des Pariser Abkommens wird nicht die Rettung der Gletscher sein, sondern der Schutz der Menschen aus den schwächsten Bevölkerungskreisen. Denjenigen also, die von den Folgen des Klimawandels am stärksten betroffen sein werden. Es ist höchste Zeit, eine globale Antwort auf den Klimawandel zu finden, da die zunehmende Erwärmung ökologische Folgen mit sich bringen wird. Dies bedeutet nicht nur eine Bedrohung für die Gesundheit vieler Menschen, sondern damit einher geht auch die Vernichtung von Häusern und Existenzen der am stärksten marginalisierten Gruppen. Im Vorfeld des globalen Klimagipfels im Dezember 2015 setzten wir uns gemeinsam mit einer breiten Koalition von Aktivisten dafür ein, dass das Abkommen – als erstes Klimaabkommen überhaupt – einen Absatz zu Menschenrechten enthält, in dem anerkannt wird, dass es bei der Antwort auf den Klimawandel entscheidend ist, die Menschenrechte zu achten, zu schützen und zu berücksichtigen.

HRW konnte bei der Arbeit im Bereich Menschenrechte und Klimaschutz 2015 grosse Erfolge feiern, und mit der Aufnahme von Menschenrechten in ein globales Klimaabkommen wurde ein entscheidender Meilenstein erreicht. Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen, wenn es um den künftigen Schutz der Rechte von armen und benachteiligten Gemeinschaften geht?

Bei der Umsetzung des Abkommens durch die Regierungen und der Verteilung von Hilfsgeldern, die Ländern dabei helfen sollen, sich an den Klimawandel anzupassen und dessen Folgen zu mindern, muss sichergestellt werden, dass ausgegrenzte Bevölkerungsgruppen in die Planung eingebunden und deren Rechte geachtet werden. Des Weiteren müssen Mechanismen eingeführt werden, die Transparenz und Rechenschaftspflicht bei der Verwendung der Gelder garantieren. Natürlich ist durch den Aufruf an Regierungen, Rechte zu achten, nicht gesagt, dass sie sich auch tatsächlich daran halten werden. Umweltaktivisten, Menschenrechtsorganisationen, Frauenrechtlerinnen, indigene Völker und Umweltweltschützer werden daran arbeiten, dass Regierungen diesen Verpflichtungen nachkommen.