Magisches Wimbledon. Bereit für alles.
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Magisches Wimbledon. Bereit für alles.

Bald ist wieder Wimbledon angesagt. Roger Federer erläutert, welchen Stellenwert das Turnier für ihn hat und wie er 15 Jahre nach seinem ersten Wimbledon-Turniersieg seine Begeisterung für Tennis wahrt.

Schon bald beginnt Wimbledon. Freuen Sie sich darauf?

Selbstverständlich, ich freue mich riesig darüber, dass es bald wieder Zeit für Wimbledon ist. Ich bin unglaublich aufgeregt und kann es kaum erwarten, am Eröffnungsmontag auf den Centre Court hinauszutreten. Es war immer mein Lieblingsturnier. All meine Idole haben dort gewonnen, als ich ein Teenager war – Sampras, Becker, Edberg. Jedes Mal schaute ich Wimbledon. Damals wurde die Saat für den Traum gelegt, hoffentlich auch eines Tages Wimbledon zu gewinnen, doch damals war es mehr Spass als ernst gemeint.

Jeder Tennisfan kann sich an zahlreiche hochspannende Matches in Wimbledon erinnern. Welches kommt Ihnen als Erstes in den Sinn?

Als Erstes fällt mir das Finale zwischen Pat Rafter und Goran Ivanišević ein, das über zwei Tage ging. Dieses Match fand ich spektakulär. Natürlich wäre da noch das geradezu epische Kultmatch zwischen Björn Borg und John McEnroe zu nennen, und Stefan Edberg gegen Boris Becker. Auch den unglaublichen Lauf von Pete Sampras darf man nicht vergessen. An diese Matches erinnere ich mich sehr lebhaft. Sie waren für mich etwas Besonderes.

Haben Sie den Film «Borg vs McEnroe» über deren Aufeinandertreffen in Wimbledon gesehen?

Ja, dieser gute Film hat mir Freude bereitet. Er gibt der heutigen Generation einen Einblick, wer Borg und McEnroe, zwei Legenden unseres Sports, waren. Sie haben sehr viel für das Tennis getan. Beide sind tolle Menschen. Insbesondere Borg hat dem Sport sehr viel Popularität gebracht, denn er war einer der ersten globalen Botschafter für zahlreiche Marken und konnte neben seinen Preisgeldern auch in der Geschäftswelt Geld verdienen.

Für mich war es sehr beeindruckend, einen Einblick in Borgs Tagesabläufe zu bekommen, an die er sich äusserst streng hielt. Haben Sie auch solche Abläufe?

Die habe ich, aber bei mir sind sie nicht so extrem wie bei vielen anderen Spielern. Ich bin da recht entspannt, lege aber grossen Wert auf Pünktlichkeit – wohl eine typische Schweizer Eigenschaft. Auch achte ich darauf, genug Hemden in der Tasche zu haben, die richtige Spannung auf den Schläger zu bringen, mich richtig aufzuwärmen, genug zu trinken zu haben, falls ich fünf Sätze spielen muss. Für mich sind das einfach selbstverständliche Dinge. In der Regel esse ich vor dem Spiel Pasta, damit ich keine Magenverstimmung bekomme. Das hat über die ganzen Jahre sehr gut funktioniert. Aber ansonsten habe ich nichts Spezifisches, was ich tue.

2003 haben Sie das erste Mal gewonnen. Erinnern Sie sich an einen bestimmten Punkt, an dem Sie sich dachten: «Ja, ich kann das Turnier gewinnen»?

Für mich war das Erreichen des Halbfinales 2003 der Durchbruch, da ich davor nie ein Halbfinale in Wimbledon gespielt hatte. Ich trat gegen Andy Roddick an. Er hatte das Vorbereitungsturnier in Queens und ich jenes in Halle gewonnen. Beide kämpften wir um einen Platz in unserem ersten Wimbledon-Finale. Nach diesem unglaublichen Halbfinal-Match war ich mir ziemlich sicher, dass ich eine Chance auf den Sieg haben würde. Ich hatte mich vom «Underdog» im Halbfinale zum Favoriten im Finale gegen Mark Philippoussis gemausert. Aber erst als es zwei Sätze zu null stand und ich im Tiebreak des dritten Satzes 6:2 führte, dachte ich: «Ich werde in ein, zwei Minuten Wimbledon-Sieger sein.» Das war total irre. Mir standen die Tränen in den Augen, ich konnte es kaum glauben. Und dann hatte ich Aufschlag und schlug einen Volley; es folgte ein zweiter Aufschlag, ich kam ans Netz, er verpatzte den Rückschlag und ich fiel auf die Knie. Es war einer dieser Momente im Leben, die wie in Zeitlupe ablaufen. Für mich ist in diesem Moment ein Traum wahr geworden.

Ich wollte einfach alle umarmen, mein Team, meine Fans. Aber man ist ganz allein, muss sich zusammenreissen und dem Spiel Respekt erweisen.

Ein tolles Gefühl …

Ja, ein Kindheitstraum ging in Erfüllung. Nun war ich hier auf dem Gras, auf meinen Knien. Alle um mich herum jubelten – das hat man im Hinterhof oder in der Fantasie nicht. Es war unglaublich. Das Einzige, was in diesem Moment vielleicht fehlte, war die Umarmung meiner Familie. Ich wollte einfach alle umarmen, mein Team, meine Fans. Aber man ist ganz allein, muss sich zusammenreissen, dem Gegner die Hand schütteln, dem Schiedsrichter die Hand schütteln und dem Spiel Respekt erweisen. Immerhin hatte mit meinem Sieg auch gerade jemand verloren. Aber es war ein grossartiger Augenblick und rückblickend einer meiner emotionalsten Augenblicke überhaupt.

Und im letzten Jahr wurden Sie Wimbledon-Rekordsieger im Herreneinzel. Ein weiterer besonderer Moment?

Ich weiss gar nicht, wie ich das erklären soll. Es war wirklich etwas ganz Besonderes, im vergangenen Jahr zum achten Mal Wimbledon zu gewinnen und den neuen Rekord für männliche Tennisspieler aufzustellen. Das hatte zuvor niemand geschafft. Mein Idol, Pete Sampras, hatte sieben Mal gewonnen und vor ein paar Jahren habe ich mit ihm gleichgezogen. Zurückzukehren und in Wimbledon 14 Jahre nach meinem ersten Sieg 2003 keinen Satz abzugeben, war für mich kaum zu fassen. Ich habe durchgehend ein gutes Turnier gespielt, hatte ein fantastisches Finale gegen Čilić und habe auf meinem Lieblingscourt Geschichte geschrieben. Es gibt nichts Besseres.

Sollte ich erst Motivation brauchen, um in Wimbledon zu spielen, habe ich ein Problem! Dann weiss ich, dass es vermutlich zu Ende ist.

Und wie motivieren Sie sich in diesem Jahr, nachdem Sie den Rekord bereits aufgestellt haben?

Ich brauche keine Motivation. Ich bin einfach bereit. Ich kann es kaum erwarten. Sollte ich erst Motivation brauchen, um in Wimbledon zu spielen, habe ich ein Problem! Dann weiss ich, dass es vermutlich zu Ende ist. Heute empfinde ich grosse Vorfreude. Ich arbeite jetzt seit drei Monaten an meiner Vorbereitung und während der Saisonpause hatte ich ständig das grosse Ziel, Wimbledon zu gewinnen, im Hinterkopf. Es ist wichtig, dass ich mental frisch bin, erholt, körperlich in guter Verfassung, und ein gutes Gefühl habe. Und natürlich würde ein Schuss Selbstvertrauen helfen.

Man erzählt sich, dass die Replik der Wimbledon-Trophäe, die man mit nach Hause nehmen darf, recht klein ist, und dass Sie Ihre eigene Replik etwas grösser machen lassen. Tun Sie das immer noch?

In früheren Jahren bekam der Wimbledonsieger eine kleine Replik der Trophäe. Inzwischen aber misst diese rund 75 Prozent des Originals. Ich habe dies initiiert und einigte mich mit den Organisatoren vor ein paar Jahren darauf, dass künftig alle Sieger eine Trophäe in Dreiviertel-Grösse erhalten. Die Nachbildungen der bereits gewonnenen Trophäen musste ich – mit einer Ausnahme – selber bezahlen. Das war es mir aber wert, weil ich möglichst die Originalgrösse als Replik daheim haben wollte, mit den eingravierten Namen der früheren Sieger darauf. So habe ich nun mehr als acht Trophäen daheim, weil ich auch die drei oder vier kleineren noch habe. Es fühlt sich also für mich fast so an, als hätte ich Wimbledon etwa zwölf Mal gewonnen! Und zwei Mal die Juniors!

Und die haben Sie alle im Wohnzimmer aufgestellt?

Die Grossen stehen hinten, die Kleinen stehen vorne, und die Junior-Trophäen flankieren sie. Das ist schon ein beachtlicher Trophäenschrank. Ich schaue sie mir natürlich nicht jeden Tag an, aber wenn Leute zu Besuch sind, sind sie begeistert und sagen «Oh mein Gott, ist das irre!». Dann merkt man plötzlich wieder, dass es etwas ganz Besonderes ist.

Eine Frage zum Abschluss: Offensichtlich sind Sie bereit dafür, das nächste Wimbledon zu gewinnen. Freuen Sie sich auch darauf, die neue Prinzessin zu treffen?

Haha, ja! Ich kenne die Royals recht gut, und ich habe mir einen Teil der Hochzeit angeschaut. Was für ein Spektakel, was für eine Hochzeit! In gewisser Weise möchte man auch so eine haben, aber andererseits ist man froh, dass die eigene nicht so enorm ist. Die Hochzeit bildete den Auftakt für einen fantastischen Sommer in London und im ganzen Land. Mit Wimbledon geht er nun weiter. Ich freue mich sehr darauf. Und, ja, es wäre natürlich ganz toll, Harry und Meghan zu sehen.