Lynda Gratton: «Die Neuerfindung des Lebens»
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Lynda Gratton: «Die Neuerfindung des Lebens»

Wir leben etwa 30 Jahre länger als unsere Grosseltern – was sollen wir nur damit anfangen? Und wie können wir die zusätzliche Zeit finanzieren? Lynda Gratton, eine der bekanntesten Management-Professorinnen der Welt, hat ein paar Vorschläge.

Simon Brunner: Miss Gratton, in den industrialisierten Ländern werden 50 Prozent der Kinder, die dieses Jahr auf die Welt kommen, 100 Jahre alt werden. Wie verändert das unser Leben?

Lynda Gratton: Das Offensichtlichste ist: Man hat viel mehr Zeit. Ein 70-jähriges Leben umfasst 611'000 Stunden, ein 100-jähriges 873'000 Stunden – was soll man mit den über 40 Prozent mehr Leben machen? Es stellen sich Fragen der Lebensplanung, aber auch des Lebenssinns, der Lebens- und Arbeitskompetenzen. Es geht um weit mehr als Finanzen, es geht um nichts weniger als eine Neuerfindung des Lebens. Mein Buch zu diesem Thema war sehr erfolgreich in Japan, dem ältesten Land der Welt, und das hatte seinen Grund: Das lange Leben macht es unumgänglich, die Dinge anders zu sehen und anders zu machen.

Hat unsere angestammte Lebenseinteilung – Ausbildung, Beruf, Pension – ausgedient?

Ja, dieses «three-stage life» wird immer stärker von einem «multi-stage life» abgelöst werden, einem Leben mit verschiedenen Phasen. Und klar ist: Falls Sie nicht zufällig enorm viel angespart haben oder kaum Geld zum Leben brauchen, werden Sie künftig sehr lange arbeiten müssen, bis weit über 80.

Zurzeit wird in der Schweiz das generelle Rentenalter 65 diskutiert – 80 ist eine völlig neue Dimension.

Es wird sicher niemand von 20 bis 80 voll durcharbeiten. Das wäre ja furchtbar! Vielleicht gehen Sie mitten im Berufsleben nochmals an eine Ausbildungsstätte oder nehmen sich eine gewisse Zeit frei und kehren dann wieder ins Arbeitsleben zurück. Ich denke, man sollte die «Pensionierung» ins Leben integrieren – warum machen nur Jugendliche ein «gap year», ein Zwischenjahr? Das sollte man auch sonst einmal einschieben können.

Die Gesellschaft muss sämtliche Vorurteile fallen lassen, was die Leistungsfähigkeit bestimmter Altersschichten angeht.

Welche Rolle spielen Unternehmen bei diesem Prozess?

Die Wirtschaft muss realisieren, dass die Menschen länger arbeiten müssen – und häufig auch wollen. Ich bin 62 – meine Altersgruppe ist so fit wie 50-Jährige vor zehn Jahren. Aber trotzdem sind längst nicht mehr alle in meinem Alter berufstätig. Die Gesellschaft muss sämtliche Vorurteile fallen lassen, was die Leistungsfähigkeit bestimmter Altersschichten angeht. Wir leben in einer Zeit der kollektiven Verjüngung. Firmen müssen diesen veränderten Umständen gerecht werden. Das bedeutet, dass viele Menschen in Firmen ein- und wieder austreten, um eine Weiterbildung zu machen. Oder dass sie sporadisch ihr Jobprofil neuen Bedürfnissen anpassen möchten. Dasselbe gilt auch für ihr Arbeitspensum, das man künftig leichter variieren können muss – damit sie beispielsweise mehr Zeit mit den Kindern verbringen können. Unternehmen müssen diesen gesellschaftlichen Entwicklungen in ihrer HR-Strategie gerecht werden, um langfristig die besten Mitarbeitenden rekrutieren zu können.

In vielen Ländern ist es aber nicht so, dass der Arbeitsmarkt auf diese Schicht älterer Arbeitskräfte gewartet hätte. In Ihrer Heimat Grossbritannien beispielsweise sind eine Million Menschen zwischen 50 und 64 Jahren unfreiwillig arbeitslos. Wie findet man aus dieser Situation heraus?

Indem wir «Alters-agnostisch» werden, also indem wir unsere Fixierung auf Zahlen schlicht aufgeben, zusammen mit allen Stereotypen über das Alter. Darum mag ich das ganze Gerede über die Generationen nicht: Babyboomer sind so, Generation X so, Millennials wiederum ganz anders – wer masst sich solche Verallgemeinerungen an? Eine sogenannte Generation ist alles andere als homogen. Ein 55-jähriger Fussballfan steht einem 20-jährigen Fussballfan wohl näher als einem 60-jährigen Operngänger. Wir müssen das Alter ausblenden und Regierungen müssen das politisch unterstützen. Das würde helfen.

Wenn Sie alt werden, müssen Sie sparen. Viel sparen.

Sie wollen die Gesellschaft alterstoleranter machen, doch der Zeitgeist geht in eine andere Richtung. Man hat das Gefühl, der Jugendwahn sei noch nie so ausgeprägt gewesen wie heute.

Um das zu ändern, brauchen wir Vorbilder. Für Frauen ist es noch immer ungewöhnlich, ihr Alter preiszugeben. Wenn ich auftrete, betone ich immer mein Alter, um zu zeigen, was 62 heute bedeutet. Ich bin nicht im Rollstuhl, sondern sehr aktiv – zu diesem Interview kam ich direkt vom Flugzeug. Immer mehr Menschen werden wie ich in der Öffentlichkeit auftreten und damit, so hoffe ich, zum Abbau von Vorurteilen beitragen.

Sie schreiben in Ihrem Buch, das 100-jährige Leben verlange eine sehr hohe Sparquote – ansonsten drohe verbreitete Altersarmut. Nur: Die Sparquote in Grossbritannien beträgt momentan weniger als 2 Prozent, die private Verschuldung ist dramatisch… 

…Und in den USA ist die Situation ähnlich. Sie haben recht: Das Problem ist, dass viele Menschen mehr ausgeben, als sie verdienen. Das führt zu einem Desaster. Es ist eigentlich ganz einfach: Wenn Sie alt werden, müssen Sie sparen. Viel sparen. Sie müssen sich das Sparen angewöhnen. Und Sie müssen den Konsum einschränken. Wenn Sie ein Multi-Stage-Leben führen, müssen Sie in den Phasen, in denen Sie Geld verdienen, immer etwas auf die Seite legen. Sonst funktioniert es nicht. Auch hier braucht es einen tief greifenden kulturellen Wandel.

Was geschieht in der 100-Jahre-Gesellschaft eigentlich mit dem Mythos der Jugend, jener Kraft, die seit je das Neue in die Welt bringt, Innovationen vorantreibt, alte Zöpfe abschneidet? 

Multigenerationale Gemeinschaften sind eine grosse Chance. Google hat eine Studie durchgeführt, bei der die Teams im Unternehmen untersucht wurden, und dabei herausgefunden, dass Teams mit lauter Gleichaltrigen weniger leistungsfähig sind als altersdurchmischte Teams. Man kann nicht sagen, dass die Jugend innovativer ist als die Älteren, entscheidend ist die Kombination von Leuten aus beiden Gruppen.

Wie sieht Ihr Leben in 10, 20 oder 30 Jahren aus?

Die erste Frage lautet: Kann ich noch produktiv sein? Gibt es Dinge, über die ich noch nachdenken kann? Lerne ich noch dazu? Die zweite Frage gilt der Vitalität. Investiere ich genügend Zeit in meine Gesundheit? Beim Schreiben des Buches wurde mir erstmals wirklich klar, wie wichtig die Gesundheit ist; darauf habe ich früher zu wenig geachtet. Drittens geht es um die Transformation: Kann ich mich verändern und anpassen? Das muss ich alles bejahen können.

Man kann nicht sagen, dass die Jugend innovativer ist als die Älteren, entscheidend ist die Kombination von Leuten aus beiden Gruppen.

Dann führe ich ein glückliches Leben?

Das reicht noch nicht ganz: Das Fundament sind Freundschaften und Beziehungen. Ein langes, glückliches, dynamisches Leben basiert auf einer Kombination von Familie, Freunden und Arbeit. Wenn diese Faktoren stimmen, dann lebe ich sehr, sehr gerne bis 100.

Was raten Sie Ihren Kindern und Enkeln?

Der Rat, den ich meinen sieben Enkeln zwischen zwei und zehn Jahren geben würde, lautet: Arbeitet hart und habt viele Freunde! Seid produktiv, schaut zu eurer Gesundheit und begreift den Wandel als Chance. Einer meiner Söhne, Chris, ist dem Gesundheitstrend völlig verfallen. Er rennt Marathons, ernährt sich sehr gesund. Dom will Chirurg werden – er ist eher auf Produktivität fokussiert. Es ist gut, dass sich jeder auf etwas spezialisiert, aber längerfristig werden sie alle drei Lebensbereiche berücksichtigen müssen. Chris muss mehr arbeiten, Dom muss seiner Gesundheit besser Sorge tragen. Jedes der drei Gebiete hat etwas mit Beziehungen und Freundschaften zu tun – das ist das Fundament. Freunde sind wichtiger als Arbeit.