Auf der Suche nach der passenden Bildung
Neuste Artikel

Auf der Suche nach der passenden Bildung

Neue Stellen werden im Kanton Aargau vor allem in Branchen mit hohen Qualifikationsanforderungen geschaffen. Der Bildungsstand hinkt der Entwicklung hinterher. Zuwanderung kompensiert dies teilweise.

Der starke Franken und die schwache Konjunktur beschleunigen den Strukturwandel in der Aargauer Branchenlandschaft. Wie die neue NAB-Regionalstudie zu Bildung und Arbeitsmarkt im Aargau zeigt, wächst die Beschäftigung am stärksten in Dienstleistungsbranchen, in der Spitzenindustrie und bei Staat und Gesundheitswesen. Dies sind gleichzeitig die Branchen mit den höchsten Qualifikationsanforderungen: Fast die Hälfte der dort Beschäftigten verfügt entweder über einen Hochschulabschluss oder eine höhere Fach- oder Berufsbildung. Die Nachfrage nach Hochqualifizierten dürfte im Aargau damit steigen.

Hochqualifizierten-Dichte

Hochqualifizierten-Dichte

Quelle: Bundesamt für Statistik (2013), Credit Suisse

Im Aargau dominiert die Berufslehre

Der Kanton Aargau ist ein ausgesprochener Industriekanton. Rund jeder vierte Beschäftigte ist in der Industrie tätig, schweizweit ist es hingegen nur gut jeder sechste. Besonders hoch ist mit 14 Prozent der Beschäftigungsanteil der Spitzenindustrie (CH: 8 Prozent), wobei grosse regionale Unterschiede bestehen. Die starke Ausrichtung auf die Industrie zeigt sich im Bildungsstand: Im Aargau dominieren die Fachkräfte. Mit 43 Prozent liegt der Bevölkerungsanteil mit beruflicher Grundbildung (duale Berufslehre u.a.) als höchstem Abschluss um ganze 6 Prozentpunkte über dem Landesmittel. Hochqualifizierte sind im Aargau hingegen untervertreten. Der Anteil der Bevölkerung mit Hochschulabschluss oder höherer Fach- und Berufsbildung (Tertiärstufe) liegt mit 30 Prozent unter dem Landesmittel von 33 Prozent. Die sechs Aargauer Wirtschaftsregionen unterscheiden sich stark im Bildungsstand: Während Baden und Mutschellen überdurchschnittlich viele Hochqualifizierte aufweisen, sind diese in Aarau, in Brugg/Zurzach, im Freiamt und im Fricktal deutlich unterrepräsentiert. Der Bildungsstand stellt nur eine Momentaufnahme dar: Je jünger der betrachtete Bevölkerungsteil ist, desto höher liegt das Bildungsniveau. Der Bildungsstand steigt also im Kanton Aargau wie in der ganzen Schweiz – noch besteht aber eine deutliche Lücke zum Landesmittel.

Zuwanderer heben den Bildungsstand

Zuwanderer heben den Bildungsstand

Erwerbspersonen nach Bildung (in Prozent) im Kanton AG (25-65 Jahre), 2013.
Quelle: Bundesamt für Statistik, Credit Suisse

Die Arbeitsmarktnachfrage nach höherer Bildung zeigt sich auch in den Profilen der internationalen Zuwanderer. Zwischen 2007 (Einführung der vollen Personenfreizügigkeit mit der Europäischen Union) und 2013 sind rund 30'000 Erwerbstätige in den Kanton Aargau eingewandert. Fast die Hälfte dieser Zuwanderer ist hochqualifiziert, über ein Drittel verfügt sogar über einen Hochschulabschluss. Zudem finden die Zuwanderer just in den chancenreichen Wachstumsbranchen mit hohen Anforderungen Stellen – in der Spitzenindustrie, bei den Unternehmensdienstleistungen und bei Staat oder staatsnahen Betrieben. Der Vergleich mit der Erwerbsbevölkerung im Kanton Aargau offenbart insgesamt ein deutlich tieferes Qualifikationsniveau der ansässigen Erwerbspersonen. Im Gegensatz dazu ist der Anteil der Ansässigen mit Berufslehre als höchste abgeschlossene Ausbildung fast doppelt so gross – eine Auswirkung des dualen Bildungssystems. Die Zuwanderer heben insgesamt den Bildungsstand der Bevölkerung.

Täglicher «Brain Drain» im Aargau als Arbeits- und Wohnkanton

Der Aargau ist aufgrund seiner zentralen Lage ein Pendlerkanton. Die hohe Pendlermobilität reduziert das tatsächliche Angebot an Qualifikationen im Aargau. Der Kanton ist ein «Nettoexporteur» von hochgebildeten Arbeitskräften: 40'000 der rund 100'000 Wegpendler sind hochqualifiziert. Dies liegt auch an der hohen Attraktivität als Wohnkanton. Der Aargau ist bevorzugter Wohnsitz von Hochqualifizierten, die aus dem Kanton wegpendeln. Umgekehrt verhält es sich bei der Aargauer Spitzenindustrie, zu der die Maschinen- und Elektronikbranche sowie die chemisch-pharmazeutischen Unternehmen zählen. Diese ist ein Magnet für hochqualifizierte Arbeitskräfte aus anderen Kantonen und verzeichnet als einzige Branche einen Nettozufluss von Pendlern.

Der Bildungsstandort Aargau bewegt sich

Der Aargau ist weiterhin auf die Berufsbildung ausgerichtet: Mit 70 Prozent der Schüler auf Sekundarstufe II absolviert aktuell ein weit grösserer Teil eine berufliche Grundbildung als im Landesmittel (60 Prozent). Die überdurchschnittliche Lehrstellenquote von rund 6.3 Prozent unterstreicht die Bedeutung der Berufslehre. Die Quote der Hochschulabsolventen liegt hingegen deutlich unter dem Landesmittel. Kann der Aargau die Nachfrage nach hoch- und fachqualifizierten Arbeitskräften in Zukunft befriedigen? Die Gymnasialquote liegt zwar unter dem Schweizer Mittel, doch gewinnt ein anderer Zugang zur Ausbildung auf Tertiärstufe an Popularität. Die Berufsmaturität als Zugang zu Fachhochschulen – meist in technisch-naturwissenschaftlichen Fächern – hat im Aargau an Bedeutung gewonnen und liegt mittlerweile über dem schweizweiten Wert. Zudem konnte sich der Aargau in den letzten Jahren als Hochschulstandort positionieren. Als Mitträger und Sitzkanton der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) und durch die Zusammenarbeit mit der Universität Basel und dem Paul-Scherrer-Institut hat er wichtige Weichen gestellt, um Arbeitskräfte für die Wachstumsbranchen auszubilden.

Drei charakteristische Qualifikationsgruppen auf dem Aargauer Arbeitsmarkt

Drei charakteristische Qualifikationsgruppen auf dem Aargauer Arbeitsmarkt

Beschäftigte (25-65 Jahre) mit Arbeitsort im Kanton Aargau nach Bildungsniveau und Branche, 2013.
Quelle: Bundesamt für Statistik, Credit Suisse

Der wissensgetriebene Strukturwandel macht sich in den Bildungsprofilen der Beschäftigten in den Aargauer Unternehmen deutlich bemerkbar: In Hightech- und Dienstleistungsbranchen (Gruppe 1) ist die Nachfrage nach Hochqualifizierten sehr hoch. Im Handel, in der traditionellen Industrie und im Baugewerbe dominiert die Berufsbildung. In Unterhaltung und Gastgewerbe sowie in der Logistik (Gruppe 3) ist die Berufsbildung ebenfalls wichtig. Fast ein Viertel der Beschäftigten verfügt jedoch ausschliesslich über eine obligatorische Schulbildung.