Ausblick 2030: Wirtschaftsprognose für Industrieländer
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Ausblick 2030: Wirtschaftsprognose für Industrieländer

Die Weltwirtschaft wurde stark von der Finanzkrise getroffen und die Fundamentaldaten vieler Länder haben sich dramatisch verändert. Daher scheint das Ausmass nachhaltigen Wachstums von gesteigertem Interesse zu sein. Auf der Grundlage von unterschiedlichen Annahmen in Bezug auf die Wachstumsgrössen haben wir Einschätzungen zum Produktionspotenzial von sieben Industrieländern bis zum Jahr 2030 abgegeben.

Das Produktionspotenzial ist hierbei ein geeigneter Indikator, da es das langfristige BIP-Wachstum bei vollständiger Nutzung der Produktionsfaktoren, d. h. Arbeitskräfte, Kapitalausstattung und Infrastruktur sowie Produktivität, die vom technologischen Fortschritt bestimmt wird, beschreibt.

Konjunkturelle Schwankungen

In unserem Hauptszenario gehen wir davon aus, dass das rückläufige Wachstum des Produktionskapitals in der Folge der Finanzkrise eher zyklischer als struktureller Natur ist. Daher rechnen wir aufgrund der allgemeinen Erholung der Weltwirtschaft und der zu erwartenden Steigerung der Investitionstätigkeit infolge von stärkerer Nachfrage mit einem Anstieg des Produktionskapitals über den Vorkrisenstand/Nachkrisenstand hinaus. Gleichzeitig fallen die Prognosen hinsichtlich der Produktivität aufgrund der weiterhin langsamen Annahme und Verbreitungsgeschwindigkeit von bestehenden und neuen Technologien eher gedämpft aus. Die Produktivität hängt zum Grossteil davon ab, in welchem Umfang das institutionelle, regulatorische und rechtliche Umfeld, in dem Unternehmen agieren, den Wettbewerb fördert, auf unnötige administrative Hindernisse verzichtet sowie eine moderne Infrastruktur und Zugang zu Kapital bereitstellt. Bedingt durch die Finanzkrise hat sich die Marktdynamik erheblich abgeschwächt, und es ist deutlich schwieriger geworden, sich neues Kapital zu beschaffen. Nach wie vor gibt es nur wenige Neugründungen von Unternehmen. Deshalb rechnen wir mit einer Fortsetzung des beobachteten Produktivitätswachstums. Letztlich ist ein Anstieg der Anzahl an Arbeitskräften durch die Überalterung der Bevölkerung begrenzt, wobei es zwischen den einzelnen Ländern erhebliche Unterschiede gibt. Im Hauptszenario gehen wir davon aus, dass sich die Bevölkerung im Erwerbsalter besser in den Arbeitsmarkt integrieren wird und die Erwerbsbeteiligung demzufolge leicht höher als vom momentanen Abwärtstrend angedeutet ausfällt.

Demografie vs. Wirtschaft

In unserem Hauptszenario weisen Australien und die USA mit 2,5 bzw. 2,3 Prozent im Jahr 2030 die höchsten Wachstumsraten beim Produktionspotenzial auf. Dies liegt im Wesentlichen an ihren vergleichsweise günstigen demografischen Bedingungen, die sich positiv auf den Arbeitsmarkt auswirken. Kanada könnte 2030 ein Potenzialwachstum von 1,7 Prozent erreichen und läge damit in etwa auf dem Niveau der Schweiz und Grossbritanniens. Die Prognosen für Deutschland und Japan fallen deutlich gedämpfter aus. Während das Potenzialwachstum in Deutschland 2030 voraussichtlich bei 1,2 Prozent liegen wird, rechnet man für Japan sogar mit einer noch niedrigeren Quote von 0,9 Prozent. Beide Länder sind negativen demografischen Effekten ausgesetzt. Die demografische Entwicklung dürfte eine entscheidende Rolle für das zukünftige Wirtschaftswachstum aller Länder spielen. Auf der einen Seite ergibt sich ein direkter Effekt auf das Wirtschaftswachstum aus dem geringeren Arbeitskräfteangebot. Auf der anderen Seite bestimmt die Bevölkerungs- und Beschäftigungsentwicklung das Konsum- und Sparverhalten der Bevölkerung und kann letztlich auch Auswirkungen auf das Investitionsverhalten haben.

Erwartete Wachstumsraten des Produktionspotenzials im Jahr 2030

Erwartete Wachstumsraten des Produktionspotenzials im Jahr 2030

Quelle: Credit Suisse

Negative und positive Szenarien

Im pessimistischeren negativen Szenario gehen wir davon aus, dass das Wachstum beim Produktionskapital den Stand von vor der Krise nicht erreichen wird. Auch wird sich die Erwerbsbeteiligungsquote aufgrund einer weiterhin unzureichenden Integration von älteren Arbeitnehmern und Frauen in den Arbeitsmarkt nicht verbessern können. Dies bedeutet, dass die Auswirkungen der demografischen Alterung auf den Arbeitsmarkt stärker spürbar sein werden. Auch in puncto Produktivität werden die Wachstumsraten, die vor der Krise verzeichnet wurden, nicht erreicht werden. Die schwachen Produktivitätsfaktoren deuten auf ein geringeres Potenzialwachstum für alle Länder hin. Aufgrund der deutlich geringeren Anzahl an Arbeitskräften wird sich das Produktionspotenzial von Japan sogar ins Negative entwickeln.

Auf der anderen Seite geht das positive Szenario nicht nur von einem Wachstumsanstieg des Produktionskapitals auf den Stand von vor der Krise aus, sondern rechnet zudem mit einer höheren Erwerbsbeteiligungsquote aufgrund einer stärkeren Integration von älteren Arbeitnehmern und Frauen in den Arbeitsmarkt. Um diese höhere Quote zu erreichen, scheinen weitere Massnahmen zur Reform des Vorsorgesystems für die meisten Länder unausweichlich. Als dritte Annahme in diesem Szenario erwarten wir ein, von technologischen Fortschritten getragenes, höheres Produktivitätswachstum im Vergleich zu historischen Wachstumsraten. In diesem Szenario erreichen alle Länder Potenzialwachstumsraten von über einem Prozent bis zum Jahr 2030. Die Länder mit der stärksten Potenzialwachstumsprognose sind abermals Australien und die USA mit Raten von 3,0 bzw. 2,8 Prozent. Deutschland und Japan erreichen Potenzialwachstumsraten von 1,8 bzw. 1,2 Prozent, wobei der stärkere Produktivitätsbeitrag den demografischen Effekt teilweise ausgleicht.

Hauptprobleme

Insgesamt lässt sich sagen, dass alle obigen Szenarien eine aussergewöhnliche Entwicklung in Australien und in den USA zeigen. In unserem Hauptszenario können diese Länder das Niveau ihres jetzigen Potenzialwachstums halten. Kanada, die Schweiz und Grossbritannien liegen nur knapp dahinter. Diese Länder können relativ hohe Wachstumsraten beim Produktionskapital und eine höhere Erwerbsbeteiligungsquote vorweisen. In Deutschland und Japan ist die demografische Entwicklung das Hauptproblem. Falls sie es nicht schaffen, diesen Entwicklungen entgegenzuwirken, dürfte sich ihr Produktionspotenzial in den kommenden Jahren nur relativ schwach entwickeln.