Lang lebe die Atomkraft? Der Testfall China

Nicht mit ihr und nicht ohne sie. So sieht die Welt seit der Reaktorkatastrophe 2011 in Japan die Atomkraft. In der Volksrepublik versucht man, das Dilemma zu lösen.

Sie haben die Wahl: im Dunkeln frieren, an dreckiger Luft ersticken, den Schalter umlegen und hoffen, dass das Licht angeht, die Küsten der Welt mit Schmelzwasser aus der Antarktis überfluten oder in der Nähe einer Atombombe leben, die jeden Moment explodieren kann? Für die Energiepolitik sind das unschöne Optionen. Fossile Brennstoffe sind schmutzig und an der Erderwärmung schuld. Erneuerbare Energie ist begrenzt, teuer und mitunter unzuverlässig. Atomenergie dagegen ist relativ sauber und erschwinglich – jedoch gibt es immer mal wieder irgendwo auf der Welt einen Knall.

Zuletzt vor vier Jahren, als ein Tsunami in Fukushima eine Kernschmelze auslöste und das Ende der Atomkraftwerke einzuläuten schien. Der Niederschlag aus dem defekten Reaktor des Unternehmens Tokyo Electric Power machte eine umliegende Fläche von 800 Quadratkilometern (drei Viertel der Fläche Hongkongs) unbewohnbar und verursachte Schäden in Höhe von schätzungsweise 100 Milliarden US-Dollar (Wert der Jahresproduktion der Slowakei). Aber so wie sich die Branche auch von dem Super-GAU 1986 im sowjetischen Tschernobyl erholte (dem 1979 ein kleinerer Unfall im amerikanischen Kernkraftwerk Three Mile Island vorausgegangen war), könnte der nukleare Phönix auch diesmal erneut aus der Asche steigen. Starthilfe leistet ein Land, das mehr Strom verbraucht als jedes andere, China.

Das Ringen um Energie

Nicht etwa, dass die Chinesen die Gefahr auf die leichte Schulter nähmen. Ihnen ist bekannt, dass es in sechs Jahrzehnten, in denen die Atomkraft kommerziell genutzt wird, zu 25–30 Zwischenfällen gekommen ist, die zu Todesfällen geführt oder Schäden von über 100 Millionen US-Dollar verursacht haben, und dass die Kosten von Fukushima bei Weitem die höchsten sind. Und die Explosion in Japan bewirkte sogar, dass der chinesische Staatsrat die Zielvorgaben für die Nuklearkapazitäten im Jahr 2020 um 25 Prozent senkte, erklärt der Bericht «China Nuclear Primer» 2014 der Credit Suisse. Obwohl aus dem Land bisher keine ernsten Atomunfälle gemeldet wurden, wurde der Bau neuer Anlagen gestoppt, um Sonderinspektionen vorzunehmen, die Sicherheitsvorschriften wurden geprüft und verschärft. Gleichzeitig aber sind sich die Planer mehr als bewusst, dass der Heisshunger im Land gestillt werden muss. Chinas Bedarf an Strom hat den der USA überstiegen. Seit 2011 ist das Land weltweit der Stromverbraucher Nummer eins, und nach Angaben der US-amerikanischen Energy Information Administration (EIA) wird dieser Verbrauch sich bis 2040 noch einmal verdoppeln. Zwar werden keine zweistelligen Zuwachsraten mehr erreicht werden, wie dies in der jüngsten Vergangenheit der Fall war, doch der Umfang des bevorstehenden Anstiegs entspricht in etwa der aktuellen Erzeugungskapazität von Europa oder Nordamerika. Hinzu kommt noch das Problem mit der guten alten Kohle. Während zurzeit zwei Drittel der Elektrizität in China mit Kohle erzeugt werden, wird auch gleichzeitig die Atmosphäre verschmutzt. Die Russkonzentration in Peking, Schanghai, Xi'an und anderen grossen Städten übersteigt regelmässig das Drei- bis Sechsfache der von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Höchstgrenze.

Ein Atom-Boom

Der einzige Ausweg ist daher, stärker auf sauberere Energieformen zu setzen: Atom-, Wind- und Solarenergie sowie Erdgas. Diese Energieformen werden bis 2040 zwei Drittel der neuen Kapazitäten ausmachen und das letzte Drittel wird auf die Kohle entfallen, so der Bericht der amerikanischen EIA. Ein keineswegs geringfügiger Nebeneffekt wird sein, dass China irgendwann um das Jahr 2030 herum die Nummer eins in der Erzeugung von Atomenergie sein wird, stellen die China-Analysten der Credit Suisse fest. Seit Anfang 2015 machen chinesische Projekte laut der World Nuclear Association ein Drittel der gesamten im Bau befindlichen Kapazitäten aus, wobei ein Viertel den Planungen zufolge in den nächsten zehn Jahren in Betrieb genommen werden und fast die Hälfte davon bis 2030 ans Netz gehen soll. Wie es auch schon bei den bestehenden Atomkraftwerken der Fall ist, werden sie von den chinesischen Versorgern betrieben werden. Aber anders als die bestehenden Werke, deren Technologie in der Regel aus dem Ausland stammt, werden die neuen zum Grossteil von Unternehmen aus dem eigenen Land konzipiert und geplant. Die drei grössten Akteure der chinesischen Nukleartechnik – China General Nuclear Power Group, China National Nuclear Corporation und State Nuclear Power Technology Company – werden sich gegenseitig Konkurrenz machen und vielleicht an den bestehenden Schwergewichten wie Areva, GE-Hitachi oder Toshiba-Westinghouse vorbeiziehen.

Sie haben die Technologie

Chinas Aufstieg als Anbieter von Nukleartechnologie hat schon vor langer Zeit begonnen, und zwar mit dem erfolgreichen Test einer Atombombe im Jahr 1964. In der Zwischenzeit wurden Anlagenpläne aus Frankreich, Kanada, Russland und den USA importiert, berichten die China-Analysten der Credit Suisse, und es besteht noch ein komplexes Geflecht aus Lizenzverträgen und Vereinbarungen über geistige Eigentumsrechte zwischen dem Osten und dem Westen. Die Credit Suisse erkennt aber einen klaren Trend zur Domestizierung: Chinesische Unternehmen sind dabei, die vollständigen Rechte für ihre Reaktorkonzepte zu erwerben. Und sie kümmern sich auch um Arbeitskräfte. Mittlerweile werden in China an fast 30 Universitäten Ingenieure für Nukleartechnik vom Bachelor bis zum Doktorabschluss ausgebildet und weitere fünf bieten Studiengänge über die Aufbereitung von Kernbrennstoffen an. Aber obwohl heute jedes Jahr rund 2000 neue Fachkräfte auf den Markt kommen – etwa doppelt so viel wie in den USA – gibt es immer noch einen Fachkräftemangel. Die chinesische Atomenergiebehörde hofft, durch die Verstärkung der Studentenförderung und die Erhöhung der Einstiegsgehälter für 5000 bis 6000 neue Fachkräfte jedes Jahr sorgen zu können. Mithilfe dieser geistigen Feuerkraft sollen nicht nur die Importe abgelöst werden, China soll auch zum Global Player im Bereich der Nukleartechnologie werden. Bislang wurden aber nur bescheidene Erfolge erzielt: Vier Anlagen wurden an Argentinien, Pakistan und Rumänien verkauft. Das ist immerhin ein Anfang, wenn auch mit viel staatlicher Unterstützung. Wie die World Nuclear Organization berichtet, hat der chinesische Ministerrat Anfang 2015 ein 100 Milliarden US-Dollar schweres Exportförderungsprogramm für die Branche zusätzlich zu einem 2014 verabschiedeten ähnlichen Programm genehmigt.

Die Zahlen stimmen, aber was sagt die Bevölkerung?

Natürlich werden die Exporteure aus China die Käufer überzeugen müssen, dass Atomkraft mit attraktiven Kostenvorteilen verbunden ist. Mit einer bemerkenswerten Ausnahme, nämlich Erdgas, scheinen diese gegeben zu sein. Eine Analyse des China-Teams der Credit Suisse zeigt, dass Atomkraft eine höhere Rendite des investierten Kapitals generiert als Kohle, Wasser-, Wind- oder Sonnenenergie. Auch bei der Verfügbarkeit ist die Atomkraft gegenüber den beiden zuletzt genannten Alternativen im Vorteil; sie steht auch zur Verfügung, wenn kein Wind weht oder die Sonne nicht scheint. Jedoch ist die grösste Hürde für die Nuklearenergie innerhalb und ausserhalb Chinas nicht ökonomischer, sondern gesellschaftlicher Art, nämlich das Fukushima-Phänomen. Den Forschern auf der Website ChinaDialog.net zufolge hat die entstehende Antiatomkraftbewegung des Landes in der allgemeinen Bevölkerung an Zugkraft gewonnen. Mitte 2013 kam es sogar zu einem offenen Protest in der südlichen Provinz Guangdong, der die Regierung zwang, von einem 6 Milliarden US-Dollar teuren Uranaufbereitungsprojekt Abstand zu nehmen. Der Widerstand scheint nicht stark genug zu sein, um das Wachstum generell zu torpedieren, aber er könnte für eine Verlangsamung sorgen. Die öffentliche Meinung scheint Atomkraftwerke an der Küste zu akzeptieren, wo im Falle eines Unfalls unbegrenzte Mengen an Meerwasser zur Verfügung stünden, um die Brennstäbe abzukühlen und die radioaktive Strahlung zu verteilen. Im Inland könnten Projekte mit weniger Wasser von den Bewohnern für «zu gefährlich» gehalten werden: Die Credit Suisse geht davon aus, dass heftiger Widerstand die Wachstumsraten um etwa ein Drittel niedriger ausfallen lassen könnte.

Die Welt schaut zu

Dieses gemässigte Szenario könnte der weltweiten Atombranche allerdings mehr Kopfzerbrechen bereiten, als dies im Moment der Fall ist. Fukushima hat eine nukleare Renaissance im Ansatz erstickt. Japan fuhr seine gesamte AKW-Flotte herunter, 30 Prozent der nationalen Stromerzeugungskapazität. Deutschland und die Schweiz, wo der Anteil der Kernenergie an der Stromerzeugung 15 Prozent bzw. 35 Prozent beträgt, haben beschlossen, mit der Zeit ganz aus der Atomkraft auszusteigen. Diese Rückzüge allein schon lassen das Energiedilemma zutage treten. Angesichts von Rationierungen (auch als Spannungsabfälle bekannt) und viel höheren Strompreisen vollzieht Japans Regierung eine Kehrtwende und beginnt damit, die geschlossenen Anlagen wieder anzuschalten. Deutschland und die Schweiz haben schon mit der Umsetzung ihrer Entscheidung zu kämpfen, und die etwa 32 Atomnationen setzen ihre atomaren Operationen und Expansionen in den meisten Fällen fort. Sollte aber ein weiterer Unfall passieren, dann ist alles wieder offen, aber momentan sieht es so aus, als ob die Atomkraft wieder im Aufwind ist, und China wird den Aufschwung anführen.