Das grosse Geschäft mit Städte-Rankings

Melbourne oder Miami? London in England oder London in Ontario? Früher waren die Ranglisten mit den lebenswertesten Städten ein Sport, heutzutage sind sie ein Geschäft. Und sie bleiben nicht ohne Wirkung auf die bewerteten Standorte.

Sie möchten sich die Stadt, in der Sie leben, aussuchen? Abgesehen von einigen wenigen Privilegierten nehmen die meisten von uns das, was sie kriegen können. Nichtsdestotrotz gibt es einen rasch wachsenden Markt für Städte-Ratings. Egal, ob die Nachfrage das Angebot vorantreibt, andersherum oder beides: Sowohl bei den Anbietern als auch bei den Verbrauchern besteht grosses Interesse.

Städteauswahl begann mit Unbewohnbarkeit

Die Idee, Städte im Hinblick auf ihre Lebensqualität zu bewerten, war nicht das ursprüngliche Ziel von Mercer, einer Personalberatung, die 1994 als erste damit anfing. Das Ziel war vielmehr, multinationale Firmen dabei zu beraten, wie Mitarbeitende, die in unbeliebten Gegenden arbeiten, zu entschädigen sind - genauso wie der öffentliche Dienst oder das Militär denjenigen, die an unangenehme Orte versetzt werden, eine «Härtezulage» zahlt. Ein kluger Kopf kam jedoch auf die Idee, wie man aus der Not eine Tugend macht und fing an, eine positive Liste von Orten zusammenzustellen. Mercers «Vergleichsstudie zur Bewertung der Lebensqualität» erregte genug Aufmerksamkeit, um zu einer Konkurrenzstudie vom Nachrichtenmagazin The Economist zu führen. Die Zeitschrift startete ihr «Global Liveability Ranking» in den 1990er Jahren. 2006 kam das Ranking des Lifestyle-Magazins Monacle «Quality of Life Survey» hinzu. Fünf Jahre folgte die OECD mit einer Rangliste – der gemeinsame Thinktank der 34 reichsten Industrienationen bewertet in seinem «Better Life Index» die Lebensqualität nach Ländern.

Verschiedene Ableger und Nischenakteure mischen derweilen auch mit. Consultancy ECA International gibt das «Location Ratings» heraus, die National University Singapur veröffentlicht einen «Global Liveable Cities Index», AT Kearney produziert einen «Global Cities Index». Business-Reporter bei Bloomberg, Forbes und 24/7 Wall St geben ebenfalls ihre Meinung dazu ab, wo man am besten lebt.

Alle sind Gewinner – sozusagen

Die Zunahme an Marktsegmenten hat das Geschäft mit den Ratings stark vorangetrieben. Es gibt nicht nur Preise für die «lebenswerteste Stadt weltweit»; es werden auch Gewinner nach Region, Grösse und einer ganzen Reihe anderer Faktoren wie Gesundheitswesen, Kultur, Bildung, Transportwesen, Wohnsituation, Versorgungsbetriebe und persönliche Sicherheit gewählt. 2012 ging The Economist sogar so weit, dass sie ihr weltweites Ranking mit zusätzlichen Kriterien wie Zersiedlung, Luftqualität und Grünanlagen neu auflegte. Das Ergebnis war eine bunte Mischung. Die vormals besten Städte fanden sich immer noch unter den besten und die vormals schlechtesten immer noch unter den schlechtesten; die Rankings innerhalb dieser Gruppen änderten sich jedoch beträchtlich. In Amerika, dem Land, in dem der Verbraucher die Qual der Wahl hat, wo Supermärkte ganz selbstverständlich 10 verschiedene Sorten Erdnussbutter anbieten, kann die Marktsegmentierung mitunter extrem sein. Dort werden Rankings von Städten veröffentlicht, die am besten für Rentner, für Budgetbewusste, politisch rechts Orientierte, sogar für Biertrinker geeignet sind (die Top 2 für Bierfreunde waren Billings, Montana, und Hershey, Pennsylvania).

Es sei denn, Sie leben in einem Kriegsgebiet

Trotz der Bemühungen der Bewerter, die Lorbeeren gleichmässig zu verteilen, gibt es einige Städte, die einfach nicht gewinnen können. Bedrohungen für die persönliche Sicherheit, d. h. Gewaltverbrechen und Militäreinsätze, sind erdrückende Negativfaktoren. Kommen noch eine Prise Korruption, Unterdrückung, schlechte Konnektivität oder Kommunikationsmittel hinzu, und schon fallen die Rankings zur Lebensqualität. An der Spitze der Liste dieser Verlierer stehen vor allem Städte in Afrika und im Nahen Osten, die einige oder alle dieser Probleme aufweisen. Unter denjenigen, die sich dauernd unter den Verlierern befinden, sind Dhaka, Harare, Kabul, Lagos und Mogadischu. Mit den Unruhen des Arabischen Frühlings und dessen Nachwirkungen haben sich noch Algier, Tripolis und Damaskus zu den Verliererstädten gesellt. Laut Zeitungsberichten spielen in der syrischen Hauptstadt immer noch Kinder in den Strassen, wenn auch mit echten Waffen und scharfer Munition. In den anstehenden Ratings für 2015 werden vermutlich auch Donezk und Luhansk in der von Krieg zerrissenen Ostukraine zu den Verlierern zählen.

Gut leben: Das funktioniert besser, wenn man reich ist.

Die Bewohnbarkeit korreliert nicht völlig überraschend mit dem Wohlstand. Die Städte der Welt mit der besten Lebensqualität entsprechen im Grossen und Ganzen den wohlhabendsten Städten weltweit, mit einigen Bonusmerkmalen. Beständige Spitzenreiter sind in den reichen und egalitären nordischen Ländern zu finden (Kopenhagen, Helsinki, Oslo) und in den deutschsprachigen Ländern (Düsseldorf, Frankfurt, München, Wien), in der reichen, niedrig besteuerten Schweiz (Bern, Genf, Zürich), im reichen und unglaublich ordentlichen Japan (Kioto, Osaka, Tokio), im reichen und günstigen Australien (Adelaide, Melbourne, Perth, Sydney) und in Kanada (Calgary, Toronto, Vancouver). Ist es also tatsächlich so einfach: Sei reich, sei glücklich? Sozusagen, meint Amlan Roy vom Team Global Demographics der Credit Suisse. Wie alle anderen, «möchten auch wohlhabende Menschen in einer sauberen, kulturell stimulierenden Umgebung leben, die nicht zu verschmutzt ist und in der grosse Parks zu finden sind. Wohlhabende Menschen mögen ausserdem kulturell vielfältige Städte, die Kunst, Museen, Musik, Geschichte und Musik ebenso wie gute Sitten, Gesetze und Bräuche bieten.»

Es gibt aber auch Newcomer

Mangelnder Wohlstand verhindert, dass Städte in Entwicklungsländer auf den Listen der lebenswertesten Städte stehen. Zumindest ist das momentan so. Eine Reihe von aufstrebenden Städten arbeitet sich derzeit nach oben. Ein paar Beispiele:

  • Curitiba in Brasilien, das sich erfolgreich gegen das sonst übliche lateinamerikanische Modell einer Stadt mit schlechten öffentlichen Verkehrsmitteln gewehrt hat.
  • Hyderabad und Pune in Indien, die laut Mercers «Vergleichsstudie zur Bewertung der Lebensqualität» eine wesentlich bessere Lebensqualität aufweisen als ihre überlaufenen Nachbarn Delhi und Mumbai.
  • Auch Wroclaw in Polen mit seiner gut ausgebildeten Bevölkerung, dem wunderschönen Umland und der guten Infrastruktur entwickelt sich zu einem führenden Standort für ausgelagerte IT- und Verwaltungsarbeitsplätze, die überall angesiedelt werden könnten. In den letzten zehn Jahren haben Blue-Chip-Unternehmen wie Ernst & Young, HP, IBM, Microsoft und nicht zuletzt auch die Credit Suisse zehntausende Stellen in diese Gegend verlegt.

Wer denkt schon ausgiebig über Wohnorte nach?

Arbeitgeber wie die oben genannten Unternehmen sind wohl die treuesten Leser dieser Städte-Ratings. Da die heutige Wissenswirtschaft fast überall, wo es Breitband-Internet und Kaffee gibt, arbeiten kann, konzentriert sie sich darauf, nicht nur dem Geld (also den Verbrauchern), sondern auch den Gehirnen (also den Mitarbeitern) zu folgen. «Dienstleistungsunternehmen wollen in der Nähe von Humankapital – intelligenten, motivierten Menschen – sein», so das Demographics-Team der Credit Suisse. «Die Städte mit der höchsten Lebensqualität ziehen Talente, nicht nur aus den angrenzenden Ländern, sondern aus der ganzen Welt an. Aus diesem Grund sind die lebenswertesten Städte auch die kosmopolitischsten Städte und sie haben auch die höchsten Bewertungen in den Bereichen Finanz und höhere Bildung.»

Auch Städteplaner und Stadtoberhäupter interessieren sich stark für die Rankings. Die «Besten-Listen» vermitteln ihnen Anhaltspunkte dazu, was sie richtig machen und was sie vermeiden sollten. Und schliesslich interessieren sich auch die Städtebewohner selbst dafür. Wie Jon Copestake, Herausgeber des «Global Liveability Ranking» von The Economist anmerkt, «hat jeder eine Meinung», besonders wenn es um Rankings wie Bewohnbarkeit geht, «die den Menschen am Herzen liegen». Für viele Leute ist der lebenswerteste Ort der Ort, der ihnen am meisten bedeutet. Für sie gilt: «Zuhause ist es doch am schönsten.»