Lifefair: Was sind nachhaltige Lebensmittel?
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Lifefair: Was sind nachhaltige Lebensmittel?

Lebensmittel sind nicht nur Nahrungsmittel, sondern auch wichtiger Treiber der Wirtschaft und Ausdruck kultureller Gewohnheiten. In Anbetracht globaler Entwicklungen wie Klimawandel, Zunahme des Wettbewerbsdruckes und gleichzeitige Abnahme der Land- und Wasserreserven bekommt das Thema «Nachhaltige Lebensmittel» zusätzliche Dringlichkeit. Doch was ist unter diesem Begriff zu verstehen? Das 25. Lifefair Forum widmet sich nachhaltigen Lebensmitteln und gibt einen Einblick in die Verantwortlichkeiten der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Politik.

Zuerst eine grundsätzliche Frage: Was sind nachhaltige Lebensmittel?

Adrian Wiedmer, Gebana: Nachhaltige Lebensmittel erhalten unser Leben als Konsumenten, ohne dasjenige der Produzenten oder zukünftiger Generationen zu gefährden. Das heisst, sie werden nachhaltig angebaut und fair gehandelt. Da die meisten Leute mit Nahrungsmitteln viele Gefühle verbinden, ist das Thema nachhaltige Lebensmittel ideologisch noch stärker aufgeladen als andere Nachhaltigkeitsthemen. Dabei gäbe es objektive und messbare Ansätze zur Bewertung solcher Lebensmittel, wie beispielsweise Lifecycle Assessments.

André Waltisberg, Migros Zürich: Solche Lebensmittel müssen gewisse Kriterien erfüllen. Erstens hinterlässt ihre Herstellung keine bleibenden Schäden in der Natur und basiert auf erneuerbaren Ressourcen/Energien. Zweitens werden die Menschen, welche am Herstellungsprozess beteiligt waren, fair behandelt, korrekt entschädigt und erhalten einen sicheren Arbeitsplatz. Drittens wird das Produkt von den Konsumenten zu Preisen akzeptiert, die allen beteiligten Akteuren mindestens eine Kostendeckung ermöglicht. Kurz und bündig: nachhaltige Lebensmittel sind umweltgerecht (bei tierischen Produkten auch tiergerecht), sozial, fair und wettbewerbsfähig.

Patrick Camele, SV Group: Nachhaltige Lebensmittel sind ressourcenschonend angepflanzt, transportiert und weiter verarbeitet worden. Dies alles bei fairen Arbeitsbedingungen und einem Business Case, der für alle Parteien – Bauern, Produzenten, Händler und Verbraucher – sowohl attraktiv als auch anständig ist. Wir legen zum Beispiel Wert darauf, den CO2-Ausstoss zu senken, indem wir unsere Produkte zu über 80 Prozent aus der Schweiz beziehen und auf Waren, die mit dem Flugzeug hergebracht werden, verzichten. Zudem scheint mir, dass den Konsumenten und den Anbietern teilweise viel zu wenig bewusst ist, wie ressourcenverschwendend fossil beheizte Gewächshäuser sind und welchen negativen Einfluss sie entsprechend auf die Umwelt haben.

Dionys Forster, Nestlé: Eine nachhaltige Landwirtschaft muss ökonomisch sinnvoll und sozial verantwortbar sein. Gleichermassen soll sie aber auch die natürlichen Ressourcen bewahren. Zudem ist es wichtig, dass sie unternehmerisches Handeln fördert, so dass dynamisch und kontinuierlich auf sich verändernde Marktbedingungen reagiert werden kann.

Welche Punkte sprechen für eine Produktion in der Schweiz, welche für eine Produktion im Ausland?

Urs Schneider, Schweizer Bauernverband: Einheimische Produkte stehen für hohe Qualität, die auch unsere glaubwürdigen Kontrollen garantieren. Kurze Transportwege sind ein weiterer Pluspunkt. Zusätzliche positive Effekte sind beispielsweise Landschaftspflege oder dezentrale Besiedelung.

Adrian Wiedmer: Für die Produktion in der Schweiz spricht immer das Heimatgefühl und der direktere Bezug. Je nach Produkt auch die Ökologie (Transport) und die Qualität/Sicherheit dank der Schweizer Gesetzgebung. Für eine Produktion im Ausland spricht hingegen fast immer der Preis, oft auch die Ökologie, da es Regionen gibt, wo beispielsweise der Anbau eines Lebensmittels weniger energieintensiv ist als in der Schweiz. Manchmal kann aufgrund des Klimas die Qualität besser sein. Im Vordergrund stehen aber auch die positiven wirtschaftlichen Effekte für die (meist ärmeren) Produktionsländer – das gilt speziell im fairen Handel.

André Waltisberg: Produkte, die dank natürlichen und wirtschaftlichen Standortvorteilen zur Schweiz passen, werden im Inland produziert. Mit ihren hohen Niederschlägen, vielen Hügeln und Bergen ist die Schweiz ein klassisches Grasland. Folglich bieten sich vor allem Milch- und Fleischprodukte für die heimische Produktion an. Ausserdem haben wir viele Anbaugebiete für Gemüse und Obst. Das ist auch wichtig, denn diese sollen möglichst frisch sein, weshalb kurze Transportwege wichtig sind. Andere Produkte wie exotische Früchte, Kakao oder Kaffee können aufgrund des Klimas nicht in der Schweiz produziert werden. Eine standortangepasste Produktion ist in diesem Fall in wärmeren Hemisphären sinnvoller, als in der Schweiz aufwändige Gewächshäuser zu beheizen.

Welche Rolle hat die Wirtschaft z.B. die Nahrungsmittelindustrie und die Gastronomie?

Urs Schneider: Die Wirtschaft und speziell die Lebensmittelindustrie haben eine grosse Verantwortung. Wir müssen alles daran setzen, gemeinsam über die ganze Wertschöpfungskette hinweg erfolgreich zu sein, so dass alle Beteiligten auf allen Stufen etwas daran verdienen. In der Gastronomie besteht grosses Potenzial, sich vermehrt mit einheimischen Produkten zu profilieren.

Patrick Camele: Am 1. Januar 2016 traten die 17 Sustainable Development Goals (SDGs) in Kraft. Es handelt sich dabei um Zielsetzungen der Vereinten Nationen, welche der Sicherung einer nachhaltigen Entwicklung auf ökonomischer, sozialer und ökologischer Ebene dienen sollen. Diese 17 SDGs bilden den optimalen Kompass für Staaten, Unternehmungen und die Gesellschaft, um ihr Verhalten darauf auszurichten und es in ihre Zielsetzungen zu integrieren. Da jedes Unternehmen in der Verantwortung steht, versuchen auch wir, unsere Partnerschaften entsprechend auszurichten und arbeiten beispielsweise eng mit dem WWF oder dem Schweizer Tierschutz zusammen.

Informationstechnologie wird vermehrt auch in der Landwirtschaft eingesetzt. Das Resultat sind sogenannte digitale Äcker und smarte Gewächshäuser in beispielsweise Afrika oder auch in Japan. Was bedeutet nachhaltige Lebensmittelproduktion in der heutigen Zeit? Können digitale Lösungen Lebensmittel nachhaltiger machen?

Dionys Forster: Die Konsumenten wünschen sich zunehmend Informationen zu Inhalt, Herstellung und Ursprung der Nahrungsmittel. Digitale Technologien können die Transparenz und die Rückverfolgbarkeit von Produkten verbessern. Erhalten die Konsumenten Zugang zu solchen Lösungen, kann das Vertrauen in die Produkte und in die landwirtschaftlichen Produktionsformen gestärkt werden. Ausserdem können Technologien den Landwirten wichtige zusätzliche Informationen zur Pflanzenproduktion, der Tierhaltung oder der Betriebsführung liefern. Dieses Wissen kann zu einem effizienteren Einsatz von Produktionsmitteln (Pflanzenschutz- und Düngemitteln) führen. Digitale Lösungen haben das Potenzial, nicht nur die Landwirtschaft sondern die gesamte Lebensmittel-Wertschöpfungskette nachhaltiger zu gestalten. Viele dieser Entwicklungen stehen aber noch immer am Anfang: Spezialisierte Applikationen ermöglichen zwar eine verbesserte Erfassung und Analyse von Kultur-, Tierhaltungs- oder Betriebsdaten, die meisten Technologien sind aber nur unzureichend miteinander vernetzt.

Urs Schneider: Das können sie durchaus. Die Landwirtschaft setzt moderne Technologien ein und war in der Vergangenheit oft sogar Vorreiterin. So hatte der Schweizer Bauernverband in den 90er Jahren mit Agri eine Pionierrolle inne. Landwirtschaft 4.0 ist ein sehr präsentes Thema, denn Informationstechnologie kann durchaus mithelfen, Prozesse und dadurch Kosten zu optimieren.

Wird der Preis schlussendlich die Ressourcennutzung und die Essensgewohnheiten lenken? Oder welche anderen Faktoren können dazu beitragen, dass Lebensmittel nachhaltiger werden?

André Waltisberg: Hoffentlich nicht, denn Nachhaltigkeit ist in der Regel nicht zum Nulltarif erhältlich. Faire Arbeitsbedingungen verlangen u.a. gerechte Löhne. Und das bedeutet letztlich Mehrkosten. Essen ist jedoch mehr als nur ein Kostenfaktor – die Kultur, der Genuss, die Vielfalt, die soziale Dimension des Essens spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Eine nachhaltige Entwicklung setzt daher auch Bewusstsein und Wissen wie beispielsweise über die Umstände entlang der Wertschöpfungskette voraus. Daran kann jeder einzelne Anbieter einen Beitrag leisten. Wir haben zum Beispiel Sensibilisierungskampagnen oder Recycling in den Läden. Die Ausrichtung des Sortimentes auf möglichst viel Nachhaltigkeit muss sich schlussendlich aber auch immer rechnen.

Patrick Camele: Es ist richtig, dass der Preis eine entscheidende Lenkungswirkung besitzt, damit Lebensmittel nachhaltig angepflanzt werden. Schön ist zu sehen, dass es immer mehr Konsumenten gibt, welche sich bewusst nach nachhaltigen Lebensmitteln erkundigen und bereit sind, mehr Geld dafür auszugeben. «Wir denken, dass wir mit mehr Genuss wie zum Beispiel mit attraktiven vegetarischen Rezepten Konsumenten (und der Umwelt) einen klaren Mehrwert anbieten können.»

Welche Rolle spielt die Politik bei der nachhaltigen Produktion und Konsumation von Lebensmitteln?

Dionys Forster: Die Politik bestimmt die Rahmenbedingungen für eine nachhaltige landwirtschaftliche Produktion. Teil der politischen Debatte muss es sein, die heutigen Produktionsformen in einem sich stetig wandelnden Umfeld zu reflektieren und zukünftige Entwicklungen zu antizipieren. Diese Diskussion muss offen und transparent mit Einbezug der Konsumenten geführt werden. Denn am Schluss entscheidet der Konsument anhand seines Kaufverhaltens. Gesetzgebungen und Regulative, die nicht den Wünschen der Konsumenten entsprechen, sind daher nicht zielführend und helfen auch den Landwirten wenig.