Laurent Prince: «Ich bin kein Romantiker»
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Laurent Prince: «Ich bin kein Romantiker»

Der Technische Direktor des SFV über Talentförderung, Vorurteile und die Helden seiner Jugend.

Michael Krobath: Was war Ihr erstes Erlebnis mit der Schweizer Nati?

Laurent Prince: 1981 in Luzern, das WM-Qualifikationsspiel gegen Ungarn. Es endete 2:2 und ich war als 11-jähriger Balljunge ganz nah dran am Geschehen.

34 Jahre später bauen Sie als Technischer Direktor an der Zukunft des Schweizer Fussballs. Geht es denn noch erfolgreicher als im letzten Jahrzehnt?

Würde ich daran zweifeln, hätte ich diesen Job nicht angenommen. Es ist eine ausserordentliche Leistung, in einer Weltsportart zu den Besten zehn Prozent zu gehören. Aber wir dürfen durchaus die Zielsetzung haben, uns nachhaltig in der erweiterten Weltspitze festzusetzen und uns auch einmal für Viertelfinals einer EM oder WM zu qualifizieren. Gleichzeitig gilt es jedoch, wachsam zu sein.

Inwiefern?

Unser Erfolg basiert auf einem sehr stabilen Ausbildungskonstrukt, das über die letzten zwanzig Jahre gewachsen ist. Unsere Stärke ist es, dass alle am selben Strick ziehen, der Verband und die Klubs, der Spitzen- und Breitensport. Ich sehe gewisse Alarmzeichen, die dieses System gefährden.

Sie denken an mögliche finanzielle Forderungen von Klubs an den Verband für das Abtreten von Nationalspielern. Sogar einzelne Spieler sollen diesbezüglich schon vorstellig geworden sein.

Nein, das sind höchstens Gedankenspiele. Was ich meine ist die zunehmende Abwanderung von jungen Talenten ins Ausland. Dieses Phänomen ist zwar nicht neu und auch ein Kompliment für unsere Nachwuchsarbeit, aber es birgt die Gefahr, dass die Vereine das Interesse an der Nachwuchsausbildung verlieren könnten.

Wieso sollte das passieren?

Die Investitionen in die Ausbildung von Kindern und Teenagern sind sehr hoch. Sie lohnen sich nur, wenn man den Ausbildungsweg zu Ende geht bis hin zur Talentveredelung, also bis zum Schritt vom Nachwuchsspieler zum Profi. Verlieren die Klubs ihre besten Talente mit 16, 17 Jahren ans Ausland, können sie diese erstens gar nie in der Super League einsetzen und zweitens geben diese viel zu billig weg. Denn es ist klar, dass in der Regel für einen 16-jährigen Nachwuchsspieler weniger bezahlt wird, als für einen 20-Jährigen, der schon ein, zwei Saisons im Profifussball seine Fähigkeiten unter Beweis gestellt hat.

Ist man hier nicht auf verlorenen Posten? Die finanziellen Möglichkeiten der ausländischen Top-Ligen werden immer grösser und damit auch die Verlockung für die Spieler und deren Berater.

Ich bin kein Romantiker. Klar wird es immer wieder Spieler geben, die wir nicht halten können. Aber ich appelliere an die Spieler und Klubs, an die hervorragende Ausbildung in der Schweiz zu glauben. Dies ist keine leere Formel, sondern lässt sich auch statistisch belegen. Die Wenigen, die trotz frühem Wechsel eine erfolgreiche Karriere schaffen, sind die Ausnahme, die die Regel bestätigen.

Sehen Sie noch Optimierungspotenzial für das vielgelobte Schweizer Ausbildungssystem?

Wir müssen mutig sein und – wo nötig – Anpassungen vornehmen. Wir wollen künftig das Potenzial jedes Einzelnen noch besser nutzen. Die Prioritäten liegen bei der Optimierung des Talentmanagements, bei der Kooperation mit den Schnittstellen zum Profifussball, bei der Persönlichkeitsentwicklung und der Karriereplanung. Zudem setzen wir vermehrt auf die Wissenschaft und die modernen Medien, namentlich bei der Analyse von Spielen oder von der individuellen Entwicklung.

Stimmt der Eindruck, dass die Schweizer Spieler im internationalen Vergleich physische Defizite aufweisen?

In der Entwicklung der Athletik vom Jugendlichen bis zum Profi sehen wir ein enormes Potenzial. Deshalb haben wir diesen Bereich aufgewertet und eine neue Stelle geschaffen. Zu den Aufgaben des neuen Konditionsverantwortlichen Michel Kohler gehört die Weiterbildung unserer Konditionstrainer und Weiterentwicklung unserer Trainingsprogramme. Die Athletik ist im Fussball eine komplexe Angelegenheit. Sie muss an die Anforderungen des Spiels angepasst sein. Wer wie blöd Ausdauer oder Kraft trainiert, verliert an Schnelligkeit und Beweglichkeit.

Wurde bisher zu wenig hart trainiert?

Wir haben für jede Position Anforderungsprofile erstellt und geben aufgrund der Leistungsdiagnostik jedem Spieler individuelle Trainingspläne mit. Diese muss er dann zusammen mit seinem Verein umsetzen. Das funktioniert schon ziemlich gut, aber wir müssen hier noch strukturierter arbeiten und strenger werden bei der Überprüfung. Erfüllt ein Footuro-Spieler die Vorgaben nicht, muss dies Konsequenzen haben. Punkt.

Der Weg vom Talent zum Profi ist enorm steinig. Welcher Faktor ist entscheidend?

Natürlich muss vieles zusammenspielen: Technik, Kognition, Spielintelligenz, Schnelligkeit. Schlussendlich setzen sich aber nicht die talentiertesten Ballkünstler durch, sondern Persönlichkeiten mit einer intrinsischen Motivation. Also jene, die aus sich heraus Leistung erbringen wollen.

Die aktuelle A-Nationalmannschaft ist noch sehr jung und steht erst am Anfang Ihrer Entwicklung. Ist der Weg in die Nati für die nächste Generation für Jahre verbaut?

Sie wird sich genauso durchsetzen, wie jene vor ihr. Ist ein junger Spieler auf seiner Position besser als der aktuelle, dann kommt er zum Zug.

Wird der Konkurrenzkampf bewusst geschürt, indem die Nachwuchstalente regelmässig aufgeboten werden?

Unsere Philosophie sieht vor, dass wir die Spieler nicht verheizen, sondern dass sie Zeit bekommen sich zu entwickeln und in den Nachwuchsnationalmannschaften einen Schritt nach dem anderen machen sollen. Aber klar ist auch: Einen Ausnahmespieler wie Breel Embolo bremsen wir nicht künstlich, sondern integrieren ihn in die Nati, auch wenn er erst 18 ist.

Fachleute schwärmen vom 2000er Jahrgang. Sie auch?

Dort gibt es durchaus interessante Spieler. Aber ich bin auch sehr gespannt auf die 2001er, welche die neue U15 stellen. Es ist der erste Jahrgang, der das Footeco-Programm vollständig durchlaufen hat und wir werden ihn sehr genau analysieren. Mein erster Eindruck: die Breite an Qualität steigt.

Sie sind auch für den Frauenfussball verantwortlich, der durch die WM-Teilnahme eine nie dagewesene mediale Aufmerksamkeit erfuhr. Wie lässt sich das nutzen?

Die Resonanz war grossartig. Und am meisten freut es mich, dass die Vorurteile nun endgültig vom Tisch sind: Fussball ist Frauensache – auch in der Schweiz. Für uns stellt sich nun die Frage, wie wir die vielen Mädchen, die gerne auf dem Pausenplatz kicken, in die Vereine bringen? Dazu sind bereits verschiedene Projekte angelaufen.

Das könnte auf den Plätzen eng werden. Schon jetzt wollen so viele Buben Fussball spielen, dass die Vereine nicht mehr alle aufnehmen können. Wird der Fussball zum Opfer des eigenen Erfolgs?

Heute finden an den Wochenenden in der Schweiz rund 10'000 Matches statt, damit stossen wir besonders in den Ballungszentren an unsere Grenzen. Es fehlt an Plätzen, aber auch an Freiwilligen, die bereit sind sich als Juniorentrainer zu engagieren.

Wie lässt sich die Situation verbessern?

Wir lancieren Aktionen, um mehr Freiwillige zu rekrutieren. Und wir versuchen der Politik bewusst zu machen, was die Klubs für die Gesellschaft leisten, damit diese auch entsprechend unterstützt werden und weiterhin ihre Arbeit tun können. Neben der Schule gibt es keine andere Institution, die soviel für die Sozialisation und Integration leistet, wie die Fussballvereine. Mehrere tausend Nachwuchstrainer engagieren sich dort für einen symbolischen Lohn. Ich ziehe vor jedem Einzelnen den Hut.

Apropos Kindheit, wer waren damals Ihre Rasen-Helden?

Platini und später Zidane, beide verkörperten Klasse, Kreativität, Präsenz. In der Schweiz war es der elegante Stratege Heinz Hermann.

Und was war Ihr grösster Erfolg als Amateurspieler oder -trainer?

Die grösste Herausforderung war wohl der Spielertrainerjob beim 2. Ligisten FC Goldau – mit gerade einmal 27 Jahren. Mein grösster Erfolg? Der kommt erst noch (lacht).