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Johann Schneider-Ammann: «Schon in meiner Jugend war die Zuwanderung ein grosses Thema»

Wirtschaftsminister Johann N. Schneider-Ammann über die Forderungen der Schweizer Jugend, ihre Haltung zu Ausländern und zur Frage, warum er nicht in die Fussstapfen seines Vaters getreten ist.

Herr Bundesrat, was zeichnet die Schweizer Jugend aus?

Johann N. Schneider-Ammann: Die grosse Mehrheit der Schweizer Jugendlichen ist neugierig, interessiert und bereit, sich zu engagieren und Verantwortung zu übernehmen. Das unterscheidet sich nicht grundsätzlich zu früheren Jahren. Aber heute sind die jungen Leute mit den sozialen Medien und den raschen Entwicklungen in diesem Bereich zusätzlich gefordert. Sie müssen sich mehr abgrenzen und Prioritäten setzen.

Welches sind die schwierigsten Aufgaben für die Generation der heute 15- bis 25-Jährigen?

Ich glaube nicht, dass man darauf eine allgemeingültige Antwort geben kann. Aber zweifellos werden uns die alternde Gesellschaft, die Ressourcenknappheit, Klimaveränderungen, aber auch Sicherheitsfragen vor grosse Herausforderungen stellen.

In der Jugend werden die Weichen für die Zukunft gestellt, zum Beispiel mit der Wahl der Ausbildung oder des Berufs. Welche Entscheidungen haben Sie persönlich in diesem Alter besonders geprägt?

Ich besuchte das Gymnasium und mein Vater, der selbst Tierarzt war, hätte mich gerne zu seinem Nachfolger gemacht. Ich stellte dann aber rasch fest, dass das nicht meine Zukunft war, und wechselte zur Elektrotechnik an die ETH Zürich. Heute ist das Bildungssystem sehr gut ausgebaut und insbesondere auch viel durchlässiger. Junge Leute können relativ einfach eine Richtungsänderung vornehmen, ohne dadurch viel Zeit zu verlieren. Eine Berufsbildung ist ebenso wenig eine Einbahnstrasse wie eine gymnasiale Ausbildung. Aber das wachsende Angebot macht die Wahl nicht unbedingt einfacher.

Es ist noch schwieriger geworden, die jungen Menschen für ein politisches Engagement zu motivieren.

Die Ergebnisse des Jugendbarometers zeigen zum wiederholten Mal, dass die kommende Generation ein distanziertes Verhältnis zur Politik hat. Weder politische Parteien noch Jugendorganisationen oder Demonstrationen liegen im Trend. Wie erklären Sie sich das?

Wenn ich zurückschaue, dann gab es früher vor allem Pfadfinder, Sportverbände und später dann Studentenverbindungen. Mir scheint, dass das heutige Angebot an Freizeitbeschäftigungen viel grösser ist und die Leute auch weniger ortsgebunden sind. Politische Parteien wurden auch in der Vergangenheit nicht von jungen Leuten überrannt. Aber heute ist es angesichts des grossen Freizeitangebots tatsächlich noch schwieriger, diese Altersgruppe für ein politisches Engagement zu motivieren.

Den hiesigen Jugendlichen ist es sehr wichtig, Freizeit und Beruf vereinbaren zu können. Karriere zu machen oder mehr Wohlstand als die Eltern zu erreichen, ist ihnen hingegen weniger wichtig. Wird diese Einstellung die Zukunft der Schweizer Wirtschaft prägen?

Das Freizeitangebot ist wie gesagt viel grösser geworden. Es dient der Erholung, dem Ausgleich zur Arbeitswelt. Der Anspruch, ein ausgewogeneres Verhältnis zwischen beruflicher Aktivität und Freizeitbeschäftigung herzustellen, ist heute offensichtlich. Trotzdem: Ich sehe auch viele junge Menschen mit Ehrgeiz und dem Willen, Karriere zu machen. Gerade kürzlich waren sehr interessierte Studentinnen und Studenten bei mir im Büro. Wie es um die Wirtschaft von morgen bestellt ist – das ist noch von anderen Faktoren abhängig als bloss dem Arbeitswillen der jungen Leute.

Switzerland

Im CS-Sorgenbarometer ist die AHV ein Dauerbrenner, und auch im Jugendbarometer zählen die jungen Schweizer und Schweizerinnen die Altersvorsorge zu den drei grössten Problemen, mit zunehmender Dringlichkeit. Wie können wir die Altersvorsorge sichern?

Die vom Bundesrat verabschiedete Vorlage «Altersvorsorge 2020» befindet sich momentan in der parlamentarischen Beratung. Ziel der Reform ist es, das Niveau der Leistungen der ersten (AHV) und der obligatorischen zweiten Säule (Pensionskasse) zu sichern, diese Leistungen an die veränderten gesellschaftlichen Bedürfnisse anzupassen und ausreichend zu finanzieren. Das Problem ist schon lange erkannt, und es sieht jetzt doch so aus, dass wir einer Lösung näher kommen. Die Vorschläge umfassen einen ganzen Strauss von Massnahmen, die alle zusammen für ein ausgewogenes Resultat sorgen sollen.

Nebst der Altersvorsorge nehmen die Jungen vor allem Ausländer- und Asylfragen als immer wichtigeres Problem wahr. Das Verhältnis zu Ausländern wird als angespannt empfunden. Gleichzeitig erachten viele Jugendliche auch Rassismus und Fremdenfeindlichkeit als problematisch. Was kann getan werden, um diese Spannungen abzubauen?

Diese Probleme beschäftigen nicht nur die jungen Leute, sondern die ganze Gesellschaft, wie die Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative vom Februar 2014 gezeigt hat. Ich möchte aber doch daran erinnern, dass schon in meiner Jugendzeit die Zuwanderung eines der grossen Themen war, die am Stammtisch, am Arbeitsplatz und auch in den Schulen diskutiert wurden. Bisher ist es der Schweiz immer gelungen, die Flüchtlinge und Zuwanderer relativ gut in die Gesellschaft zu integrieren, auch wenn das Boot schon wiederholt als «voll» bezeichnet wurde. Ich hoffe, dass es uns auch in Zukunft gelingen wird, diese Offenheit zu bewahren und trotzdem klare Grenzen gegen Missbräuche zu ziehen.

Wir brauchen einen möglichst ungehinderten Zugang zum europäischen Markt.

Eine der grössten unmittelbaren Herausforderungen für die Schweiz liegt in der Europapolitik, wobei die Mehrheit der Jungen sich für die Fortsetzung der bilateralen Verträge ausspricht. Mit der allfälligen Kündigung des Freizügigkeitsabkommens in der Folge der Abstimmung vom 9. Februar 2014 stellt sich die Frage, wie es weitergehen soll.

In unserem Land gibt es verschiedene Kreise, die meinen, wir seien alleine stark genug. Diese Kreise werden deshalb nicht müde, die Bedeutung der bilateralen Verträge mit der EU kleinzureden. Dazu sage ich ganz klar: Das ist verantwortungslos. Wir brauchen einen möglichst ungehinderten Zugang zum europäischen Markt, wenn wir wollen, dass unsere Unternehmen weiterhin im eigenen Land produzieren und Arbeitsplätze anbieten. Denn jeden zweiten Franken verdienen wir im Ausland, und zwei Drittel unserer Exporte setzen wir in die EU ab. Deshalb plädiere ich für eine differenzierte Offenheit. Das heisst: eigenständige Regelung der Zuwanderung bei gleichzeitigem Erhalt der Bilateralen.

Gefragt nach ihren Forderungen an die Politik im Zusammenhang mit dem Internet, wünschen sich 77 Prozent Schutz vor kriminellen Übergriffen auf digitale Daten. Macht die Regierung hier zu wenig?

Internetkriminalität macht den Behörden tatsächlich zu schaffen. Immerhin handelt es sich hier um ein Verbrechen mit völlig neuen Dimensionen. Die Täter sind oft im Ausland aktiv, während unsere Strafverfolgung kantonal und national organisiert ist. Die Täter sind auch sehr schnell und verstehen es, ihre Identität zu verbergen. Momentan ist in der Schweiz noch nicht gesetzlich geregelt, wer für die Verfolgung von Cyberkriminalität zuständig ist: die Kantone oder der Bund.

Die Schweizer Jugend ist nicht gleich stark digitalisiert wie ihre Alterskollegen aus den USA, Brasilien und Singapur – insbesondere den persönlichen Austausch gestaltet sie lieber offline. Hinken die jungen Schweizer dieser Entwicklung hinterher oder differenzieren sie einfach stärker zwischen analog und digital?

Ich kann, wie Sie, höchstens Vermutungen anstellen. Ich gehöre eindeutig zu einer anderen Generation, die zwar die digitalen Möglichkeiten nutzt, aber sicher nicht so intensiv wie die jungen Leute.

Interessant: In den USA ist Arbeitslosigkeit das drängendste Problem der Jugend (50 Prozent), bei uns figuriert sie an 9. Stelle (22 Prozent). Wo sehen Sie die Gründe dafür?

Bei den Zahlen. Bei uns ist die Jugendarbeitslosigkeit viel tiefer als in den USA. Im Juni 2015 verzeichneten wir bei der Altersgruppe zwischen 15 und 24 Jahren eine Arbeitslosenquote von 2,8 Prozent. In Amerika liegt sie bei über 10 Prozent. Ich bin sehr froh über unsere tiefe Quote. Junge Menschen sind unsere Zukunft. Sie brauchen eine Perspektive. Ich setze alles daran, dass jeder und jede in der Schweiz eine Ausbildung, einen Arbeitsplatz und damit eine Zukunft hat.

Wenn Sie an Ihre eigene Jugend zurückdenken, wo sehen Sie die grössten Unterschiede zur heutigen Generation?

Die markanteste Veränderung ist sicher die Schnelllebigkeit. Das digitale Zeitalter hat sehr viele Bereiche des Alltags verändert. Denken Sie nur daran, dass es in meiner Kindheit noch nicht einmal in jedem Haushalt ein Telefon gab, geschweige denn einen Fernseher. Und geschrieben haben wir noch mit der Schreibmaschine. Die heutigen Jugendlichen sind bereits in einem digitalen Umfeld gross geworden und nehmen die Welt ganz anders wahr. Alles ist «kleiner» geworden und die Wege sind viel kürzer. Ich möchte das alles aber gar nicht werten. Die Welt verändert sich einfach. Wir müssen nach vorne schauen.

Im Rückblick, wie waren Sie als Jugendlicher?

Ich war zweifellos ein typischer Vertreter der damaligen Zeit, der sich in seinem Umfeld gut zurechtfand und eingebettet war: ein ganz normaler Jugendlicher.