Jochen Mass: Pirouetten mit dem VW der Mutter

Geniale Motoren, aufsehenerregende Karosserien, lebendige Zeitgeschichte: Der frühere Formel-1-Pilot Jochen Mass fährt die bekanntesten Oldtimer-Rennen der Welt. Lesen Sie, was ihn an den alten Fahrzeugen fasziniert und wie es ist, diese Klassiker zu lenken, wie er es vom Rennfahrer zum Filmstar schaffte und mit welchem Rockstar er über die Strecken flitzt.

Sie waren Seemann, Formel-1-Pilot und sind jetzt auch noch Filmstar? Wie fühlen Sie sich in Ihrer neuen Rolle?

Jochen Mass: (lacht) Sie sprechen von «Rush» …

… dem Kino-Epos über den Formel-1-Zweikampf zwischen Niki Lauda und James Hunt.

Da bin ich neben all den Stuntmen als einziger ehemaliger Formel-1-Fahrer mein eigenes Auto gefahren.

Sie waren damals als Teamkollege von James Hunt bei McLaren mittendrin.

Regisseur Ron Howard, der auch «Apollo 13» und «Da Vinci Code» drehte, hat einen tollen Film gemacht. Er hat alles erstmals digital gefilmt. «Da siehst du sofort, was gut, was schlecht ist und kannst die Szene gleich wiederholen.»

Und sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis?

James Hunt kommt echt rüber, Niki etwas überzeichnet. Und die Marlene, seine Frau, das hätte sie wirklich sein können. Der Film ist gut, die Handlung hollywoodmässig umgesetzt.

Was heisst das konkret?

Kleinigkeiten. Wenn beispielsweise Mario Andretti ganz weit hinten fährt und bei der nächsten Szene plötzlich vorne ist. Niki ist auch ein bisschen zu egozentrisch und zu «cocky», zumindest manchmal.

Sie wohnen in Südfrankreich, sind aber immer noch sehr viel unterwegs.

Fast mehr als früher.

Wo waren Sie an Weihnachten?

Wir blieben hier, beide Töchter kamen zu Besuch. Aber jetzt geht's wieder los.

Schon das erste Rennen?

Nein, ich ging zur Buchvorstellung von «Stars und Sportscars» von Marianne Fürstin zu Sayn-Wittgenstein in die Niederlassung von Mercedes in München. Die inzwischen 95-jährige Fotografin hat ein wunderschönes Werk über die Motorsportwelt der 50er, 60er und 70er Jahre herausgebracht. Eine wunderbare Frau.

Dann ist aber bereits wieder echtes Rennsport-Feeling angesagt.

Ende Januar bin ich als Grand Marshall bei den 24 Stunden von Daytona dabei. Darauf folgt das Daytona-500-Rennen der NASCAR. Ich kenne die NASCAR-Serie aus den 70er Jahren, das nimmt dir den Atem. Wenn die Motoren starten und aufbrüllen, da hast du eine zentimeterdicke Gänsehaut (schmunzelt). Ach, das ist so was von gut, es gibt nichts Besseres.

Sie haben auch mit 68 immer noch Benzin im Blut.

Es ist mehr ein ganz eigener Bereich des Empfindens.

Jetzt werden Sie philosophisch.

Mich faszinierte es nie, auf einer Geraden einfach möglichst schnell zu sein. Was mich aber begeistert, ist das Gefühl, wenn ich ganz allein bin und das Auto in einer bestimmten Weise bewege, es zum Beispiel im Drift fahre. Die Haptik eines klassischen Rennwagens reizt mich. Sauber und schön driftend durch eine Kurve, das ist wundervoll. Dazu bräuchte der Motor nicht allzu viel Kraft. Was sie allerdings im Überfluss haben, bis zu 600 PS.

War das immer so?

Was, die PS? Es waren 34 Käfer-PS, die schon was hermachten! Schon in meiner Jugend, als ich im Alter von 14 Jahren nächtens mit dem VW meiner Mutter auf Kopfsteinpflaster meine Pirouetten drehte.

Und die Rennerei?

Das war mir lange fremd. Aber mit der Zeit spürte ich mein Talent und dass man als Autorennfahrer etwas machte, das andere Leute für zu gefährlich hielten.

So hob man sich von der Masse ab.

Klar, das war schon ein wichtiger Grund, nicht nur für mich, sondern für alle Heroen der damaligen Zeit. Alle wussten, dass das ein gefährliches Treiben ist. Aber man wurde jemand, man erhob sich über die «Masse» der «normalen» Zeitgenossen.

Grosse Persönlichkeiten prägten denn auch die Formel 1 der 70er und 80er Jahre – heute geht alles mehr in Richtung Mainstream. 

Die Charakterköpfe waren damals ausgeprägter, schon wegen der Gefahr.

Es gab fast in jeder Saison zwei, drei oder vier schwere, oft tödliche Unfälle.

Damit musstest du leben. Wir redeten auch untereinander nicht darüber. Jeder hatte für sich im stillen Kämmerlein darüber nachgedacht und gehofft, dass nichts passiert. Aber es war kein öffentliches Thema. Wir alle lebten mit der Gefahr. Und dadurch war auch das Verhältnis der Rennfahrer untereinander respektvoller.

Sie haben mal gesagt, man mochte sich auch anders.

Man war darauf bedacht, dem anderen nicht wehzutun.

Gab es so etwas wie echte Männerfreundschaften?

Ich erinnere mich gern daran, wie ich mit Clay Regazzoni und den beiden Franzosen Jacques Laffite und Patrick Depailler öfter was unternommen habe. Wir haben beispielsweise auf den Virgin Islands oder Hawaii ein kleines Schiffchen (lacht) – klein, das heisst 32, 33 Fuss oder etwa 10 Meter lang – gechartert und hatten eine Menge Spass. Das war schon schön.

Sie als designierter Skipper.

Als ehemaliger Seemann fiel mir diese Rolle zu.

Ist es Nostalgie, die Sie heute an die Rennen und Veranstaltungen mit Klassikern führt?

Dieses ästhetische Empfinden des Fahrens ist immer noch da. Deshalb fahre ich auch gern mit Autos aus anderen Epochen. Ich freue mich wahnsinnig, diese Autos lenken zu dürfen.

Wo waren Sie 2014 unterwegs?

Wunderschön war der Grand Prix de Lyon 2014 in Frankreich mit Autos aus den 20er oder 30er Jahren – der 100. Geburtstag des Mercedes-Dreifachsiegs von 1914. Der Grand Prix von 1914 hatte wenige Wochen, bevor der Krieg ausbrach, stattgefunden. Peugeot hatte alle Hoffnung gehegt, die Deutschen zu schlagen. Aber durch die bessere Strategie von Mercedes waren sie es, die den Sieg davontrugen – die ersten drei Plätze gingen an die Stuttgarter. Wir hatten 2014 die Originalautos vor Ort in Lyon. Und jeder – egal ob Fahrer oder Zuschauer – war beeindruckt, wie schnell die Autos waren, damals wie heute mit Geschwindigkeiten von bis zu 190 km/h.

Ich bin auch ab und zu in meiner Karriere den legendären Blitzen-Benz gefahren, den Mercedes-Rekordwagen mit 200 PS, vier Zylindern und sagenhaften 21,8 Litern Hubraum. Oder die Simplex von 1902, 1903 und 1904 bei der London-Brighton-Fahrt. Ich fuhr einen «Autocar» von 1904, einen Zweizylinder mit einem 1,2-Liter-Motörchen. Aber die Simplex, das waren damals die ersten richtig guten Autos. Das ist einfach bewegend. Es waren Renner und Strassenautos, elegant wie die Damen, die sie manchmal fuhren. Manche von den Wagen sind seit fast 100 Jahren in der gleichen Familie. Wo gibt es das sonst noch?

Ihre Augen leuchten.

Mass: Es ist schlicht ergreifend. Bei den «Stars & Cars» von Mercedes in Stuttgart zum Beispiel fuhr ich einen Silberpfeil W25, danach den W125-Silberpfeil aus den 30er Jahren. Dann noch einen SSK von 1928 und einen Sir Stirling Moss, den Mille Miglia SLR, den Rekord-Siegerwagen von 1955, einfach toll. Wenn du ein solches Auto fährst, musst du dich in diese Epoche zurückversetzen, das Auto durch die Augen der Zeit sehen.

Wie unterscheidet sich die Philosophie der verschiedenen Hersteller?

Die Motoren der Italiener sind faszinierend, die gehen wie Samt. Einfach traumhaft schön und ästhetisch wunderbar.

Und die verspielten Franzosen …

 … die sich in ihren kleinen Motörchen verlieren und eine grosse, aber wunderschöne Karosserie drumherum bauen. Typisch französisch: Es muss nach etwas aussehen, mehr scheinen, als man ist. Das ist aber nicht negativ gemeint: Das sind hervorragende Ingenieure, die haben viel Mut und entwickeln Grosses. Bei den Deutschen musste alles gut funktionieren, und es musste Power haben und haltbar sein. Später kam dann immer mehr auch eine faszinierende Formgebung dazu. Es sind mit die schönsten Karosserien, die in den 30er Jahren entstanden. Mercedes-Benz in Sindelfingen, Saoutchik in Paris, Erdmann & Rossi in Deutschland und andere Kunstwerke aus Ateliers in ganz Europa.

Technisch hervorragende Autos bauten die Engländer.

Die Rolls-Royce waren super. Vielleicht die besten Autos ihrer Zeit in den Zwanzigern. Aber später schlichen sich Fehler ein. Und die Engländer sagten immer: «No problem, das kann man ja beheben.» Sie haben sich weniger Mühe gegeben, die Fehler auszumerzen oder etwas anderes zu bauen. Deshalb sieht man auch heute noch in England viele dieser kleinen Werkstätten, die alles können und machen.

Wir dürfen die Amerikaner nicht vergessen.

Die haben sich gesagt: Bremsen? Wozu? Wir haben ja genügend Platz … Spritverbrauch? Kein Thema. Aber für lange Strecken haben sie geräumige und kraftstrotzende Modelle entwickelt.

Ihr Traumfahrzeug?

Das klingt jetzt fast ein bisschen banal.

Nur zu.

Ich liebe meine Mercedes-S-Klasse, sie bietet viel Platz, hat einen super Fahrkomfort, und das Auto liegt sehr gut auf der Strasse. Hinzu kommt: Ich fahre einen TD 350 4matic, der sehr wenig Sprit braucht und auch im Schnee mehr kann als die meisten Geländewagen.

Und bei früheren Modellen?

SSK und natürlich der 300 SLR Mille Miglia Rennwagen von Stirling Moss / Dennis Jenkinson und Juan Manuel Fangio.

Ihr Höhepunkt in der vergangenen Saison?

Goodwood!

Das kommt wie aus der Pistole geschossen.

Das ist die herausragendste Veranstaltung im Klassikbereich. Es gibt keine bessere. Genial!

Was ist das Besondere an dieser Veranstaltung, bei der die Credit Suisse Partner ist?

Man fühlt sich in eine andere Zeit versetzt. Rennfahrer, Organisatoren und die meisten Zuschauer sind im Stil der 50er und 60er Jahre gekleidet. Während des Events haben alle Autos, die nach 1966 gebaut wurden, keinen Zugang mehr zum Renngelände. Diese Atmosphäre, diese Stimmung – das packt jeden.

Und womit waren Sie unterwegs?

Mit verschiedenen sensationellen Autos. Einer Cobra, einem Mustang, einem 300 SL Flügeltürer und einem Studebaker Gold Hawk. Die bleierne Gans, einfach toll (strahlt).

Weshalb gingen Sie in Monaco nicht an den Start?

Der Klassik-GP ist zurück – und er ist gut. Aber ich habe keine Lust, dort zu fahren, weil zu viele Leute auf der Strecke unterwegs sind, die wenig Erfahrung haben. Das Risiko, ein Auto kaputtzumachen, ist einfach zu gross. Zumal ich ja nicht mit meinen eigenen fahre, sondern mit sehr teuren Autos, die anderen gehören. Aber als Botschafter des Partners Credit Suisse versuche ich, den Gästen die faszinierende Welt der Oldtimer näherzubringen. Und bei ihnen ebenfalls Begeisterung auszulösen.

Zum ersten Mal gefahren sind Sie die 24-Stunden-Classic in Daytona.

Ein irres Rennen. Und sensationell waren die 24 Stunden von Le Mans. Daytona ist ein etwas fahrerfreundlicheres Rennen, und die Steilkurven sind atemberaubend für die Novizen. Einfach ein Muss!

Da fuhren Sie zusammen mit einem aussergewöhnlichen Kopiloten.

Brian Johnson von AC/DC. Brian fährt sehr gut. Nur ist er noch nie Porsche gefahren. Er kannte das Auto nicht, genauso wenig Le Mans. Nachts! Ausserdem goss es in Strömen, und unser Porsche hatte keine guten Lichter. Brian sah fast nichts und war ziemlich verloren. «Can you drive, Jochen, please …»

Zum 25. Mal nahmen Sie an der Mille Miglia teil.

Ich war mit einem 300-SL-Panamericana-Prototyp unterwegs. Ein sehr gutes, weil leichtes Rennfahrzeug. Dieses Mal war es der schnellste Wagen unter den Teilnehmern. Viele ältere Italiener haben immer noch das Original-Strassenrennen von Brescia nach Rom und zurück im Kopf. Die Begeisterung ist unglaublich. Junge und Alte hüpfen vor Freude, wenn du vorbeifährst. Kinder stehen am Strassenrand. Und nachts um 1.00 Uhr winken dir die Fans noch enthusiastisch zu.

In der Schweiz wäre das undenkbar.

Achtung! Ich war am Klassik-GP von Bern. Da machten die Zuschauer auch begeistert mit – und selbst die Polizei hatte ihre Freude.

Aber …

… etwas ärgerte mich ziemlich. Ich war mit meiner Frau in einem Hotel in der Nähe der Autobahn, hinter der Raststätte. Ich sagte zu ihr: «Komm, lass uns ein Glas Wein trinken.» Und da sagte mir die Kellnerin: «Tut mir leid, wir sind zu nah an der Autobahn, ich darf Ihnen keinen Alkohol ausschenken.» Das ist doch ein bisschen seltsam, oder? Als Hotelgäste.

Szenenwechsel. Sie nehmen auch an Schönheitskonkurrenzen teil.

Da verwechseln Sie etwas.

Sie sind doch Jurymitglied …

… ah, Sie meinen den Concours d'Elegance …

… ja, genau, im kalifornischen Pebble Beach. Was beeindruckte Sie da?

Mass: Alles! 30 Ferraris standen unter anderem zur Wahl in unserer Gruppe. Darunter ein unrestaurierter 250 Testa Rossa Scaglietti Spyder von 1957. Das Auto hatte noch nie einen Unfall, obwohl es erfolgreich an vielen Rennen eingesetzt wurde: Nürburgring, Targa Florio, Le Mans. Aber es ist die qualitative Menge der Top-Autos, die mich immer wieder packt – die allerschönsten Autos aus unserer relativ jungen Vergangenheit. Und alle werden gefahren, wunderbare Amerikaner und das Beste aus der Alten Welt, Europa.

Sie schwärmen von verrückten Rennen und aussergewöhnlichen Autos. Welche Rolle spielt da die Formel 1 noch?

Ich verfolge sie. Aber ich gehe nicht mehr zu den Rennen.

Weshalb?

Weil ich da nichts zu tun habe. Wenn ich noch kommentieren würde, wäre es etwas anderes.

Aber RTL hat Sie durch Christian Danner ersetzt.

Ich war in meinen Kommentaren zu kritisch. Dabei muss man die Leute vor dem Schirm doch unterhalten. Heute kann ich bei einem Formel-1-Rennen ja mit niemandem mehr reden, die haben alle keine Zeit. Und einfach auf dieser «Eitelkeitsmeile» im Fahrerlager rauf- und runterlaufen und ein bisschen Small Talk machen, ist nicht mein Ding.

Was macht ein Rennauto-Verrückter, wenn er keine Rennen fährt?

Dann fährt er mit dem Strassenauto zu all diesen Veranstaltungen.

Hat das Rennfahrer-Gen auch auf Ihre Kinder abgefärbt?

Ich habe sie nie in eine Rennfahrer-Karriere gedrängt, hätte sie aber auch nicht davon abgehalten. Die beiden Mädels haben andere Stärken: Sydne studiert in Boston, und Jessica hat den Master an der Bocconi-Universität in Mailand gemacht.

Und die beiden Buben Inness und Quintin?

Michael Schumacher nahm sie öfter mit auf die Kartbahn. Sie fuhren ganz gut. Aber heute ist der eine Skipper auf einer grossen Segelyacht. Und der andere ist von Kapstadt aus für Campari zuständig für ganz Afrika und den Nahen Osten bis nach Indien.

Die ganze Familie lebt weitverstreut.

Aber wir haben untereinander ein prima Verhältnis. Das ist wichtig, vielleicht das Wichtigste. Ich hatte nie einen grossen Freundeskreis – nur einige wenige Freunde, dafür aber gute. Ich suche und suchte nie die Menge. Dafür wächst die Zahl meiner Enkel. Das ist der Kreis, in dem ich mich wohlfühle!

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf der Credit Suisse Classic Car Webseite