J. M. W. Turner – Ein Mann von unternehmerischem Instinkt
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J. M. W. Turner – 
Ein Mann von unternehmerischem Instinkt

1856, exakt im Gründungsjahr der Credit Suisse, wurde die Gemäldesammlung von Joseph Mallord William Turner dem britischen Volk vermacht. Die National Gallery, langjährige Partnerin der Credit Suisse, erbte einige seiner berühmtesten Arbeiten. Turner war nicht nur einer der grössten Künstler, die Grossbritannien je hervorgebracht hat, sondern auch ein ausserordentlich begabter Geschäftsmann. Erfahren Sie mehr über den Künstler, dessen Geschäftssinn dem heutigen Unternehmergeist der Credit Suisse sehr ähnlich war.

Joseph Mallord William Turner wurde zu Lebzeiten gepriesen, aber auch scharf kritisiert, wie das bei Wegbereitern häufig der Fall ist. Sein Einfluss und Ruhm sind seit seinem Tod im Jahr 1851 immer weiter gewachsen. Der Turner Prize für wichtige zeitgenössische Kunst ist nach ihm benannt; sein Gemälde «The Fighting Temeraire» wurde 2005 zum beliebtesten Gemälde Grossbritanniens gewählt und sein Porträt wird die Rückseite des nächsten Zwanzig-Pfund-Scheins zieren. Turner wird zu Recht für seine kühne und innovative Verwendung von Farbe zur Erzeugung nie zuvor gesehener Licht- und Farbeffekte gepriesen, welche die seiner Zeitgenossen bei Weitem übertrafen und ihre Anziehungskraft bis heute nicht verloren haben.
Turner stammte aus bescheidenen Verhältnissen. Seine Erfolge verdankte er sowohl seiner Willenskraft als auch seiner angeborenen künstlerischen Genialität. «Mein einziges Geheimnis ist, dass ich verdammt hart arbeite», soll er einmal gesagt haben.

Turner wurde 1775 in Covent Garden in London geboren, damals ein raues, marodes Viertel voller Theater, Bars und Bordelle. Zeit seines Lebens wurde er von einigen seiner Kritiker für seinen Akzent verspottet. Als er ein kleiner Junge war, wurde seine Mutter in das Irrenhaus Bedlam eingewiesen. Sein Vater, ein Barbier und Perückenmacher, unterstützte stets die künstlerischen Bestrebungen Turners und stellte seine Zeichnungen in seinem Geschäft aus. Später agierte er als Assistent und Vertrauter seines Sohnes.

Wettbewerb war ihm nicht fremd

Turners erster künstlerischer Auftrag ergab sich, als er gerade mal zehn Jahre alt war: Er erhielt zwei Pence für das Kolorieren von Stichen englischer Landschaften. Mit 15 stellte er das erste Mal an der Royal Academy (RA) aus und wurde von ihr bereits im jungen Alter von 26 Jahren zum Vollmitglied gewählt. Im Jahr darauf stellte er an der Royal Academy «Calais Pier» aus. Das Gemälde ist insbesondere aufgrund seiner bravourösen Darstellung des aufgepeitschten Meeres von Bewegung, Dramatik und Spannung durchdrungen. Sturmwolken verdunkeln den Himmel, ein starker Wind wühlt das Meer auf und droht, die kleinen Schiffe ineinander zu schieben und die Matrosen in die wilde See zu schleudern. Turner dürfte eine ähnliche See bei einer Reise nach Calais erlebt haben. Zeitlebens sah er sich im Wettstreit mit seinen Zeitgenossen und mit anerkannten früheren Meistern. Er und John Constable, ebenfalls ein renommierter britischer Künstler dieser Zeit, waren erbitterte Rivalen, was sich auch 1833 bei einer grossen Kunstausstellung in London zeigte. Obwohl Turner nie verheimlichte, dass er von Malern früherer Generationen beeinflusst wurde, insbesondere von Claude Lorraine, so versuchte er doch immer, Werke zu schaffen, die deren Arbeiten übertrafen. Mit «Calais Pier» konkurrierte Turner erklärtermassen mit Werken von niederländischen Künstlern wie Willem van de Velde und Jacob van Ruisdael.

Calais Pier

Joseph Mallord William Turner
'Calais Pier, with French Poissards preparing for sea: an English Packet' (1803)

© The National Gallery, London

Eine eigene Galerie im Alter von 29 Jahren

Turner war im Laufe seiner Karriere sowohl finanziell als auch künstlerisch erfolgreich. Im Alter von 24 Jahren zog er in die vornehme Harley Street. Nach seiner Aufnahme in die Royal Academy entwarf und baute er hinter dem Haus eine Gemäldegalerie, in der er viele seiner berühmtesten Arbeiten verkaufte. Der Bau einer Privatgalerie im Alter von nur 29 Jahren zeugt von Turners Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen. Er investierte weiter in Immobilien in ganz London und Kent, darunter auch das Pub Ship and Bladebone in Wapping. Möglicherweise sah er von dort aus zum ersten Mal die Temeraire in der Abbruchwerft. In seinem Gemälde «The Fighting Temeraire» wird das heroische Schiff der Schlacht von Trafalgar seiner letzten Bestimmung zugeführt: der Zerlegung. Fast schon geisterhaft gleitet das Schiff über die Wasseroberfläche, gezogen von einem düsteren Schlepper. Der Himmel ist mit wundervollen Orange-, Gelb-, Rot- und Violetttönen durchzogen und bietet dem Schiff so ein natürliches Klagelied, das der Mensch ihm nicht geboten hat. Trotz seiner ästhetischen Kühnheit mit «The Fighting Temeraire», insbesondere bei den spektakulären Lichteffekten der Sonne und des Himmels, verlor Turner nie seinen unternehmerischen Instinkt. Er war dafür bekannt, eng mit einer Reihe von Verkäufern von Drucken und Graveuren zusammenzuarbeiten. Gemeinsam produzierten sie erfolgreiche und weitherum begehrte Drucke seiner Arbeiten. «The Fighting Temeraire» war keine Ausnahme und wurde viele Male aufgelegt.

The Fighting Temeraire

Joseph Mallord William Turner
'The Fighting Temeraire tugged to her last berth to be broken up' 1838 (1839)

© The National Gallery, London

Verbesserungen in letzter Minute

Turners Entschlossenheit, die Malerei sowohl inhaltlich als auch methodisch zu revolutionieren, war unerschöpflich, ebenso wie seine Zielstrebigkeit, überragende Kunstwerke zu schaffen. Damals erlaubte die Royal Academy den Künstlern, ihre Arbeiten in den fünf Tagen zwischen dem Aufhängen der Bilder und der Eröffnung der Ausstellungen noch ein bisschen «aufzupolieren». Turner und viele andere Künstler nutzten diese Zeit, um ihre Arbeiten im Verhältnis zur Ausstellungsumgebung zu verbessern. Turner versäumte nie eine Gelegenheit, während dieser Zeit an seinen Gemälden zu arbeiten und schien Gefallen daran zu finden, die Aufmerksamkeit auf seine Bemühungen zu ziehen. Der 64-jährige Künstler wurde von George Leslie, einem neunjährigen Jungen, dabei beobachtet, wie er «Rain, Steam, and Speed» den letzten Schliff verlieh. George erinnerte sich später: «Er verwendete recht kurze Pinsel und eine schmutzige Palette und stand sehr nah an dem Gemälde. Es schien, als ob er nicht nur mit seinen Händen, sondern auch mit seinen Augen und seiner Nase malte. Ab und zu redete er mit mir und wies auf den kleinen Hasen hin, der vor der Lokomotive um sein Leben rannte.» Turner zeigt hier nicht nur, dass auch der schnellste Hase nie mit einer Lokomotive wird konkurrieren können, er stellt auch seine Entschlossenheit unter Beweis, sein Gemälde bis zur letzten Minute zu verbessern. Der Zug bricht aus dem Sturm hervor, die Landschaft ist nur noch ein verschwommenes Etwas: der Inbegriff des Siegs des Menschen über die Natur.

Rain, Steam and Speed

Joseph Mallord William Turner
'Rain, Steam, and Speed – The Great Western Railway' (1844)

© The National Gallery, London

Zwischen Finanzen und Ästhetik

Wie oben beschrieben und aus vielen Beispielen ersichtlich, verlor Turner nie seinen Innovationswillen: weder bei seinen frühesten topografischen Aquarellen, noch bei seinen letzten Experimenten, die zeigten, wie sich Licht und Farbe auf Wahrnehmung und Bedeutung auswirken. Turner sah sich in einer Traditionslinie mit Künstlern wie Claude, Rembrandt, Poussin oder Canaletto und er strebte danach, ihre Leistungen und die seiner Zeitgenossen noch zu übertreffen. Er verstand den sowohl finanziellen als auch ästhetischen Wert seiner Arbeit und steigerte sein Einkommen mit Stichen. Er stammte zwar aus bescheidenen Verhältnissen, war aber bereits zu Lebenszeiten nicht nur als einer der grössten britischen Künstler anerkannt, sondern erzielte mit seinen Arbeiten auch erhebliche finanzielle Erträge. Energie, Selbstvertrauen und harte Arbeit durchdrangen alle Aspekte seines Werks. Sie trieben ihn dazu, herausragende Gemälde zu schaffen, ihnen verdankte er, dass ihm Anerkennung und Ehren zuteil wurden. Kaum verwunderlich daher, dass die National Gallery stolze Sachwalterin des Malers und Unternehmers J. M. W. Turner ist. Die Credit Suisse ihrerseits versteht sich als nicht minder stolze Partnerin einer Institution, die Arbeiten von Künstlern mit einem derart bemerkenswerten Unternehmergeist ihr eigen nennt.

Geschrieben von Matthew Morgan,
Kunsthistoriker und Lehrer für Erwachsenenbildung der National Gallery