Schweizer Frauenfussball: «Endlich ist Erntezeit»

Am 6. Juni beginnt die Fussball-WM der Frauen in Kanada. Ein Gespräch mit der ehemaligen Nationaltorhüterin Kathrin Lehmann, über die Chancen der Schweiz, ihre WM-Favoriten und Spielerinnen, die es besonders zu beachten gilt.

Michael Krobath: Erstmals nehmen die Schweizer Frauen an einer A-Weltmeisterschaft teil. Eine Überraschung?

Kathrin Lehmann: Keinesfalls. Schon bei der Qualifikation für die WM 2011 fehlte nur ganz wenig, als die Schweiz erst in der Barrage scheiterte. Nun ist endlich Erntezeit.

Inwiefern? 

Wir ernten die Früchte der hervorragenden Nachwuchsarbeit in den letzten Jahren. Wir profitierten von einer sehr talentierten Generation, die sich in den ausländischen Profi-Ligen durchgesetzt hat. Und wir haben mit Martina Voss-Tecklenburg eine Trainerin, die diese Ressourcen maximal bündeln kann.

Was zeichnet die Nationaltrainerin aus, die seit 2012 im Amt ist?

Sie war einst eine Weltklassespielerin und weiss, worauf es im internationalen Geschäft ankommt. Sie hat die Schweiz taktisch auf eine höhere Stufe gebracht, coacht sehr mutig und clever. Und das Team ist unter ihr zusammengewachsen. Die beiden Stars Ramona Bachmann und Lara Dickenmann haben Gefallen daran gefunden, die jüngeren Talente anzuführen und ins Spiel einzubeziehen.

Wie würden Sie die Spielkultur der Schweiz charakterisieren?

Frech, lustvoll, schlau. Das Team spielt kreativ nach vorne und es macht Spass, ihm zuzusehen. Körperlich gehören die Schweizerinnen nicht zu den Grössten, aber sie kompensieren dieses Manko mit schnellem Umschalten von der Defensive auf die Offensive und viel Cleverness bei stehenden Bällen. Auf einen Nenner gebracht könnte man sagen: Martina Voss-Tecklenburg hat den Spielerinnen beigebracht, Entscheidungen zu treffen und keine Angst vor Fehlern zu haben.

Liegen die Stärken eher in der Offensive?

Ja, aber das herausragende Torverhältnis von 53:1 in der WM-Qualifikation spricht auch für die Stabilität in der Defensive. An der WM wird es wichtig sein, dass Kapitän Caroline Abbé mutig vorangeht und das Spiel von hinten heraus gestaltet. Gut, dass sie mit ihrem Verein Bayern München eben die deutsche Meisterschaft gewonnen hat und mit viel Selbstvertrauen anreisen wird.

Die Stammtorhüterin Gaëlle Thalmann war ein halbes Jahr verletzt und ihr WM-Einsatz ist fraglich. Hat die Schweiz ein Goalie-Problem?

Gar nicht. Wer soviel Erfahrung hat wie sie, braucht wenig Spielpraxis. Und mit Stenia Michel vom Bundesligisten Jena steht ein valabler Ersatz zur Verfügung.

Vieles wird von den Leistungen der Stars Lara Dickenmann und Ramona Bachmann abhängen. Sie haben mit den beiden noch selbst zusammengespielt. Was macht sie so gut?

Lara bringt nichts aus der Ruhe. Man könnte sie auch morgens um zwei wecken und ihr sagen, sie müsse einen Elfmeter versenken, ansonsten gehe die Welt unter. Sie würde aufstehen, ihn versenken und wieder ins Bett gehen. Sie gehört zu den besten Spielmacherinnen Europas, verfügt über eine hervorragende Schusstechnik und hat sich zur Führungspersönlichkeit entwickelt.

Ramona Bachmann hat öffentlich erklärt, sie wolle die beste Spielerin der Welt werden. Ein Fall von Grössenwahn? 

Im Gegenteil. Ich finde es grossartig, dass sie zu ihrem Ehrgeiz steht. Es gibt im Frauenfussball kaum etwas Spektakuläreres, als Ramona zuzuschauen. Ihre Tricks und Tempo-Dribblings sind Weltklasse. Hat sie bloss eine oder zwei Gegenspielerinnen vor sich, dann scheint es ihr fast langweilig zu werden. Sie wird dank ihrer individuellen Klasse auch an der WM die wichtigen Tore machen.

An der WM trifft die Schweiz (Platz 19 auf der FIFA-Weltrangliste) auf Titelverteidiger Japan (Platz 4) sowie Ecuador (Platz 49) und Kamerun (Platz 51). Ein Kinderspiel?

Kein Kinderspiel, aber das Weiterkommen ist Pflicht. Ich freue mich besonders auf die Auftaktpartie gegen Japan, es könnte eines der attraktivsten Spiele der WM geben. Beide Teams verfügen über viel Spielwitz und Tempo. Die beiden anderen Gegnerinnen sind absolut schlagbar, aber Vorsicht vor Kamerun!

Weshalb?

Wie bei den Männern, spielen auch die Afrikanerinnen sehr athletisch und gehen knallhart in die Zweikämpfe. Da dürfen die Schweizerinnen nicht in Schönheit sterben, sondern sie müssen dagegenhalten. Besonders die grossgewachsenen Spielerinnen wie Caroline Abbé müssen ein Zeichen setzen.

Die WM findet auf Kunstrasen statt, dessen Qualität schlecht sein soll. Der Unmut ist gross und die deutsche Nationalspielerin Pauline Bremer meinte: «Das zeugt von fehlendem Respekt gegenüber uns Athletinnen». Einverstanden?

Ich kann verstehen, dass kritische Fragen betreffend der Qualität der Kunstrasen gestellt werden. Aber grundsätzlich sehe ich das nicht als Gender-Debatte. In Kanada gibt es nun mal diese Stadien mit Kunstrasen. Ausserdem spielen auch die Männer immer häufiger auf dieser Unterlage, sogar schon in der Champions League. Der Entscheid steht fest und es gilt sich damit abzufinden. Punkt.

Weltmeisterschaften leben immer auch von herausragenden Individualistinnen. Wen gilt es diesmal zu beachten?

Wie immer natürlich die fünfmalige Weltfussballerin Marta aus Brasilien. Überragend sind auch Amerikanerin Abby Wambach, die diesen Titel ebenfalls schon gewonnen hat sowie Christine Sinclair aus Kanada. Und last but not least: die bereits erwähnte Ramona Bachmann.

Welche Teams haben Sie im Kampf um den WM-Titel auf der Rechnung?

In den Halbfinals sehe ich Kanada, die USA, Japan und ein europäisches Team. Am ehesten Frankreich, das derzeit über eine goldene Spielergeneration verfügt und die Gunst der Stunde nutzen könnte.

Was ist mit dem zweifachen Weltmeister und aktuellen Europameister Deutschland?

Die habe ich nicht auf der Rechnung. In Deutschland zehrt man zu sehr von den Erfolgen der Vergangenheit. Man hat in der Ausbildung und im taktischen Bereich etwas den Anschluss verloren.

Wer ist Ihr Geheimfavorit?

Das Heimteam Kanada. Die Euphorie im Land ist riesig und ich traue ihm zu, dem Erwartungsdruck Stand zu halten. Ein anderes interessantes Team ist Neuseeland. Die haben einen ganz eigenen, sehr physischen Stil und einen fantastischen Teamspirit. Die sollte man sich unbedingt einmal anschauen.

Der WM-Titel geht an...

... jene Mannschaft, die den Ball am meisten am Boden hält. Deshalb tippe ich auf die Japanerinnen. Sie beherrschen den Flachpass in Perfektion.

Und was trauen Sie den Schweizerinnen zu?

Man wird uns sicher nicht mehr unterschätzen. Die Nati hat in der WM-Vorbereitung mit dem erstmaligen Sieg gegen die starken Schwedinnen ein Ausrufezeichen gesetzt. Sie ist der Weltspitze sehr nahe gerückt und kann an einem guten Tag jeden schlagen. Das Viertelfinale ist Pflicht.

Wie bitte? Sie meinten wohl das Achtelfinale.

Nein, nein. Die Schweiz hat grosses Potenzial und absolut das Zeug für das Viertelfinale. Alles andere ist Dreingabe.