Ist die Globalisierung erfolgreich oder naht ihr Ende?
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Ist die Globalisierung erfolgreich oder naht ihr Ende?

Eine neue Studie des Credit Suisse Research Institute untersucht die Zukunft der Globalisierung anhand von drei möglichen Szenarien: Fortsetzung der Globalisierung, Entwicklung einer multipolaren Welt und Ende der Globalisierung.

Globalisierung kann als zunehmende Interdependenz und Integration von Volkswirtschaften, Märkten, Ländern und Kulturen definiert werden. Sie hat sich in den vergangenen 20 Jahren zur stärksten wirtschaftlichen Kraft entwickelt. «Sie ist so umfassend in ihrer Wirkung und hat zu so vielen überraschenden Ergebnissen geführt – darunter die Herausbildung von Weltstädten, die Erfolge kleiner Staaten, die Zunahme des Wohlstands in den Schwellenländern, Emerging Consumers und sich rasch verändernde Verbrauchervorlieben – dass wir Gefahr laufen, sie als selbstverständlich zu betrachten», so Giles Keating, Vice Chairman Investment Strategy & Research und stellvertretender Global Chief Investment Officer im Private Banking & Wealth Management.

Zwei Wellen der Globalisierung

Die erste Welle der Globalisierung, die von den USA und Europa dominiert wurde, begann um das Jahr 1870. Der Handel florierte, beflügelt durch den Bau von Eisenbahnnetzen und die Eröffnung des Suezkanals. Es entstand eine Vielzahl multinationaler Investmentbanken. «Die erste Welle der Globalisierung baute auf den Errungenschaften der industriellen Revolution und dem Aufstieg der US-amerikanischen Wirtschaft auf», erläutert Stefano Natella, globaler Leiter Equity Research im Investment Banking. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 setzte dieser ersten Globalisierungswelle ein jähes Ende. Anfang der 1990er Jahre gewann die Globalisierung, beschleunigt durch den Zusammenbruch der kommunistischen Regimes in Osteuropa, die umfangreiche Liberalisierung des Handels und die zunehmenden Dynamik der chinesischen Wirtschaft, erneut an Dynamik. «Diese (zweite Welle) wurde von multinationalen US-Unternehmen, der Einführung des Euro, dem Wachstum der Finanzmärkte und der Entwicklung vieler Schwellenländer vorangetrieben», fügt er hinzu. Der Kurs der Globalisierung in den letzten Jahren ist weniger eindeutig. Dies führt zu Unsicherheit darüber, ob die Richtung, in die sich die Globalisierung letztendlich entwickeln wird, weitreichende Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben wird. Das Credit Suisse Research Institute untersucht in seiner kürzlich veröffentlichten Studie «The End of Globalization or a More Multipolar World?» («Das Ende der Globalisierung oder eine verstärkt multipolare Welt?») drei mögliche Szenarien.

Überschrift: Eine historische Betrachtung der Beiträge zum globalen BIP

Überschrift: Eine historische Betrachtung der Beiträge zum globalen BIP

Quellen: Angus Maddison Database, Credit Suisse

Szenario 1: Fortsetzung der Globalisierung

Das erste Szenario geht davon aus, dass sich die Globalisierung in der Form fortsetzt, in der wir sie in den letzten drei Jahrzehnten erlebt haben, mit einer Dominanz des US-Dollars auf den Devisenmärkten und einer weiteren Zunahme der Macht globaler multinationaler Unternehmen. Die Handelsaktivität würde weiter zunehmen und nur geringfügig durch protektionistische Massnahmen belastet werden. Die Internet-Wirtschaft würde länderübergreifend expandieren. Die Welt wäre in zunehmendem Masse durch «offenere Gesellschaften» gekennzeichnet, was die Ausbreitung der Demokratie begünstigen und eine Politik der offenen Tür für Zuwanderer schaffen würde. Dies könnte zu einer stärkeren Annäherung der globalen Lebensstandards führen.

Szenario 2: Entwicklung einer multipolaren Welt

Das zweite Szenario geht von der Entwicklung einer multipolaren Welt mit einer Weltwirtschaft aus, die auf drei Regionen basiert: Nord- und Südamerika, Europa sowie Asien, das seinen derzeitigen Aufstieg fortsetzen wird. Der Handel würde allgemein langsamer wachsen und stärker regional fokussiert sein. Dieser Trend könnte zu neuen regionalen Leitwährungen und regionalen Finanzzentren führen. Aus unternehmerischer Sicht könnten sich regional führende Unternehmen herausbilden, die in der Lage sind, die bestehenden globalen multinationalen Unternehmen zu verdrängen. Diese multipolare Welt könnte zu eine stärker verankerten «gelenkten Demokratie» und einer stärker regional basierten Rechtsstaatlichkeit führen. Eine multipolare Welt könnte zudem zu vermehrten Zuwanderungsbeschränkungen führen, in deren Rahmen eine selektive kompetenzbasierte Bewegung von Arbeitskräften sowie eine Binnenmigration vom Land in die Stadt gegenüber einer länderübergreifenden Migration bevorzugt wird.

Überschrift: Der Schwerpunkt der Weltwirtschaft verschiebt sich nach Osten

Überschrift: Der Schwerpunkt der Weltwirtschaft verschiebt sich nach Osten

Quellen: Hauptabteilung Wirtschaftliche und Soziale Angelegenheiten der Vereinten Nationen, IWF, Credit Suisse

Szenario 3: Das Ende der Globalisierung

Das dritte Szenario ist das pessimistischste. Es legt eine geringere Zusammenarbeit zwischen den Nationen zugrunde. Handelshemmnisse und Protektionismus würden in diesem Falle zunehmen und zu einem rückläufigen Wachstum führen, dessen Schwerpunkt auf Binnenwirtschaft und Binnenhandel liegt. Die Kapitalkosten würden steigen und es könnte zu Währungskriegen kommen. Aus unternehmerischer Sicht würden führende Unternehmen auf nationaler Ebene gegenüber multinationalen Unternehmen bevorzugt. Antiglobalisierungsbewegungen würden in diesem Szenario stärkeren Zulauf erhalten und der Übergang zur Demokratie in einigen Teilen der Welt könnte sich umkehren. Möglicherweise werden Migrationsströme unterbrochen und Armut und Bürgerkriege nehmen unter Umständen zu. Alle diese Faktoren können offene Konflikte auslösen, die letztendlich zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen den Grossmächten führen könnten. Die Hauptgefahren für die Globalisierung sind Verschuldung und Immigration. Eine ungleiche Vermögensverteilung, die Errichtung nicht tarifärer Handelshemmnisse sowie Handelssanktionen stellen weitere mögliche Risiken für die Globalisierung dar.

Überschrift: Zeitplan der Globalisierung

Überschrift: Zeitplan der Globalisierung


Gelbe
Punkte stehen für Globalisierungshemmnisse wie z. B. regionale bewaffnete Konflikte, zunehmende Verschuldung und/oder den marginalen Anstieg von Handelsbarrieren.
Orangefarbene Punkte stehen für intensivere Konflikte, starke Verschuldung und/oder einschränkende Handelsbarrieren.
Rote Punkte stehen für eine erhebliche Bedrohung der Globalisierung durch massive militärische Expansionen, nicht tragbare Schuldenpositionen und/oder Handelsbarrieren.

Quelle: Freedom House, Credit Suisse

Welches ist das wahrscheinlichste Szenario?

Welches dieser drei Szenarien ist nun das wahrscheinlichste? Der Aufstieg der Schwellenländer, die Finanz- und Wirtschaftskrise in den USA und Europa, die Schaffung neuer internationaler Institutionen wie der Asia Infrastructure Investment Bank sowie der Niedergang bestehender Institutionen deuten trotz der Verringerung geopolitischer Risiken auf eine komplexere, multipolare Welt hin. «Unserer Ansicht nach befindet sich die Welt derzeit in einem fliessenden Übergang von der vollständigen Globalisierung hin zu einer multipolaren Welt, der jedoch noch nicht vollständig abgeschlossen ist», so Natella. «Unternehmen versuchen weiterhin, ihre Waren grenzübergreifend zu verkaufen, sind jedoch weniger bereit zu internationalen Investitionen.» Am stärksten multipolar geprägt ist die Welt derzeit im Hinblick auf Handelsströme und Wirtschaftstätigkeit. Auf finanzieller Ebene ist die Welt zwar stark globalisiert, aber weniger multipolar strukturiert, da die USA die Finanzmärkte weiter dominieren.