Intuition wird völlig überschätzt
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Intuition wird völlig überschätzt

Was sollen wir mit unserem Geld tun? Aktiv bewirtschaften oder in Indexpapiere investieren? Ist Anlegen Glück oder Können? Und welche Entscheidungen sind wirklich wichtig? Michael Mauboussin weiss Rat.

Simon Brunner: Herr Mauboussin, sind wir Menschen überhaupt dazu geeignet, Geld anzulegen? 

Michael Mauboussin: Ich nenne es die traurigste Statistik des Investierens: In den letzten zehn Jahren ist der amerikanische Aktienindex S&P 500 um 7,7 Prozent gestiegen, doch der durchschnittliche Investor hat nur 5,3 Prozent Rendite erzielt. Diese Werte sind in allen Märkten der Welt ähnlich. Warum ist das so? Uns fehlt oftmals der emotional stabile Kiel, wir kaufen hoch und verkaufen tief.

Den allermeisten Investoren ist diese Gefahr bewusst, trotzdem fällt es unglaublich schwer, sich anders zu verhalten. Warum?

Wir wollen mehr vom Guten und weniger vom Schlechten. Wenn wir sehen, dass Menschen um uns herum viel Geld mit Aktien verdienen, wollen wir auch mitmachen. Doch Märkte funktionieren oft entgegen der Intuition: Wenn sie hochgehen, sinkt die zu erwartende Rendite, und wenn sie absinken, steigt die erwartbare Rendite – wenn sich sonst nichts ändert. Ein anderes, nur zu menschliches Phänomen ist, dass man Teil der Gruppe sein will. Das vermittelt uns ein Gefühl der Sicherheit. Aber im Investment-Kontext ist das nicht immer positiv. Wie sagt Warren Buffett? «You want to be greedy when others are fearful and fearful when others are greedy» («Man sollte gierig sein, wenn andere ängstlich sind, und ängstlich, wenn andere gierig sind»). Das sagt sich leicht, ist aber schwer umzusetzen.

Was bedeutet das für Privatanleger?

Für die Leute, die sich nicht lange damit aufhalten wollen, was sie mit ihrem Ersparten tun sollen, sind Indexpapiere eine gute Sache. Sie bilden einen ganzen Markt oder eine ganze Industrie ab und sollten breit diversifiziert sein. Alle anderen können sich darüber freuen, dass Märkte nicht immer die Realität widerspiegeln, vor allem in Extremsituationen nicht, und in diesen Situationen gibt es gute Gelegenheiten, Geld erfolgreich anzulegen. Ein Beispiel war das erste Quartal 2009, als die Kurse runtergezogen wurden, weil die Investoren das Schlimmste befürchteten.

Im Nachhinein lässt sich das leicht sagen, aber eine vielzitierte Börsenregel lautet: «Greife nie in ein fallendes Messer.»

Fallende Kurse alleine reichen natürlich nicht, es kann sich schlicht um eine Kurskorrektur handeln. Doch 2009 war ziemlich offensichtlich, dass einige Firmen unterbewertet waren. Viele Beobachter schrieben das – ich selbst auch.

Wenn ich als privater Investor mein Vermögen aktiv verwalten will, wie soll ich also vorgehen?

Wenn Sie Ihr Geld selber managen wollen, würde ich folgendermassen vorgehen. Erstens, analysieren Sie den Kurs einer Aktie: Was sind die Erwartungen an die Zukunft? Was wird vom Umsatz, Betriebsgewinn und vom Investitionsbedarf in den nächsten Jahren erwartet? 

Man will Teil der Gruppe sein. Das ist nicht immer positiv.

Und dann?

Zweitens, finden Sie heraus, ob die Firma strategisch und finanziell eher besser oder schlechter abschneiden wird, als erwartet wird. Drittens, kaufen oder verkaufen Sie. Diese drei Schritte sind aufwendig. Um das richtig zu machen, muss man motiviert sein. Aber die Werkzeuge dazu stehen zur Verfügung.

Welche Kennzahlen schauen Sie an, um die Aktien mit tiefen Erwartungen zu finden?

Es gibt verschiedene: Ein tiefes Kurs-Buchwert- oder Kurs-Gewinn-Verhältnis sind gute Indikatoren. Mit solchen Aktien hat man historisch gesehen zumindest längerfristig gute Chancen auf einen hohen Ertrag.

Investiere ich mein Geld, trete ich gegen Millionen andere Investoren an, die ähnliche Überlegungen anstellen. Dementsprechend reflektiert der Kurs eines Wertpapiers die Meinung von unzähligen Menschen...

...Was nicht heisst, dass sie stimmt!

Ich kann es besser machen?

Unter Umständen ja. Aber dazu muss ich eben verstehen, welche Erwartungen in ein Wertpapier eingepreist sind. Dann kann ich abschätzen, ob der Markt zu optimistisch oder zu pessimistisch ist.

Befolgen Sie eigentlich Ihre eigenen Regeln?

Ich habe ein breit diversifiziertes Portfolio mit vielen «billigen» Fonds, also solchen mit tiefen Verwaltungsgebühren. Aktiv handle ich äusserst selten.

Wenn wir vor allem in Indexfonds und langfristig anlegen sollen, dann brauchen wir doch keine Bank mehr?

Mit einer Bank zusammenzuarbeiten, lohnt sich für die meisten von uns: Wie finden Sie die richtigen Fonds? Wie stellen Sie die Diversifizierung richtig ein? Und letztlich, wie kaufen und verkaufen Sie? Ich denke, die meisten von uns – ich inklusive – haben weder Zeit noch Lust, uns täglich um das Portfolio zu kümmern. Dann muss man sich fragen, wer das für einen tun soll. Ein Banker, dem man vertraut, kann eine gute Lösung sein für diese sensitive Aufgabe. 

Jedermann kann heute fast wie ein Profi anlegen.

Verstehen wir Sie richtig: Beim Investieren geht es darum, menschliche Impulse zu zähmen, die uns aber evolutionäre Vorteile gebracht haben – sonst hätten wir sie ja nicht?

Genau – sie bringen uns beim Investieren nicht weiter. Beispiel Optimismus: Die Mehrheit der Unternehmer muss längerfristig aufgeben. Ihre positive Grundhaltung lässt sie dieses Faktum ausblenden, sonst würden sie wohl nie eine Firma gründen. Beim Investieren kann Optimismus aber gefährlich sein, hier gibt es nichts auszublenden. Was ich sagen will: Unser Geist ist nicht fürs Anlegen gemacht, das sollte uns bewusst sein. Dann können wir damit umgehen.

Die Wirtschaftstheorie beschreibt den Menschen als reinen Nutzenmaximierer – zu Recht?

Für eine normative Theorie passt dieses Menschenbild: Wenn es darum geht, wie wir uns verhalten sollten, macht es Sinn, vom erwartbaren Nutzen einer Handlung auszugehen.

Und in der Realität?

Da entsprechen unsere Handlungen nicht wirklich diesen Erwartungen. Ein Beispiel ist unsere Aversion gegen Verluste. Die Menschen fürchten sich etwa doppelt so stark davor, Geld zu verlieren, als dass sie sich über Gewinne freuen. Aus evolutionstheoretischer Sicht macht das Sinn: Ist die Nahrungsmittelsituation prekär, hat jeder weitere Verlust katastrophale Folgen. Beim Anlegen kann das aber falsch sein: Man hält ein Wertpapier zu lange, weil man die Verluste nicht realisieren will, oder man verkauft einen Gewinner zu schnell. Ein anderes Beispiel ist der «Haushaltsgeld»-Effekt: Man geht ins Casino und bildet zwei Stapel Chips: einen mit dem mitgebrachten, einen mit dem gewonnenen Geld. Man überprüft ständig das «Haushaltsgeld» – doch für das Spiel bringt das keinen Vorteil, da ist ein grosser Stapel einfach besser als ein kleiner.

Ihr jüngstes Buch handelt von Glück und Können. Was ist das eigentlich, Glück?

Mir gefällt die einfache Definition am besten: Was in deiner Macht ist, ist Können, was ausserhalb steht, ist Glück. Je nach Aufgabe hat Glück eine grössere oder weniger grosse Rolle. Wir haben die beiden Begriffe auf ein Kontinuum gestellt, wo Glück links und Können rechts steht. Zu den Tätigkeiten links gehören Lotto oder Roulette, rechts ist Schach oder Basketball. Anlegen ist eher links.

Investieren ist Glückssache?

Zu einem grossen Teil, ja. Um das zu verstehen, ist es wichtig, zwischen absolutem und relativem Können zu unterscheiden. Beim Anlegen ist das absolute Fähigkeitsniveau sehr hoch: Uns steht viel Rechenleistung zur Verfügung, wir besitzen sehr viele Informationen und können auf weit fortgeschrittene Investment-Theorien zurückgreifen. Schaut man sich das relative Können an, muss man konstatieren, dass zwischen den durchschnittlichen und den besten Investoren kein enormer Unterschied mehr besteht, jedermann kann heute fast wie ein Profi anlegen. Eine solche Situation nennt man «Paradox des Könnens»: Das Niveau ist sehr hoch und das Können ist gleichmässig verteilt. In dieser Lage spielt das Glück eine grosse Rolle.

Was bedeutet das fürs Anlegen?

Damit man dem Glück weniger ausgeliefert ist, sind Anlagedisziplin, Diversifizierung und der langfristige Horizont sehr wichtig.

Zumindest für Laien liegt zwischen Glück und Können noch die Intuition. Welche Rolle hat sie?

Das ist eine schwierige Sache. Ich persönlich finde, Intuition ist völlig überschätzt. Wenn man sich gut auskennt in einem Gebiet und dieses immer gleich und linear funktioniert, kann man die Intuition vielleicht brauchen. Beispiel Schach: Wenn man einen Grossmeister bittet, eine Spielsituation zu analysieren, kann er relativ schnell sagen, wer vorne liegt und was ein guter nächster Zug ist. Er oder sie hat Millionen von Situationen analysiert, das Brett ist immer gleich gross und die Bewegungen der Figuren sind vorgegeben. Ist das Umfeld aber instabil und nicht linear – wie meist im Leben –, funktioniert sie gar nicht gut.

Viele grosse Ideen waren spontane Eingebungen!

Vielleicht gibt es tatsächlich den Typen, der beim Duschen die 10-Milliarden-Dollar-Idee hatte. Aber es gibt ungleich viel mehr Menschen, die bei der morgendlichen Pflege eine Idee hatten, und daraus wurde gar nichts. Die meisten 10-Milliarden-Dollar-Ideen entstanden sicher nicht im Bad.

Kommen wir zum Sport, Ihrer zweiten Leidenschaft. Sie behaupten, beim Eishockey spiele das Glück eine weit grössere Rolle als beim Fussball.

Bevor ich das erkläre: Ich bin grosser Eishockey-Fan und spiele selber gern. Aber: Die Eishockey-Spieler berühren das Spielgerät, den Puck, viel weniger oft als die Fussballer den Ball. Die besten Spieler haben weniger Eiszeit, sie fallen also weniger ins Gewicht als Fussballstars. Und bei der nordamerikanischen Eishockey-Liga NHL liegen die Teams in der Schlussrangliste näher beieinander als die Fussballmannschaften in der englischen Premier League. Es gibt also in der NHL auch ein «Paradox des Könnens». Bei einer Fussball-Weltmeisterschaft ist es allerdings anders, dort gibt es viel weniger Partien – da wird das Glück wichtiger.

Sie haben auch die Karrieren von grossen Tennisspielern analysiert – holt Roger Federer einen weiteren Grand-Slam-Titel?

Ich bin klar der Meinung, Federer sei der beste Tennisspieler aller Zeiten, dazu gibt es genügend Daten. 17 Grand-Slam-Titel etwa sind eine unglaubliche Zahl. Aus verschiedenen Gründen glaube ich nicht, dass ein anderer Mensch das je erreichen wird. Noch mit 30 Jahren gewann Roger Wimbledon – ein Turnier auf einer schnellen Unterlage. Und trotz allem: Ich sage Nein, es ist sehr unwahrscheinlich, dass ein weiterer Grand-Slam-Titel hinzukommt.

Warum?

Er ist nun 34-jährig. Das Problem mit dem Alter ist, dass das ganze System etwas langsamer wird. Die Hand-Augen-Koordination, die Muskeln usw. Auf diesem Niveau macht das einen grossen Unterschied, speziell im Tennis, wo das Können eine grosse Rolle spielt. Es wird ihm nicht mehr reichen. 

Ganz einfach, ich mache das, was meine Frau sagt.

Sie sind eine Art professioneller Entscheider. Wie gehen Sie eigentlich im Alltag vor? Wie wählen Sie die Feriendestination aus, das Restaurant, das Hemd am Morgen?

Ganz einfach, ich mache immer, was meine Frau mir sagt. Scherz beiseite, es hilft unglaublich, wenn man Entscheidungen nach ihren möglichen Konsequenzen priorisiert. Im Café will ich nicht Stunden damit vergeuden, mich zwischen einem «Frappuccino Caramel Cocoa Cluster» und einem «Cotton Candy» zu entscheiden. Ich nehme einen, schmeckt er nicht, nehme ich das nächste Mal den anderen. Sogar der Entscheid, welches Auto ich kaufe, ist auf unser Leben gesehen wohl nicht wirklich wichtig. Sieht man es so an, gibt es im ganzen Leben nur eine Handvoll wirklich wichtiger Weggabelungen. Ich denke an die Hochzeit oder den Kauf eines Hauses. Bei diesen Entscheiden investiere ich viel Zeit. Bei allen anderen rate ich: Ja nicht zu fest in die Details gehen.

Sie haben fünf Kinder. Eine bewusste Entscheidung?

Okay, Sie haben mich erwischt: Das war eine grosse Entscheidung, die wir nicht bis ins letzte Detail durchdachten. Wir wollten immer viele Kinder, doch meine Frau war bei den letzten zwei bis drei enthusiastischer als ich.

Zuletzt: Wie viel Glück hatten Sie im Leben?

Sehr viel. Ich traf viele Menschen, die mich stark unterstützten. Für meine erste Arbeitsstelle musste ich sieben Bewerbungsgespräche führen. Die Mehrzahl der Interviewer sprach sich gegen mich aus, doch mit dem ranghöchsten hatte ich über Football gesprochen. Ich hatte entdeckt, dass auf seinem Abfalleimer das Wappen seines Teams klebte, und sprach ihn darauf an. Er überstimmte alle.

Ist das wirklich Glück? Sie hätten sich vermutlich auch anderswo durchgesetzt.

Bei der Arbeit braucht es beides, Glück und Fähigkeiten. Ich hätte wohl in den meisten Szenarien eine einigermassen gute Karriere hingelegt, aber vielleicht wäre sie nicht dermassen gut herausgekommen.

Wo würden Sie sich denn selber auf dem Glück-Fähigkeiten-Kontinuum einordnen?

Bitte fragen Sie das nicht – ich fürchte mich vor der Antwort.