«Zustand der Verwirrung»
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«Zustand der Verwirrung»

Obwohl wir permanent online verbunden sind, verlieren wir die Fähigkeit, miteinander zu reden, sagt Soziologin Sherry Turkle. Sie war eine der ersten Forscherinnen, die die Digitalkultur untersuchten. Heute sieht sie die Auswirkungen der steigenden Vernetzung kritisch. 

Frau Turkle, das Jugendbarometer zeigt, dass sich die Mehrheit der 16- bis 25-Jährigen in den USA ihrer Online-Community enger verbunden fühlt als etwa der US-Gesellschaft oder religiösen Gruppen. Wie kommt das?

Sherry Turkle: Das ist eine natürliche und durchaus positive Folge davon, dass man via soziale Medien Kontakt halten kann, wenn man andere Verbindungsarten verkümmern lässt. Aus meiner Sicht sollten wir soziale Medien aber in erster Linie dazu nutzen, die Begegnungen von Angesicht zu Angesicht aufzuwerten.

Warum?

Manche Leute nehmen fälschlicherweise an, dass der Austausch in sozialen Medien die gleiche emotionale und gesellschaftliche Qualität hat wie tatsächliche Begegnungen. Das birgt Risiken. Leuten, die wir nur online kennen, bringen wir nicht das gleiche Commitment und Verantwortungsgefühl entgegen. Man kann sich einer Gruppe zugehörig fühlen, ihre Ansichten teilen und stolz sein, dass man dazugehört – und sich trotzdem nicht für die anderen Mitglieder verantwortlich fühlen.

In allen Ländern – ausser in Brasilien – sagen die Befragten, sie seien für ihre Online-Sicherheit selber verantwortlich. Sind sie verantwortungsbewusster, als man es ihnen zutraut?

Die Jugendlichen wissen zu Recht, dass sie verantwortlich sind, da sonst keiner auf sie aufpasst oder diese Verantwortung übernimmt. Das heisst aber noch lange nicht, dass die Befragten verantwortungsbewusst handeln. Wir wissen, dass sie es oft nicht tun. Autofahrer beispielsweise können sagen, dass sie beim Fahren nicht simsen sollten, sodass also nicht der Autohersteller dafür verantwortlich ist, ihr Handy automatisch zu sperren. Das heisst aber nicht, dass die Fahrer verantwortungsbewusst handeln und beim Fahren auch tatsächlich nicht simsen.

Sie waren eine der ersten Wissenschafterinnen im Bereich computervermittelter Kommunikation und waren begeistert von der Vernetzung.

In den letzten Jahren sind Sie viel kritischer geworden. Was ist passiert? Eine Entwicklung im Besonderen hat mein Denken beeinflusst. Früher setzten wir uns an den Computer, wenn wir für eine gewisse Zeit online sein wollten. Jetzt haben wir Handys, die immer eingeschaltet sind und die wir immer auf uns tragen. Wir sind im Grunde genommen permanent online. Wir teilen ununterbrochen unsere Aufmerksamkeit zwischen den Menschen auf, die wir per Handy erreichen können, und den Leuten, mit welchen wir im gleichen Moment zusammen sind. Wir befinden uns in einem Zustand der Aufmerksamkeitsverwirrung.

Welche Auswirkungen dieser «Aufmerksamkeitsverwirrung» bereiten Ihnen am meisten Bauchschmerzen?

Wo fange ich an? Unsere Mobiltelefone unterbrechen uns ständig. Sie beeinträchtigen dadurch unsere Fähigkeit, alleine zu sein. Aber wir müssen zwischendurch alleine sein. In der Einsamkeit finden wir uns selbst, dort bereiten wir uns darauf vor, in Gesprä-chen mit anderen Menschen wirklich wahrzunehmen, wer sie sind. Nicht nur, wie wir sie gerne hätten oder bräuchten.

Wir befinden uns in einem Zustand der Aufmerksamkeitsverwirrung.

Sherry Turkle 

Die meisten Befragten geben im Jugendbarometer an, neben der Schule oder dem Job noch zwei Stunden und mehr online zu sein pro Tag: Sie wollen nicht allein sein!

Die Fähigkeit zum Alleinsein ist grundlegend für die Fähigkeit zur Empathie. Wir müssen mit uns selbst zufrieden sein, um hören zu können, was andere Leute sagen. Alleinsein ist ausserdem wichtig, um eine Grundlage für Selbstbesinnung zu schaffen. Wenn wir lernen, anderen zuzuhören, lehrt uns das, uns selbst zuzuhören. Unsere Gespräche mit anderen Menschen fördern die Selbstreflexion – also Auseinandersetzung mit uns selbst –, die der Grundstein für unsere Entwicklung ist und die sich während des ganzen Lebens fortsetzt.

Und diese Entwicklung wird von den mobilen Geräten gestört?

Unbedingt. Wir sind so weit, dass wir das Leben als einen permanenten «Feed» verstehen, einen Fluss an Informationen, SMS, E-Mails, Chats, Fotos, Videos, Facebook-Posts, Tweets, Instagrams. Wir ertragen das Alleinsein immer weniger. Untersuchungen zeigen: Menschen halten es nicht einmal sechs Minuten alleine mit ihren Gedanken aus. Dann wird ihnen unwohl. Bei einem Experiment vor zwei Jahren wurden College-Studenten dazu angehalten, 15 Minuten lang alleine dazusitzen, ohne ihr Handy. Die Teilnehmer wurden vor Beginn des Experiments gefragt, ob sie sich jemals Stromstösse verpassen würden, um Langeweile zu unterbrechen. Auf gar keinen Fall, sagten alle, sie würden sogar Geld bezahlen, um Elektroschocks zu verhindern. Aber in dem kurzen Zeitraum alleine mit ihren Gedanken und ohne Mobiltelefon verabreichten sich 67 Prozent der männlichen und 25 Prozent der weiblichen Studenten doch Elektroschocks, anstatt kurz mit ihren Gedanken alleine zu sein.

Hat Sie der Ausgang des Experiments überrascht?

Nicht wirklich. Man muss sich nur Menschen ansehen, die alleine in der Schlange an der Supermarktkasse stehen oder im Auto vor einer roten Ampel sitzen. Sie geraten fast in Panik und holen ein Gerät aus der Tasche. Und dort beginnt das Problem: Wenn wir uns selbst keine Beachtung schenken, fällt es uns schwer, anderen Menschen Beachtung zu schenken.

Ist das bei Jugendlichen besonders ausgeprägt, da sie mit digitalen Geräten aufgewachsen sind?

Digitale Geräte wirken auf Jugendliche nicht anders als auf uns alle. Die Beachtungskrise hat zu einer Empathiekrise geführt.

Aber haben Jugendliche nicht eine andere Beziehung zu digitalen Geräten?

Halbwüchsige sind möglicherweise eine spezielle Kategorie, da sie mit der Technologie aufgewachsen sind. Sie kennen keine Welt ohne diese Technologie. Aber alle sind abgelenkt, das Alter ist ziemlich egal: Studenten simsen während des Unterrichts, Eltern simsen beim Abendessen mit der Familie oder während sie mit den Kindern im Park sind. Die Kinder wiederum simsen einander lieber, anstatt dass sie miteinander reden oder in den Himmel starren und Tagträumen nachhängen. Wir wollen zwar mit anderen Menschen zusammen sein, aber gleichzeitig per Handy mit anderen Menschen und Orten verbunden sein. Mittlerweile ist die Kontrolle, wem oder was wir unsere Beachtung schenken unser höchstes Gut.

Welche grundsätzlich neuen Verhaltensweisen entstehen denn dadurch?

Ein Beispiel: Selbst die Präsenz eines Smartphones verändert die Atmosphäre. Es ist bedenklich, wenn neue Untersuchungen ergeben, dass sogar ein auf dem Tisch liegendes Handy den Gesprächsstoff beeinflusst. Sogar wenn es ausgeschaltet ist. Es führt dazu, dass wir uns über seichtere Themen unterhalten und weniger einfühlsame Beziehungen mit anderen Menschen knüpfen. Es überrascht also nicht, dass wir in den letzten 30 Jahren bei College-Studenten einen Rückgang ihrer Empathie um 40 Prozent festgestellt haben. Die Forscher bringen die rückläufige Entwicklung mit dem Aufkommen digitaler Kommunikation in Verbindung.

Wie schaffen Geräte es, solch fundamentale Auswirkungen auf den Menschen zu haben?

Unsere Smartphones geben uns drei Versprechen. Erstens, dass wir unsere Aufmerksamkeit dorthin lenken können, wo immer wir sie hinlenken wollen. Zweitens, dass wir nie allein sein müssen. Und dass wir drittens immer gehört werden. Aber wie gesagt, wenn wir unsere Aufmerksamkeit überallhin lenken können, beachten wir einander nicht mehr. Die Fähigkeit zum Alleinsein ist wichtig, um die Fähigkeit zur Selbstreflexion und Empathie entwickeln zu können. Wir sind aber so darauf fokussiert, gehört zu werden, dass es uns zunehmend schwerfällt, anderen zuzuhören.

In der Küche und im Esszimmer bleibt das Smartphone ausgeschaltet. 

Sherry Turkle 

Wie bringt man Kindern das Alleinsein bei?

Indem man mit ihnen «alleine» ist. Früher gingen die Eltern mit dem Kind in der stillen Natur spazieren. Irgendwann lernt das Kind, sich alleine in der Natur wohlzufühlen. Heute ist meist das Handy dabei. Kinder erfahren nicht, wie es ist, alleine mit einem Elternteil zu sein, geschweige denn mit einem stillen Elternteil, der dem Kind den Respekt für stille Reflexion vorlebt. Ich befrage so viele Kinder, die mir erzählen, dass sie kein einziges Mal mit der Mutter oder dem Vater einen Spaziergang gemacht hätten, ohne dass diese ihr Handy dabei gehabt hätten und dieses das Gespräch unterwegs unterbrach.

Wie sieht das bei Ihnen zu Hause aus? Welche Regeln gab es für Ihre Tochter?

Die gleichen, die ich jedem ans Herz lege. In der Küche und im Esszimmer bleibt das Smartphone ausgeschaltet in der Tasche. Andersrum gesagt: kein Smartphone während des Essens. Oder auch nicht im Auto. Diese Orte sollte jeder für Gespräche nutzen.

Gibt es noch andere Regeln?

Das Durchschnittsalter, in dem Kinder ihr erstes Handy bekommen, sinkt laufend und liegt in Amerika bei zehn Jahren. Kinder unter dreizehn Jahren sollten nachts nie das Handy in ihr Zimmer nehmen. Die Versuchung, wenn man mitten in der Nacht aufwacht, zu simsen, ist enorm. Danach schlafen Kinder nur schwer wieder ein. Der grösste Gefallen, den jeder seiner Familie tun kann? Jedem einen altmodischen Wecker schenken.

Was halten Sie von Handy-Verweigerern?

Ich sage nicht, dass wir vor unseren Geräten davonrennen sollen. Ich plädiere für eine selbstkritische Beziehung dazu. Ich bin optimistisch, weil wir widerstandsfähig sind. Nur wenige bildschirmfreie Tage reichen und Kinder lernen wieder, die Gefühle anderer zu identifizieren, also empathisch zu sein.

Aus der Technologie-Optimistin ist also nicht die -Pessimistin geworden?

Ich bin nicht gegen Technologie, sondern für Gespräche. Das Gespräch und die Begegnung sind die Grundlage des menschlichen Seins. Also: Einfach öfter mal einander anschauen und ein Gespräch beginnen.