«Auch als SVPler bin ich Europäer»
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«Auch als SVPler bin ich Europäer»

Jürg Stahl, der neue höchste Schweizer, über seine Sorgen, das Verhältnis zu Europa und seinen Wunsch für das Jahr als Nationalratspräsident: «mehr Gelassenheit».

Simon Brunner/Oliver Heer: Die Schweizerinnen und Schweizer sorgen sich um Arbeitslosigkeit, Ausländer, Altersvorsorge. Wo orten Sie persönlich die wichtigsten Probleme des Landes?

Jürg Stahl: Diese Rangliste deckt sich mit meiner eigenen Problemwahrnehmung. Dass die Arbeitslosigkeit so weit vorn liegt, deute ich so, dass den Menschen bewusst ist, wie wichtig eine starke, stabile Wirtschaft als Motor der Schweiz ist. Die Reform der Altersvorsorge sehe ich persönlich als die grösste Herausforderung.

Sorgen um Ausländerinnen und Ausländer oder um Flüchtlinge und das Thema Asyl haben eher abgenommen – hat sich das Zusammenleben normalisiert?

Wenn Sie die zwei Sorgen zusammenzählen, würde das Thema einsam an der Spitze liegen, sogar wenn Sie noch etwas abziehen, weil viele Befragte beide Themen genannt haben. Doch die Abnahme ist natürlich positiv: Sie bedeutet, dass man das Thema in der Politik ernster nimmt als auch schon. Generell hat man das Gefühl, Bern mache es nicht ganz so schlecht: Die meisten Sorgen haben abgenommen. Und das Vertrauen in Bundes-, National- und Ständerat ist sehr hoch.

Die Reform der Altersvorsorge sehe ich persönlich als die grösste Herausforderung.

Jürg Stahl

Vor allem in ländlichen Gebieten sehen nach wie vor viele Befragte (41 Prozent) das Ausländer-Thema als eine Hauptsorge an, viel mehr als in der Agglomeration (35 Prozent) und in städtischen Gebieten (33 Prozent). Warum?

Ich lebte 40 Jahre in einer Stadt, in Winterthur. In meiner Primarklasse gab es zehn Italiener, zwei Türken und ein Mädchen aus dem damaligen Jugoslawien neben gerade mal sieben Schweizern. Für mich sind fremde Kulturen nichts Aussergewöhnliches. Seit acht Jahren wohne ich nun sehr ländlich in Brütten ZH, einem 1900-Seelen-Dorf: Wenn wir fünf Asylsuchende haben, fällt das sofort auf. Die Menschen reagieren anders als in der Stadt. Das unmittelbare Umfeld prägt einen – so tickt der Mensch nun einmal.

Schweizer sind stolz auf alle Teile des politischen Systems der Schweiz

In letzter Zeit sprach man zuweilen von zwei «Schweizen» – einer eher ländlichen und einer städtischen. Sehen Sie das auch so?

Je nach Wetterlage gibt es einen Röstigraben, einen Polentagraben, einen Graben zwischen Arm und Reich, Mann und Frau oder einen zwischen Stadt und Land – es scheint mir, dass das eher Modeerscheinungen sind. Klar, man identifiziert sich mit der eigenen Scholle und regt sich auch mal über die anderen auf oder beneidet sie. Doch etwas Wettbewerb ist gesund, die Vielfalt macht die Schweiz aus. Und wenn die Nati gewinnt, freuen wir uns alle.

Entgegen der Erwartung gehört Terrorismus nur für 14 Prozent der Befragten zu den grössten Sorgen. Wie können Sie das erklären?

Nach den Terroranschlägen von 9/11 nahm die entsprechende Sorge von 1 Prozent auf 27 Prozent zu. Aber ohne das Problem kleinreden zu wollen: Man fühlt sich anscheinend sicherer in der Schweiz.

Und wenn die Nati gewinnt, freuen wir uns alle.

Jürg Stahl

Gefragt, wie das künftige Verhältnis der Schweiz zur EU aussehen soll, sagen 67 Prozent, sie wollen die Bilateralen fortsetzen. Letztes Jahr waren es erst 47 Prozent. Wie deuten Sie das?

Ich sehe vor allem, dass nur für 2 Prozent der EU-Beitritt die erste Priorität ist. Das freut mich! Zurzeit wird viel über die Verträglichkeit der Masseneinwanderungsinitiative mit den Bilateralen gesprochen – doch auch ich als SVPler bin Europäer. Wir müssen die Beziehung zu unseren Nachbarn klären, das steht ausser Frage. Ich lese das Resultat so: Man wünscht sich, dass die Politiker sich zusammenraufen und die Aufgabe angehen. Das finde ich einen guten Auftrag.

Die fünf wichtigsten wirtschaftlichen Ziele 2016

Immer wieder zeigt sich in der Umfrage, wie sehr die Befragten die Schweiz schätzen, stolz darauf sind und sie besser finden als andere Länder. Sind die Schweizerinnen und Schweizer gar etwas zu selbstverliebt?

Das war auch mein erster Gedanke, als ich die Resultate studierte. Doch die Befragten haben ja recht: Unserer Wirtschaft geht es gut. Wir sind Innovationsweltmeister. Kurz: Kein Land um uns herum strahlt diese Sicherheit aus. Dieser Zustand ist nicht gottgegeben, den haben wir uns erarbeitet.

Wie sehr ist die «Swissness» eine Modeerscheinung?

In meiner Schulzeit steckte man sich die Aufkleber aus der «Bravo» auf die Jeansjacke, heute sind es Schweizer Pins, das sind sicher auch Mödeli. Und als Sportfan ist für mich klar, dass die heutige Swissness auch etwas mit der Fussballnationalmannschaft zu tun hat. Meine Generation musste 26 Jahre warten, bis sich die Nati für ein grosses Turnier qualifizierte. Die Identifikation mit einem Team, das an einem internationalen Turnier mitmacht, ist einfach viel grösser. Von meinen Jugendfreunden wurden viele Holland-, Argentinien- und Italien-Fans.

Sie sind als Fussballexperte bekannt – führen Sie eigentlich noch Alben mit Fussballbildchen?

Seit der Weltmeisterschaft 1974 habe ich jedes Panini-Album gefüllt. Bei der Euro dieses Jahr dachte ich, das ziemt sich nicht für einen Vize- und noch weniger für den künftigen Präsidenten des Nationalrats und habe erstmals keines gekauft. 

Ich rate allen zu etwas mehr Gelassenheit. 

Jürg Stahl

Das ist unser letztes Stichwort: Nächstes Jahr werden Sie Präsident des Nationalrats und damit der höchste Schweizer. Was haben Sie sich für 2017 vorgenommen?

Ich gehöre zur Kategorie «unspektakulärer Politiker» und dazu stehe ich. Der Wecker klingelt am Morgen, ich stehe auf und versuche, einen guten Job zu machen. Das soll auch nächstes Jahr so sein. Zwei Anregungen habe ich: Ich finde, das Leben sollte wieder einfacher werden. Es gibt zu viele Gesetze, Regelungen und Vorschriften. Und zweitens bewegen wir uns von einer Vertrauens- in eine Misstrauensgesellschaft – das gefällt mir nicht. Ich möchte den Schweizerinnen und Schweizern empfehlen, sich gegenseitig wieder mehr zu vertrauen, und ich rate allen zu etwas mehr Gelassenheit.