Michael Gerber über die Ziele für eine nachhaltige Entwicklung
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Michael Gerber über die Ziele für eine nachhaltige Entwicklung

Michael Gerber setzt sich als Sonderbotschafter der Schweizer Eidgenossenschaft für nachhaltige Entwicklung ein – ein Gespräch über die neue globale Agenda in diesem Bereich

Als Sonderbeauftragter für nachhaltige Entwicklung haben Sie miterlebt, wie nach drei intensiven Jahren die 193 Staaten der UNO im September dieses Jahres die nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals, SDGs) verabschiedet haben. Ist Ihre Arbeit nun erledigt?

Im Prinzip ist der grösste Teil meines bundesrätlichen Mandats mit der Verabschiedung der neuen Ziele eigentlich erfüllt. Für die Schweiz ist nun aber wichtig, dass wir die Umsetzung dieser neuen Ziele auf nationaler Ebene und den Prozess in der UNO eng begleiten, und dafür soll mein Mandat noch etwas verlängert werden. Voraussichtlich werde ich bis Mitte 2016 die Begleitprozesse für die Umsetzung mit lancieren, sie koordinieren und die Schweiz auf internationaler Ebene vertreten. Anschliessend werden diese Arbeiten in die Struktur auf Bundesebene übergehen, wo sich verschiedene Fachämter für die Umsetzung verantwortlich zeigen.

Worin sehen Sie den Hauptunterschied zwischen den nun verabschiedeten SDGs und den im Jahr 2000 verabschiedeten Millenniums-Entwicklungsziele (MDGs), welche 2015 auslaufen?

Die neue Zielagenda geht weiter, als es die MDGs je getan haben. Die nachhaltigen Entwicklungsziele stellen eine vollkommen neue Agenda dar, welche die drei Dimensionen der nachhaltigen Entwicklung (Umwelt, Gesellschaft, Wirtschaft) ziemlich ausbalanciert integriert. Was mit den MDGs noch nicht erreicht worden ist, soll nun noch ambitionierter fortgesetzt und hoffentlich erreicht werden – etwa in Bezug auf Senkung der Kindersterblichkeit und Senkung der Sterblichkeitsrate von Müttern. Das wichtigste Hauptmerkmal ist aber die Universalität. Die neue Zielagenda ist für alle Länder gültig und soll, entsprechend der nationalen Kapazitäten, in allen Ländern umgesetzt werden. Die MDGs waren eine reine UNO-Agenda, welche in erster Linie vom Norden für den Süden konzipiert worden ist, um die soziale Entwicklung voran zu bringen.

Welche nachhaltigen Entwicklungsziele hat sich der Bund auf die Fahnen geschrieben für die kommenden fünfzehn Jahre in der Schweiz?

Klar ist, dass für die Schweiz alle Ziele relevant sind, da es eine universale Agenda ist. Es gibt aber Ziele, die für Industrieländer massgeschneidert sind, wie zum Beispiel SDG 12 zu nachhaltigen Konsum- und Produktionsmustern. Aber auch nachhaltige Städte und Siedlungen und Zugang zu nachhaltiger und zeitgemässer Energie sind Ziele, die wir als Industrieland angehen müssen. Noch haben wir für die Schweiz  aber  keine definitive Auslegeordnung gemacht, da diese Prozesse erst im neuen Jahr gestartet werden. Momentan wird die Strategie nachhaltige Entwicklung des Bundesrates für die Jahre 2016-19 erneuert. Die Umsetzung der Agenda 2030 geht aber über diese Strategie des Bundesrates hinaus. Ein detailliertes Umsetzungsprogramm kann nicht vor 2017/18 erwartet werden.

Wie sehen Sie die Rolle des Privatsektors, und insbesondere des Finanzsektors, im Erreichen dieser ambitionierten Ziele?

Der Privatsektor war im Entstehungsprozess der SDGs sehr gut und direkt einbezogen worden. Für die Umsetzung ist es wichtig, dass alle Akteure dabei eine Rolle spielen. Bekanntlich trägt die klassische Entwicklungszusammenarbeit nur einen kleinen, aber wichtigen, Teil zur Umsetzung der Agenda 2030 bei. Insbesondere für die Umsetzung in Industrieländern selbst gibt es keine Entwicklungshilfe, hier müssen andere Investitionen getätigt werden. Der Privatsektor ist der Haupttreiber für die Entwicklung weltweit. So werden 9 von 10 Arbeitsstellen in Entwicklungsländern heutzutage durch den Privatsektor geschaffen. Auch der Finanzsektor hat grosses Potential. 2013 betrug das Finanzvolumen für nachhaltige Finanzanlagen in der Schweiz etwa 57 Milliarden CHF, seit 2005 stieg dieser Marktanteil stetig. Die öffentlich-private Zusammenarbeit hat ebenfalls Wachstumspotenzial, um Investitionen in SDG-relevanten Sektoren vorzunehmen. Indem Risiken geteilt und richtig eingeschätzt werden, kann man solche Investitionen und verstärktes Finanzengagement in Ländern des Südens fördern.

Wo sehen Sie in der Zusammenarbeit und in Partnerschaften zwischen Staaten, Privatsektor, Wissenschaft und Zivilgesellschaft die momentan grösste Herausforderung in Bezug auf eine nachhaltige Entwicklung in den kommenden 15 Jahren?

Ich sehe keine Gefahr in solchen Partnerschaften, solange man auch bereit ist, sich anzupassen und zu investieren. Es gibt immer wieder Projekte, die scheitern oder andere Effekte erzeugen als gewollt. Auf jeden Fall sollen Negativeffekte für die Bevölkerung vermieden werden (zum Beispiel mit dem‚ do no harm'-Ansatz). Solange man aber aus solchen Unterfangen lernt, werden unsere Programme immer effektiver und wirkungsvoller. Ich sehe in diesen Multistakeholder-Partnerschaften deshalb ein riesiges Potenzial.

9 von 10 Arbeitsstellen in Entwicklungsländern werden heutzutage durch den Privatsektor geschaffen.

Michael Gerber

Wir reagieren Sie auf die Kritik, dass einzelne Ziele widersprüchlich sind und sich konkurrieren können?

Ein wichtiger Aspekt dieser neuen Agenda ist, dass die Ziele untereinander sehr stark vernetzt sind. Es gibt deshalb tatsächlich verschiedene Unterziele, die in ähnlicher Form mehrmals auftauchen. Im Gegensatz zum Silo-Ansatz bei den MDGs mit seinen einzelnen, voneinander unabhängigen Zielen haben wir es bei den SDGs mit einer integrierten Agenda zu tun. Wenn bei einem Ziel Fortschritte gemacht werden, hat das immer auch einen positiven Effekt auf andere Ziele. Umgekehrt gibt es aber auch die negativen Effekte: Wenn bei einem Ziel nur wenige Fortschritte gemacht werden, dann kann es sein, dass der Fortschritt in einem anderen Zielbereich ebenfalls gebremst wird. Daneben gibt es auf den ersten Blick auch Widersprüche: zum Beispiel den Anspruch, immer mehr Leute zu ernähren und Infrastruktur zu errichten und gleichzeitig immer weniger Treibhausgase zu emittieren. Verschiedene Studien zeigen aber auf, dass eine nachhaltigere Entwicklung in jedem Fall möglich ist. So kann zum Beispiel alleine mit der Reduktion von Nahrungsmittelabfällen die Ernährungssituation verbessert werden. Ein Ziel schliesst nicht unbedingt das andere aus, aber es gibt sicherlich starke Herausforderungen in einigen Bereichen.

Sind Sie zuversichtlich, dass die Weltgemeinschaft trotz den momentan herrschenden Krisen die Umsetzung der 2030-Agenda in Angriff nehmen wird?

Grundsätzlich bin ich zuversichtlich. Wissen Sie, Krisen hat es immer gegeben. Die momentane Flüchtlingskrise, wie wir sie seit dem Zweiten Weltkrieg in Europa nicht mehr gesehen haben, stimmt pessimistisch. Demgegenüber gab es aber in Afrika noch nie so viele Demokratien und so wenige Konflikte wie heute. Wenn man die ganze Welt betrachtet, kann man sagen, dass die Bedingungen noch nie so gut waren wie heute, um Fortschritte im Bereich der nachhaltigen Entwicklung zu machen.

Wie muss die Welt im Jahr 2030 aussehen, damit Sie von einer erfolgreichen Umsetzung der SDGs sprechen können?

Die SDGs sind so ambitiös, dass es wahrscheinlich nie gelingen wird, alle 17 Ziele zu 100 Prozent zu erreichen, obwohl ich der Auffassung bin, dass es möglich wäre. Aber es gibt Faktoren, wie Krisen und Konflikte, die nur sehr schwierig zu überwinden sind. Die Realität wird zeigen, dass es wahrscheinlich eine zu ambitionierte Zielagenda ist, aber ich bin absolut der Meinung, dass solche Ziele so ambitioniert definiert werden müssen, damit sie eine Wirkung haben und damit man viel Engagement an den Tag legt, um eine möglichst vollständige Zielerreichung zu bewirken. Ich persönlich finde, es ist eine Agenda, die vor allem den Umschwung zu einer nachhaltigen Entwicklung herbeiführen soll. Die Vision einer nachhaltigen Welt, wie sie die Schweiz in ihrer Langzeit-Vision 2050 definiert hat – Beseitigung extremer Armut in all ihren Formen bei gleichzeitiger Berücksichtigung der Belastungsgrenzen der Erde, der Förderung von Frieden und inklusive Gesellschaften sowie der Erfüllung menschenrechtlicher Verpflichtungen –, wird entsprechend mehr als 15 Jahre brauchen, um ganz umgesetzt zu werden. Mit den SDGs hat man sich nun auf den Weg gemacht.