Wie ist die Schweiz zum innovativsten Land der Erde geworden?
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Wie ist die Schweiz zum innovativsten Land der Erde geworden?

Die Schweiz als kleines Alpenland ohne Rohstoffe kann gar nicht anders: Sie muss sich ständig neu erfinden. Über die Jahrhunderte hat sie andere Erwerbsfelder aufgebaut, wie die Landwirtschaft, den Tourismus, die Industrie und den Dienstleistungssektor. Was ist ihr Erfolgsgeheiminis und wie lange kann ihre Erfolgsgeschichte fortgeschrieben werden?

Noch im 18. Jahrhundert war das Bild der Schweiz im Ausland geprägt von Kühen, Schafen und den Alpen. «Lern dieses Volk der Hirten kennen, Knabe!», schrieb Friedrich Schiller im «Wilhelm Tell» über die Schweiz.

Heute, 200 Jahre später, steht die Schweiz für Innovationskraft und Wirtschaftsstärke und führt die wichtigen internationalen Rankings zur Innovation an.

Ein anderer Indikator für die Messung des Innovationserfolgs sind Patente. Zwischen 1985 und 2014 hat sich die Zahl der weltweiten Patentanmeldungen fast verdreifacht auf knapp 2,7 Millionen Anmeldungen pro Jahr. Über 43’000 Patente wurden 2014 in der Schweiz angemeldet. Absolut liegt die Schweiz damit weltweit auf dem 8. Rang. Pro Kopf der Bevölkerung führt sie diese Liste an (Quelle: Wipo).

Als Land ohne Bodenschätze war die Schweiz seit je zur Innovation verdammt. Die Kleinheit und starke Fragmentierung des Binnenmarkts zwang Schweizer Firmen zudem schon früh, Absatzmärkte im Ausland zu suchen, wo sie sich gegenüber der weltweiten Konkurrenz durchsetzen und entsprechend produktiv werden mussten. Weil das Land vom Zweiten Weltkrieg weitgehend verschont blieb, war es nach Kriegsende mit einer intakten, exportorientierten Produktion ausgezeichnet positioniert, um vom Wiederaufbau in Europa profitieren zu können. Dabei halfen die auf Stabilität ausgerichtete, liberale Wirtschaftspolitik sowie die traditionell hohe Wertschätzung von Fleiss, Einsatz und Bildung.

43,000

Patente wurden 2014 alleine in der Schweiz angemeldet

Kompetente Migranten

Ein weiteres wichtiges Element, das sich als Konstante durch die Schweizer Geschichte zieht, ist die Immigration. Frühe Einwanderungswellen gab es bereits vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, als die protestantischen Hugenotten aus Frankreich in Genf – zumindest vorübergehend – Zuflucht suchten. Die Hugenotten waren oft wohlhabend oder verfügten über handwerkliche Fähigkeiten.

Unter anderem brachten sie das Wissen um die Fabrikation von tragbaren Uhren nach Genf, was den traditionsreichen Genfer Goldschmieden sehr gelegen kam, die nach Calvins strengem Schmuckverbot ohne Einkommensquelle dastanden. Uhren galten nicht als Schmuck und waren vom Verbot ausgenommen – die Schweizer Uhrenindustrie war geboren.

Nach der Gründung des liberalen Bundesstaats 1848 kamen viele politisch Verfolgte in die Schweiz, die in Europa vor den autoritären Monarchien flohen. Unter diesen Flüchtlingen befanden sich deutsche Professoren, die am Aufbau neuer schweizerischer Universitäten beteiligt waren. Mit der beschleunigten Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Schweiz schliesslich zum klassischen Einwanderungsland, dessen Zuwanderung vor allem von einer grossen Nachfrage nach Arbeitskräften getrieben war.

>60

Prozent der jährlichen Aufwendungen für Forschung und Entwicklung werden in der Schweiz direkt von der Privatwirtschaft finanziert 

Ausländische Investitionen

Über all die Jahrhunderte gesehen, konnte die Schweiz dabei immer auch hoch qualifizierte Arbeitskräfte anziehen, ohne die der wirtschaftliche Aufstieg so nicht möglich gewesen wäre.

Mehr als 60 Prozent der jährlichen Aufwendungen für Forschung und Entwicklung in Höhe von etwa 18 Milliarden Franken werden heute direkt von der Privatwirtschaft finanziert.

Etwa ein Viertel des Geldes stammt vom Staat und der Rest von ausländischen Geldgebern. Gemessen am Bruttoinlandprodukt (BIP) ist die öffentliche Finanzierung damit im internationalen Vergleich durchschnittlich.

Treibende Kraft hinter der grossen Innovationsleistung in der Schweiz ist die Wirtschaft, angeführt von den Grossunternehmen. ABB, Roche, Nestlé und Novartis meldeten 2014 je zwischen 400 und 600 Patente an.

Gemäss Daten des Europäischen Patentamts gehören sie damit zu den 50 wichtigsten Patentanmeldern Europas. Doch auch Schweizer KMU weisen im internationalen Vergleich eine hohe Kapazität auf, neues Wissen in die eigenen Innovationsprozesse aufzunehmen und mit hochwertigen Spezialprodukten auf den Weltmärkten Nischen zu besetzen.

Etwa 10 Prozent aller Industrie-KMU gaben 2014 in einer Unternehmensumfrage der Credit Suisse an, globaler Marktführer für mindestens ein Kernprodukt zu sein. 30 Prozent gaben an, Marktführer für mindestens ein Kernprodukt in mindestens einem Land zu sein.

200

Patente melden die ETH Zürich und die EPFL jährlich an

Weltbekannte Bildungsinstitutionen

Neben der Privatwirtschaft leisten hiesige Hochschulen und Universitäten einen wichtigen Beitrag an die Innovationsstärke der Schweiz: etwa die ETH Zürich und die EPFL in Lausanne. Die beiden Universitäten gehören weltweit zu den besten zwanzig Fakultäten. Die Innovationskraft der Schweiz zu fördern, ist dabei als wesentliches Ziel im Leistungsauftrag des ETH-Bereichs verankert.

Mehr als 2000 Absolventinnen und Absolventen von Masterstudiengängen und über 1000 Promovierte treten jährlich von den beiden technischen Hochschulen in die Praxis über. Andererseits betreiben sie eigene Grundlagenforschung und tragen durch Wissens- und Technologietransfer gemeinsam mit Partnern aus der Wirtschaft sowie mit Behörden direkt zu erfolgreichen, marktfähigen Innovationen bei. Rund 200 Patente melden die ETH Zürich und die EPFL jährlich an und alleine 2014 gingen 49 Spin-offs aus den beiden Institutionen hervor.

Wie kann die Erfolgsgeschichte fortgeschrieben werden?

Damit die Schweiz ihre Spitzenposition im internationalen Wettbewerb verteidigen kann, ist der Erhalt der günstigen Rahmenbedingungen für Innovation zentral. Dazu gehören etwa wirtschaftsfreundliche Regulierungen und eine massvolle Besteuerung im Inland sowie möglichst ungehinderter Zugang zu ausländischen Märkten.

Zudem sind die Unternehmen, aber auch die Bildungsinstitutionen in der Schweiz darauf angewiesen, möglichst leicht ausländische Fachkräfte rekrutieren zu können, auch solche aus Nicht-EU/EFTA-Staaten.

Und schliesslich braucht die Schweiz weiterhin ein starkes Bildungssystem. Verschlechtern sich diese Rahmenbedingungen, wird das Land im internationalen Wettbewerb verlieren. Denn sicher ist: Die internationale Konkurrenz ist heute ebenfalls grösser und schneller als je zuvor.