Inflation im Alltag: Eine argentinische Familie berichtet

In den letzten sieben Jahrzehnten gab es nur 14 Jahre, in denen die Inflationsrate Argentiniens unter 10 Prozent lag. Was aber bedeutet Inflation im Alltag? Ein Besuch bei einer Mittelstandsfamilie in Buenos Aires.

2014 war hart. Erstmals musste Myriam Simone miterleben, wie es in ihrer Haushaltskasse richtig knapp wurde. Und sie musste erkennen, dass selbst 19 Jahre Berufserfahrung im Bankgeschäft nicht ausreichten, um die Lebenshaltungskosten in Buenos Aires richtig zu kalkulieren.

Myriam Simone, 39, stand kurz vor der Geburt ihres zweiten Sohnes Agustín, als sie mit ihrem Mann Leandro Checa, 41, beschloss, ein halbes Jahr unbezahlte Babyzeit zu beantragen. Beide verstehen etwas von Zahlen, beide arbeiten bei einer Bank, mittlere Verwaltungsebene. Sie hatten alle Belastungen in Excel-Tabellen berechnet: Lebensmittel, Schulgebühren, Auto, Ferien. Sie hatten auch den Anstieg der Preise um 25 Prozent kalkuliert. Die Rechnung  war aufgegangen.

Glauben an die Wunderheilung

Ein Jahr später lag die Inflationsrate aber schon bei 40 Prozent, die Preise für Lebensmittel und Treibstoffe waren noch stärker gestiegen. «Wir mussten bis an die Kreditkartenlimits gehen», sagt Leandro Checa. «Und wieder einmal hat sich gezeigt: Argentinien ist einfach nicht berechenbar!»

Die Unwägbarkeit ihrer Volkswirtschaft haben die Bewohner im achtgrössten Land der Erde immer wieder leidvoll erfahren. In den letzten sieben Jahrzehnten gab es nur 14 Jahre, in denen die Inflationsrate unter 10 Prozent lag. Ein Peso des Jahres 1963 ist heute noch 0,00000000000005 Pesos wert. Vier Währungsreformen in vierzig Jahren brachten vierzehn Stellen Abwertung. Die Regierenden in dem rohstoffreichen Land vereinen eine Abneigung gegen Haushaltsdisziplin mit einem Glauben an Wunderheilung. Mit der Suche nach schnellen Resultaten erklären viele Wirtschaftswissenschafter den Inflationskurs der seit 2003 regierenden Dynastie Kirchner. Die Präsidenten Néstor und Cristina fachten mit staatlichen Subventionen den Inlandkonsum an, was Arbeitsplätze schuf und mehr Steuereinnahmen brachte. 

Wo Wachstum war, herrscht heute Rezession

Die Teuerungsrate stieg schon 2005 auf zweistellige Werte, was die Regierung zu vertuschen versuchte. Jahr für Jahr stiegen die Preise um 20 bis 25 Prozent. Das ging – angetrieben von ständig steigenden Rohstofferlösen – jahrelang halbwegs gut, weil auch die Gehälter im selben Ausmass zulegten. Doch seitdem Cristina Kirchner 2011 Devisenkontrollen einführte, was fast sämtliche Auslandsinvestitionen abwürgte, blieb nur noch die Inflation übrig. Wo Wachstum war, herrscht heute Rezession. Der von der US-Justiz erzwungene Ausfall des Schuldendienstes im Streit mit den Altgläubigern des Staatsbankrotts verstärkte dieses Dilemma, das die Argentinier zu spüren bekommen.

Alles wird teurer

Leandro Checa listet auf: «Schulgebühren für unseren siebenjährigen Sohn Martín: drei Erhöhungen im letzten Jahr, von 2000 auf 3200 Pesos. Eine Tankfüllung: vor einem Jahr 400, heute 700 Pesos.» Ähnlich explodierten die Ausgaben für Mautgebühren, U-Bahn-Karten, Restaurantbesuche. Myriam nutzte ihre Elternzeit zum Preisvergleich. Nun weiss sie, welcher Händler in ihrem Wohnviertel Villa Urquiza in Buenos Aires welchen Käse oder Kinderbrei am günstigsten anbietet. Sicher sind es nicht die Supermärkte. In keinem Land der Welt sind deren Margen höher als in Argentinien. Der Grund dafür ist der totale Verlust von Referenzpreisen. Um Frieden mit der Regierung zu bewahren, geben die Supermarktketten etwa 500 Produkte zu niedrigen Preisen ab, die mit dem Wirtschaftsministerium abgestimmt sind. Natürlich bedient sich Myriam Simone dieser «precios cuidados». Und sie nimmt auch jene – ebenfalls von der Regierung initiierten – Angebote an, die zwölf zinsfreie Ratenzahlungen auf Kleidung oder Elektrogeräte aus nationaler Produktion versprechen. Die staatliche Fluglinie Aerolíneas Argentinas bietet 24 zinsfreie Raten für Fernreisetickets an – die Airline macht täglich zwei Millionen Dollar Schulden. 

Dollars oder Ziegelsteine als Schutz vor Inflation

Flugtickets sind begehrte Spekulationsobjekte für die Mittelklasse. Nach Einführung der Devisenkontrollen kauften sich viele Familien – zum künstlich tiefen Dollarkurs – Passagen für mehrere Sommer im Voraus. Fernreisen bleiben für die Familie Simone/Checa Träume. Die Eltern hoffen, dass sie 2015 mit zwei vollen Gehältern ihren durch Schwangerschaft und Babypause unterbrochenen Hausbau vollenden können, denn die 55-Quadratmeter-Wohnung im 15. Stock eines Hochhauses ist zu klein für vier. Seit fünf Jahren erweitern und modernisieren sie Leandros Elternhaus in der Vorstadt San Martín. Dank festen Jobs haben beide immerhin Kredite bekommen, was nicht vielen Argentiniern gelingt: ein Darlehen zu 17 Prozent Zinsen, das andere zu 22 Prozent. In den meisten Ländern der Welt wäre das Wucher. «Hier ist das fast geschenkt», sagt Leandro Checa. Heute verlangen die Geldhäuser 39 Prozent Zins für Privatkredite.

Renovierung und Ausbau von Immobilien gehören zu den wenigen legalen Möglichkeiten für Argentinier, sich gegen die Inflation zu sichern. Denn Häuser und Wohnungen werden mit Pesos modernisiert, aber immer noch in Dollar gehandelt. «Wer Geld zurücklegen kann, hat hier zwei Möglichkeiten: Dollar oder Ziegelsteine», sagt Checa. Doch Dollars sind nur schwer zu bekommen. «Mein Vater sagte immer: ‹Ich glaube nur an Ziegelsteine!› Dieser Spruch ist heute so richtig wie damals.»