Warum Indiens Wirtschaft Fahrt aufnimmt
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Warum Indiens Wirtschaft Fahrt aufnimmt

Aktuelle Konjunkturdaten zeigen: Die indische Wirtschaft gewinnt an Fahrt. Diese Entwicklung dürfte sich 2016 fortsetzen – vor allem aufgrund der anstehenden Gehalts- und Pensionserhöhungen für Indiens 34 Millionen Beamte.

Breit gefächerte Konjunkturindikatoren, wie die Nachfrage nach Öl und Autos, weisen darauf hin, dass die indische Konjunktur an Dynamik gewinnt. «Dies deutet auf eine deutliche Wirtschaftserholung des Landes hin, da Öl in fast allen Sektoren benötigt wird: von Bauern und Konsumenten, von verschiedenen Industriezweigen und von Logistikunternehmen», sagt Neelkanth Mishra, India Equity Strategist bei der Credit Suisse. «Es sieht ganz so aus, als ob die wirtschaftliche Schwächephase, die von der erzwungenen Fiskalkonsolidierung Anfang 2015 eingeläutet wurde, nun überwunden ist», so der Indien-Kenner. Im September und Oktober wurde in Bezug auf die Ölnachfrage der stärkste Zuwachs in über einem Jahrzehnt verzeichnet. Gestützt durch Diwali – ein hinduistisches Fest, das den Weihnachts- und Neujahrsfeierlichkeiten in den westlichen Ländern ähnelt – erwirtschaftete auch der Einzelhandel in diesen zwei Monaten sehr gute Umsätze. Darüber hinaus erhielt der Automobilsektor im Oktober Auftrieb: Der Verkauf motorisierter Zwei- und Vierräder nahm um 13 bzw. 21 Prozent zu. «Wir sind der Ansicht, dass die Zunahme der Vierrad-Verkäufe unter anderem mit den Apps von Taxi-Vermittlungsunternehmen wie Ola und Uber zusammenhängt. Möglicherweise sind diese Zuwächse nicht nachhaltig, sie beleben den Markt jedoch vorläufig», so Prateek Singh, Research-Analyst bei der Credit Suisse. Der Anteil privater Fahrzeugeigentümer lag 2014 mit 19 Prozent allerdings nach wie vor auf einem niedrigen Niveau.

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Ölnachfrage in Indien auf 10-Jahres-Hoch

Quellen: PPAC, Credit Suisse

Modernisierung der Infrastruktur

Die Belebung der indischen Konjunktur ist nicht zuletzt auf den Anstieg staatlicher Infrastrukturausgaben zurückzuführen, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf Strassenbauarbeiten liegt. Etwa 89 Mia. Rupien wurden allein im September dafür aufgewendet. Im Vergleich dazu flossen im Geschäftsjahr 2014–15 insgesamt 330 Mia. Rupien in den Strassenbau. Beim Schienenverkehr liegt der Fokus auf operativen Reformen, die einen dringend erforderlichen Ausbau der Schienenkapazitäten zur Folge haben dürften. «Es besteht kein Zweifel, dass mehr öffentliche Gelder fliessen. Die indische Regierung hat ihr Augenmerk auf das nationale Autobahn- und Schienennetz gelegt und die Ausgaben im Gesundheitssektor erhöht», so Neelkanth MishraDabei hat sie gemäss dem India Equity Spezialisten der Credit Suisse von Steuereinnahmen profitiert, die sich fast schon auf Rekordniveau befanden. Der Grund: Bei eden Einkünften aus Verbrauchsteuern auf Benzin und Diesel sowie bei den Einkommenssteuern konnte ein deutlicher Anstieg verzeichnet werden. Zudem hat die Regierung sehr viel weniger Geld für ineffiziente Massnahmen verschwendet, wie etwa Subventionen für Flüssiggas. Im dritten Quartal 2015 stieg die indische Wirtschaft um 7,4 Prozent an, wobei die erwähnten staatlichen Infrastrukturausgaben und der Privatkonsum die wichtigsten treibenden Faktoren waren.

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Hohe Investitionen in Strassenbauarbeiten 

Quellen: CGA, Schätzungen der Credit Suisse

Zunahme des Produktivitätswachstums

In den vergangenen Jahren wurde die Produktivität des Landes durch eine Reihe geringfügiger Veränderungen angekurbelt. Im Jahr 2011 besass ein Drittel der indischen Haushalte überhaupt keinen Zugang zu Elektrizität und der Rest musste jeden Tag mehrstündige Stromausfälle hinnehmen. «Bei der Elektrifizierung von Haushalten hat sich in den letzten zwei Jahren sehr viel getan. Heute haben etwa 80 Prozent der Bevölkerung Zugang zu Elektrizität und es wurden Verbesserungen im Hinblick auf die Verfügbarkeit von Strom erreicht», betont Mishra Es gebe also weniger Stromausfälle und diese seien in der Regel auch kürzer als früher. Zudem würden immer mehr Menschen einen Telefonanschluss besitzen. «All diese Verbesserungen grundlegender Alltagsaspekte tragen zum sehr hohen Produktivitätswachstum in Indien bei, wenn auch von einem tiefen Ausgangsniveau aus», erläutert er. Bei der Reform mit der bislang stärksten Auswirkung handelt es sich um das Programm der Regierung zur finanziellen Integration. «2014 besass nur etwa die Hälfte aller Haushalte ein Bankkonto, nur ein Jahr später wurde die 100-Prozent-Marke fast erreicht. Das bedeutet, dass Millionen indischer Haushalte und Unternehmer nun zum ersten Mal von (staatlichen) Subventionen und (privaten) Mikrokrediten profitieren können. Sie sind jetzt endlich ein Teil des Finanzsystems. All dies sind kleine, aber sehr wirksame administrative Schritte», hält Neelkanth Mishra fest. Derzeit sind weitere wichtige Reformen im Gespräch, die erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen haben dürften, wie z. B. die Überarbeitung des indischen Insolvenzgesetzes, ein potenzieller Ansatz für die Lösung des Problems der nicht erfassten notleidenden Kredite, mit der das Finanzsystem des Landes zu kämpfen hat, sowie die Übernahme und Umsetzung eines neuen, vereinfachten Gesetzes über Steuern auf Waren und Dienstleistungen. 

Anstehende Erhöhungen der Leistungen für Beamten dürften die gesamte Wirtschaft befeuern

Ab Juni 2016 wird die indische Regierung zum ersten Mal seit zehn Jahren zudem Gehalts- und Pensionserhöhungen für die 34 Millionen aktuellen und ehemaligen Beamten des Landes in Angriff nehmen. Neelkanth Mishra dazu: «Das Paket ist 4,5 Billionen indische Rupien (USD 68 Mia.) wert, was 2,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts des Landes entspricht. Seine Umsetzung dürfte zu einem weiteren Anstieg des privaten Konsums führen und in allen Teilen des Landes zu spüren sein.» Der Anteil der Beamten am formellen Beschäftigungssektor beträgt in Indien fast 40 Prozent. Der Staat hat seine Vertreter im ganzen Land verteilt, in kleineren Städten und Dörfern ist er oftmals der wichtigste Arbeitgeber. «Für viele Siedlungen ist die Ansiedlung von Staatsfunktionen die einzige grosse Einnahmenquelle. Sie bringt den ansonsten sehr ruhigen Immobilienmarkt in kleineren Städten in Bewegung und es entsteht eine hohe Nachfrage nach Arbeitskräften (für Bauvorhaben)», sagt Neelkanth Mishra.. Die dadurch erhöhte Kaufkraft kurbelt die Nachfrage nach den Produkten und Leistungen der Lebensmittel-, Transport-, Schmuck- und Unterhaltungsindustrien an – und wirkt sich somit positiv auf die gesamte Wirtschaft aus. Zudem werden die sehr hohen ausländischen Direktinvestitionen im laufenden und auch im kommenden Geschäftsjahr wohl neue Rekordhöhen erreichen., David Mulford, Vice Chairman International im Investment Banking der Credit Suisse und ehemaliger US-Botschafter in Indien, gab auf der letzten Asian Investment Conference der Credit Suisse folgende Prognose ab: «Ich bin der Ansicht, dass Indien in den nächsten drei bis fünf Jahren die Schwellenländer in punkto Wachstum anführen wird. Das Land hat seinen Platz an der Sonne der Tatsache zu verdanken, dass sich in anderen Schwellenmärkten wie Brasilien und China die Konjunktur verlangsamt hat. Für Indien ist damit ein echter Vorteil verbunden und ich gehe davon aus, dass die jährlichen Zuwachsraten zwischen 7 und 8,5 Prozent liegen werden.»