«Ich bin ein Heimwehschweizer»
News & Stories

«Ich bin ein Heimwehschweizer»

Kann einer, der auf der ganzen Welt zu Hause ist, mit der Schweiz noch etwas anfangen? Erfahren Sie, wie der Kosmopolit Roger Federer sein Heimatland wahrnimmt, ob ihm das Luzerner Verkehrshaus gefällt und was er von der Roger-Federer-Allee in Biel hält.

Heimat ist da, wo das Herz ist. Wo ist Ihr Herz?

Am rechten Fleck.

Advantage Federer

Sicher in der Schweiz. Am meisten in Basel. Aufgewachsen bin ich im Baselbiet, Riehen und Münchenstein.

Aber schon mit 14 …

… zog ich allein ins Welschland, nach Ecublens. Dort trainierte ich im Nationalen Tennis Center. Nach zwei Jahren zog ich mit Swiss Tennis weiter ins neue Leistungszentrum in Biel.

Dort wurden Sie auf eine Weise geehrt, die den wenigsten Schweizern vergönnt ist, schon gar nicht zu Lebzeiten: Letztes Jahr wurde die Roger-Federer-Allee eingeweiht.

Das bedeutet mir sehr viel. Ich habe tolle Erinnerungen an Biel. 1997 wurde ich Profi, 1998 gewann ich das Junioren-Turnier in Wimbledon – ich war in dieser Zeit viel auf Reisen, trainierte aber immer in Biel.

Als Putzkraft glänzten Sie dort auch.

Eines Tages wurden in der Halle neue Ballfangvorhänge installiert. Die Coaches ermahnten uns, vorsichtig zu sein. Ich sagte: «Die sind so dick, die halten einiges aus.» Etwa eine Stunde später warf ich aus Wut über einen verschlagenen Ball den Schläger in den Vorhang – und ja, er ging kaputt. Als Strafe musste ich eine Woche lang jeden Morgen die Anlage putzen.

Roger Federer

Haben Sie noch Kontakt zu Jugendfreunden aus der Basler Zeit?

Ich habe letzthin gesehen, dass ein Schulkollege geheiratet hat – und da habe ich ihm gratuliert. Der hatte eine mega Freude. Aber so richtige Freunde hat man meist erst nach 14 – und mit 14 war ich bereits Tennisspieler. Deshalb kommen die meisten meiner Freunde aus dem Tennissport. Oft handelt es sich auch um Freunde von Freunden.

Vermutlich von überall her?

Ob New York, London oder Australien – ich habe hier ein paar Freunde, kenne da einen Kollegen. Es ist ziemlich cool, Freunde in verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund zu haben.

Wo tanken Sie auf, wohin ziehen Sie sich nach Rummel und Wettkämpfen zurück?

In die Schweizer Alpen. Ich bin selber total überrascht, dass ich heute in den Bergen wohne. Als Basler hat man ja nicht zwingend einen Bezug zur Bergwelt. Basel ist auch nicht unbedingt eine Skifahrerstadt. Ich selber bin zwar Ski gefahren, aber ich war immer mehr der Sonnen- und Meertyp. Vielleicht wegen meiner Verbindung zu Südafrika.

Und nun also die Schweizer Alpen.

Ich bin gottenfroh, dass ich in den Bergen ein Haus bauen konnte. Das ist meine Oase. Hier kann ich abseits der grossen Städte herunterfahren, ich geniesse diese Ruhe, auch beim Wandern, das ist einfach nur wunderschön. Ich bin ein Heimwehschweizer.

Aber auch ein Weltbürger. Worauf sind Sie als Schweizer Kosmopolit stolz?

Die Schweiz ist sehr innovativ, das vergessen wir selber oft. Die Uhrenbranche, die Schoggi, das Bankwesen, die Pharmaindustrie. Es gibt noch zig andere Sachen, die die Schweiz super macht. Es gibt nicht nur Seen und Berge hier. Ich bemühe mich auch selbst, innovativ zu bleiben, und glaube, es gelingt mir ganz gut. Ich versuche immer, mich weiter zu entwickeln und mich zu verbessern. Das ist etwas, was ich in mir spüre.

Roger Federer

Und der Bünzli-Schweizer? Wahr oder ein Klischee?

Nur weil der Zug tatsächlich um 16.01 Uhr abfährt, machen sich alle lustig. Typisch Schweiz, typisch Schweizer. Dabei habe ich – und ich komme ja weit auf der Welt herum – das Gefühl, dass der Schweizer eigentlich gar kein Tüpflischiisser und Bünzli sei. Er ist im Gegenteil recht weltoffen. Kommt hinzu, dass die Schweiz der ideale Standort ist. Als Weltsportler bin ich in anderthalb Stunden überall in Europa, die amerikanische Ostküste ist einen Katzensprung entfernt. Wohl deshalb reist der Schweizer auch sehr gern. Alle waren schon überall auf der Welt. Selbst im entfernten Australien.

Sind Sie oft in der Schweiz unterwegs?

Leider viel zu wenig. Doch als ich letztes Jahr Knieprobleme hatte und pausieren musste, sagte ich mir: «Jetzt will ich meine Heimat auch mal wieder etwas näher erkunden.»

Wo zog es Sie hin?

Ich besuchte den Seealpsee im Appenzellerland, den Nationalpark in Graubünden – und das Verkehrshaus in Luzern. Dort war ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Ich ging hinein und staunte nur noch: So cool, so attraktiv! Ich bin immer sehr stolz darauf, wenn Leute von einem Aufenthalt in der Schweiz schwärmen. Deshalb mache ich auf Instagram oft Fotos mit einem Bezug zur Schweiz, wie jüngst mit dem Wimbledon-Pokal «Arthur», dem ich die schöne Bergwelt zeigte … Die Leute überall auf der Welt sollen sehen, hey, es ist wirklich traumhaft in der Schweiz.

Sie scheinen eine Ausnahme zu sein. Nicht selten haben selbst erfolgreiche Schweizer die Angewohnheit, ihre Heimat schlecht zu reden.

Das ist schade auf der einen, aber vielleicht auch gut auf der andern Seite, denn wer kritisiert, hebt nicht ab. Wir bleiben auf dem Boden und sind geerdet. Das passt mir. Seit ich so viel auf der ganzen Welt herumreise, ist das Bedürfnis, wieder heimzukommen, noch stärker geworden.