Identität: Entsteht eine neue Schweiz?
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Identität: Entsteht eine neue Schweiz?

Ein Wandel der nationalen Identität deutet sich an. Neutralität ist gemäss des Credit Suisse Sorgenbarometers nicht mehr das meistgenannte Element. Bildung, Forschung und Internationalität definieren die vorwärtsgewandte, moderne Schweiz.

Ein zentraler Teil des Sorgenbarometers betrifft jeweils die Fragen rund um die eidgenössische Identität. Wie die Bürgerinnen und Bürger ihr Land definieren, zeigt sich unter anderem darin, was sie als die drei Hauptmerkmale der Schweiz bezeichnen. Die Resultate der letzten Jahre zeigen eine starke Veränderung der hiesigen Identität: Einerseits ist diese heterogener geworden, andererseits haben die «klassischen» Identitätsmerkmale wie Neutralität oder Landschaft an Bedeutung verloren.

Zuerst zum Thema Heterogenität: Es gibt zum ersten Mal kein Merkmal, das von 20 Prozent und mehr genannt wird. Die diesjährige Nummer 1, das Bildungssystem, wurde von 13 Prozent der Befragten ausgewählt – das wäre letztes Jahr bloss der vierte Rang gewesen. Generell gruppieren sich die Werte dieses Jahr stärker um den Durchschnitt, es gibt weniger Extremwerte. Man könnte auch sagen: Viele verschiedene Merkmale charakterisieren heute die Schweiz.

Was die Befragten nun zu den Attributen der Schweiz zählen, ist interessant. Das gute Schul- respektive Bildungssystem liegt dabei zum ersten Mal an erster Stelle. Zwar hat diese «Stärke der Schweiz» nur um 4 Prozentpunkte an Zuspruch gewonnen, aber weil viele andere Merkmale weniger oft genannt wurden, machte das Bildungssystem einen Sprung um acht Ränge nach vorn. Die Schweiz wird stärker durch die «Brain Power» definiert, auch «Forschung und Entwicklung» (6 Prozent) werden zur Identität gezählt. Diese Resultate passen zur Positionierung der Schweiz als Hightechland, das aktuell zum siebten Mal hintereinander den Spitzenplatz auf dem Global Innovation Index einnimmt. In den internationalen Rankings zur Lebensqualität schneidet die Schweiz, beziehungsweise schneiden die hiesigen Städte, auch immer gut bis sehr gut ab. Dies widerspiegelt sich in den diesjährigen Resultaten des Sorgenbarometers: Auch hohe Lebensqualität (6 Prozent) taucht in der Rangliste der Identitätsmerkmale auf.

Ebenfalls neu genannt wurde die humanitäre Hilfe (9 Prozent). Deren Nennung hat vielleicht mit den Flüchtlingsdramen zu tun, die sich in den letzten Jahren auf dem Mittelmeer und dem Balkan abgespielt haben. Zu den weiteren Aufsteigern gehört das Stichwort Tradition (8 Prozent), das zwar 2016 aus der Rangliste gefallen war, aber 2015 (6 Prozent) und 2014 (5 Prozent) ähnlich oft genannt wurde wie dieses Jahr. Genauso aussagekräftig wie die neue Nummer 1 sind die Absteiger. Diese Merkmale entsprechen vielleicht dem, was man zur klassischen Schweizer Identität zählen würde: Neutralität wurde 2015 von 32 Prozent genannt, letztes Jahr von 15 Prozent, dieses Jahr von 11 Prozent. Ähnlich negativ sieht die Beliebtheitskurve des Merkmals «Sicherheit» aus (19 Prozent, 21 Prozent, 12 Prozent). Und auch «Landschaft» (10 Prozent) und «Heimat» (6 Prozent) haben über die letzten fünf Jahre kontinuierlich an Bedeutung verloren. Die «direkte Demokratie» wurde in den letzten Jahren immer von knapp 10 Prozent der Befragten genannt – dieses Jahr sind es noch 4 Prozent.

Ein Land feiert sich

Bestätigt wird diese neue Schweizer Identität auch durch jene wirtschaftlichen Aspekte, auf die man sehr oder ziemlich stolz ist. Auf den ersten Plätzen liegen: 1. internationale Firmen mit Sitz in der Schweiz, 2. Forschung, 3. starke Schweizer Marken im Ausland, 4. der internationale Qualitätsruf.

Schweizer sind stolz auf verschiedene Aspekte der schweizerischen Politik

Die Rangliste der Dinge aus der Politik, auf die man sehr oder ziemlich stolz ist, wurde seit 2012 immer von der Neutralität angeführt, ähnlich wie die Rangliste der Hauptmerkmale der Schweiz. Nicht so 2017: Auch in dieser Frage zeigt sich eine Verschiebung der Identität. Die Neutralität ist neu auf dem vierten Rang, mit 17 Prozentpunkten weniger Zustimmung als letztes Jahr. Andere Aspekte sehen die Befragten als grössere Stärken des Landes an, zuvorderst die Bundesverfassung, dann die Unabhängigkeit und schliesslich das Zusammenleben.

Nimmt man in beiden Kategorien (Aspekte der Wirtschaft und Aspekte der Politik) nur die «sehr stolz auf…»-Antworten, liegen aber interessanterweise die «klassischen» Merkmale vorn: erfolgreiche KMU (Wirtschaft) und Neutralität (Politik). Diese Merkmale lösen also immer noch sehr starke Gefühle aus, aber nur bei einer eher kleineren Gruppe der Befragten.

Der Schweiz in zehn Jahren

Doch obwohl sich die Identität der Schweiz verändert, nimmt der Stolz auf die Schweiz nicht ab. Im Gegenteil, er hat in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen: 2004 waren 73 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer stolz oder sehr stolz auf ihr Land, 2010 waren es 82 Prozent, heute sind es gar 90 Prozent. Es scheint, dass diese neue, vorwärtsgewandte Identität, die auf Bildung, Forschung und Internationalität baut, eine breite Basis findet – auch politisch. Waren früher vor allem die Bürgerinnen und Bürger stolz auf die Schweiz, die sich selbst als politisch rechts einordneten, gibt es heute beim Nationalstolz praktisch keinen Unterschied zwischen Rechts-, Mitte- und Links-Sympathisanten.