«Ich wünschte mir etwas Aufbruchstimmung»
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«Ich wünschte mir etwas Aufbruchstimmung»

Die Mitinhaberin und CEO der Weidmann-Gruppe gehört zu den wichtigsten Frauen der Schweizer Wirtschaft. Franziska Tschudi Sauber über die Digitalisierung, Handelszölle und die Resilienz der Schweiz.

Manuel Rybach: Frau Tschudi, die Sorge um Arbeitslosigkeit ist die absolute Topsorge in der Geschichte des Sorgenbarometers. Dieses Jahr wird sie aber bloss als sechstgrösstes Problem der Schweiz bezeichnet. Warum?

Franziska Tschudi Sauber: Ich vermute, die gute Wirtschaftslage und die tiefe Arbeitslosigkeit – sie ist mit 2,4 Prozent so tief wie zuletzt vor zehn Jahren – geben den Menschen Sicherheit. Hinzu kommt, dass die Migration in die Schweiz gegenüber den letzten Jahren rückläufig ist und die Globalisierung aufgrund von protektionistischen Massnahmen etwas zurückgebunden wird. Dies könnte dazu führen, dass die Befürchtungen, den eigenen Arbeitsplatz durch die globale Konkurrenz zu verlieren, etwas abgeschwächt wurden.

Optimismus herrscht auch betreffend die Zukunft: 75 Prozent der Befragten halten es für «unwahrscheinlich», dass sie durch neue Technologien ihren Job verlieren. Wird die Gefahr durch die Automation unterschätzt?

Wenn die Befragten die unmittelbare Zukunft meinen, dann teile ich diese Zuversicht. Unsere Arbeitsplätze stehen kurzfristig nicht auf der Kippe. Aber ich fürchte, die langfristigen Konsequenzen von neuen Technologien werden tatsächlich unterschätzt. Es geht hier ja nicht bloss um Roboter, sondern um völlig neue Wertschöpfungsmodelle, die im Zuge der Digitalisierung auf uns zukommen werden. Das wird unseren Arbeitsmarkt umwälzen und es gilt, rechtzeitig darauf zu reagieren. Wir müssen jetzt schon damit beginnen, die Jungen für die Zukunft aus- und unsere Mitarbeitenden weiterzubilden.

Hauptsorgen: Trend seit 2006

Eine gewisse Ambivalenz zeigt sich bei den gesellschaftlichen Auswirkungen der neuen Technologien. Die drei Aussagen, dass Technologie die Lebensqualität verbessert, die Gesellschaft bequem macht und staatliche Kontrolle vereinfacht, erhalten alle hohe Zustimmung.

Eine differenzierte Einschätzung – und es stellt sich tatsächlich die Frage, wie wir als Gesellschaft damit umgehen. Für mich überwiegen die Chancen. Statt Skepsis wünschte ich mir in Sachen Digitalisierung etwas mehr Mut und Aufbruchstimmung. Auch seitens der Politik. Denn ich habe den Eindruck, dass andere Länder viel aktiver sind, etwa im Bereich der Digitalisierung von Prozessen und Dienstleistungen.

Zugenommen haben die Sorgen um «neue Armut» und «Löhne». Erleben Sie das als Reaktion auf eine zunehmende Ungleichheit?

Die Medien berichten viel darüber. Tatsache ist: Die Einkommens- und die Vermögensungleichheit haben sich in der Schweiz langfristig stabil gehalten. Die Schere ist nicht im selben Masse aufgegangen wie in anderen Ländern. Trotzdem gilt es, diese neuen Sorgen ernst zu nehmen. Sie hängen wohl damit zusammen, dass die Löhne in den letzten Jahren ziemlich stagniert haben und dass vor allem der Mittelstand das Gefühl hat, er gerate zunehmend unter Druck. Zudem vermute ich, dass hier auch die Sorge um die Renten mitspielt. Die Angst, dass man im Alter den gewohnten Lebensstandard nicht mehr halten kann.

Statt Skepsis wünschte ich mir in Sachen Digitalisierung etwas mehr Mut und Aufbruchstimmung.

Franziska Tschudi Sauber

Bei der Sorge um die Altersvorsorge differenzieren die Befragten. Am besten schneidet die dritte Säule ab, am schlechtesten die erste Säule. Warum ist die Zufriedenheit mit der privaten Vorsorge grösser?

Ich denke, dass wir sicherheitsbewussten Schweizer jene Instrumente bevorzugen, die wir selbst beeinflussen können. Dafür steht die dritte Säule, hier kann man selbst steuern, wie viel man riskieren will. Die Unzufriedenheit mit der AHV bringt die Sorge um deren Finanzierung zum Ausdruck und den dringenden Wunsch nach einer nachhaltigen Lösung.

Die Unternehmensgruppe Weidmann ist global tätig. Erleben Sie die politische Grosswetterlage mit Handelszöllen als reale Bedrohung?

Wir produzieren vor Ort, in rund zwanzig Ländern. So gesehen sind wir relativ gut aufgestellt, was die Handelszölle angeht. Generell beobachte ich diese Entwicklung natürlich mit Sorge, sehe aber für die Schweiz durchaus auch Chancen. Wir können als kleines Land relativ agil und selbstständig agieren und mit bilateralen Freihandelsabkommen neue Märkte erschliessen. Dabei geht es gar nicht nur um tiefere Zölle, sondern darum, dass man dank solchen Abkommen ein engerer und vertrauterer Partner wird, wie das Beispiel China exemplarisch zeigt.

Dinge, wofür die Schweiz steht

Die drei Hauptmerkmale der Schweizer Identität sind gemäss Sorgenbarometer Sicherheit, Neutralität und Landschaft. Überrascht Sie diese eher traditionelle Identifikation?

Nein – in Zeiten von zunehmenden bewaffneten Konflikten und Migration erstaunt mich das nicht. Es freut mich und stimmt mich optimistisch, dass viele Menschen stolz sind auf unsere Sicherheit, wo ein Bundesrat ohne Schutzbegleitung Tram fahren kann. Auf unsere Neutralität, die es uns ermöglicht, Konfliktparteien an einen Tisch zu bringen. Auf unsere wunderschöne Landschaft, die wir geniessen und der wir Sorge tragen sollten.

Für welche drei Dinge steht die Schweiz für Sie persönlich?

Erstens für Stabilität, basierend auf einem funktionierenden Rechtssystem und einer starken Wirtschaft. Zweitens für Solidarität. Die Bevölkerung steht ein für Minderheiten und Schwächere, was für den sozialen Frieden von unschätzbarem Wert ist. Und drittens für Innovations- und Erneuerungskraft. Beste Beispiele waren die Finanz- und Wirtschaftskrise oder der Frankenschock. Es ist beeindruckend, wie schnell wir es schaffen, aus solchen Krisen herauszukommen.