«Ich will einen fairen, sozialen Kapitalismus»
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«Ich will einen fairen, sozialen Kapitalismus»

Der junge Ökonom Falko Paetzold kämpft für eine gerechtere, gesündere und ökologischere Welt. Sein Ziel: Insbesondere Privatinvestoren mit mehr als 50 Millionen Dollar Vermögen sollen nachhaltig investieren.

Herr Paetzold, wie geht es der Welt heute?

In vielerlei Hinsicht besser als vor 20 oder 50 Jahren. Aber wir stehen als Gesellschaft vor unseren vielleicht grössten Herausforderungen – das müssen wir ehrlich erkennen, um Lösungen umzusetzen. Ich denke hier an den noch ungestoppten Klimawandel, an die mangelnde globale Gesundheitsversorgung, an Wasserverknappung, Sklaverei und Armut. Gleichzeitig haben wir heute extrem spannende und marktfähige Lösungen für diese Herausforderungen, von erneuerbaren Energien und effizienterem Energieeinsatz zu massiv skalierbaren Gesundheitslösungen und fairen Lieferketten. Diese Lösungen können für Investoren sehr spannend sein – und für die Menschheit gesamthaft.

Die globalen Herausforderungen wollen Sie mit den vermögendsten Menschen der Welt angehen. Warum?

Seit den siebziger Jahren ist es zu einer extremen Ungleichheit in der Verteilung der globalen Vermögen gekommen – das weiss jeder. Aber wie extrem dies ist, das überrascht dann doch. Rund 100 Billionen Franken – mehr als die Hälfte des gesamten globalen Vermögens – liegt in den Händen von wesentlich weniger als einem Prozent der Bevölkerung. Stellen Sie sich vor, wie viel erreicht werden kann, wenn dieses eine Prozent sein Kapital so anlegt, dass gleichzeitig auch die Armut oder der Klimawandel bekämpft wird.

Die Superreichen sollen ihr Vermögen in Stiftungen legen wie etwa Bill Gates?

Nein, nur via Philanthropie oder Wohltätigkeit werden wir die grossen benötigten Investitionsvolumen nicht erreichen. Ich rede von nachhaltigen Anlagen als dem heutzutage sehr breit verfügbaren Spektrum von Anlagen mit business case, die Renditen sowohl für den Investor als auch für die Gesellschaft abwerfen: Sie können mit ihrem Kapital in Firmen investieren, die damit aktiv Lösungen für unsere Herausforderungen entwickeln – und die sich auch finanziell auszahlen. Sie können Firmen bevorzugen, die ethische, soziale und ökologische Standards einhalten. Sie können Aktionärsgruppen unterstützen, die diese Standards auch bei Firmen durchsetzen, die sie noch nicht erfüllen. Es gibt Lösungen für alle Investorentypen. So kann es sogar durchaus Sinn machen, in zweifelhafte Firmen zu investieren, um diese in der Rolle eines Anteilseigners zu verbessern – wir dürfen nicht intellektuell faul sein und müssen ehrlich nach Lösungen und effektiven Hebeln suchen.

Interessieren sich die sehr vermögenden Personen für dieses Thema?

Und wie! Neun von zehn UHNWIs [Ultra High Net Worth Individuals, Personen mit Vermögen über 50 Millionen Dollar, Anm.d.Red.] geben an, dass sie an nachhaltigen Investmentmöglichkeiten interessiert sind. Aber nur eine von zehn macht das bereits. Da schlummert ein immenses Potenzial – übrigens nicht nur kapitalmässig. Diese Leute haben über ihre eigenen Firmen, über ihr Stimmrecht als Aktionäre, ihre gesellschaftliche Position und über ihre Beziehungen auch einen unschätzbaren Einfluss auf andere Entscheidungsträger und die Politik.

Hat Sie diese grosse Bereitschaft, sozial und umweltbewusst zu investieren, überrascht?

Nein. Aber es freut mich doch oftmals sehr zu sehen, wenn dieser Funke überspringt; dieser Aha-Moment: Warum sollte man so fundamentale Themen wie den Klimawandel, Wasserknappheit oder globale Gesundheitsprobleme als Investor nicht berücksichtigen? Das macht nur dann Sinn, wenn man sehr kurzfristig agiert. Dieses Denken trifft man aber eher bei Angestellten oder Managern an. Sehr vermögende Investoren dagegen haben oft einen langfristigen Anlagehorizont, da sie ihr Vermögen für die nächste Generation erhalten möchten. Überdies: Zukunftsfähige Portfolien versprechen bessere Renditen; niemand will in die Loser der Zukunft investieren. Die Psychologie hat zudem schon lange belegt, dass Menschen ihre Ideale mit ihren Aktivitäten in Einklang bringen wollen. Das sehen wir ja auch schon viel beim Kaufverhalten, zum Beispiel dem Wachstum bei gesunden und Bio-Lebensmitteln. Viele Personen haben nur noch nicht realisiert, dass ihr Vermögen ebenfalls einen grossen Einfluss hat – und bei UHNWIs ist dieser Hebel eben massiv.

Im Juli haben Sie das Center for Sustainable Finance and Private Wealth an der Uni Zürich eröffnet. Mit welchen Zielen?

Vorerst wollen wir erreichen, dass die UHNWIs das Thema Nachhaltigkeit im grossen Stil in die Verwaltung ihrer Vermögen integrieren. Unser längerfristiges Ziel: Private Vermögen sollen zum Schlüsselfaktor für nachhaltige Entwicklung werden. Ich will einen sozialen, fairen Kapitalismus ermöglichen.

Sehen Sie Unterschiede im Anlageverhalten von älteren und jüngeren Generationen?

Ältere Menschen haben oft noch eine Art aufgeteilte Denkweise: Auf der einen Seite erwirtschafte ich Renditen, egal wie; und auf der anderen spende ich Geld für einen guten Zweck, egal ob es dafür auch marktwirtschaftliche Lösungen gäbe. Jüngere UHNWIs sehen oft ein, dass dieser Ansatz wenig Sinn ergibt – warum hier die Probleme kreieren, gegen die dann dort «angespendet» wird? Sie wollen Nachhaltigkeit von Anfang an integrieren – für bessere Renditen und weil es menschlich und gesellschaftlich sinnvoll ist. Die 20- bis 40-Jährigen, die sogenannten Millennial-Investoren, sind mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass es den Klimawandel und soziale Ungerechtigkeit gibt. Auf diese nächste Generation konzentrieren wir uns besonders.

In Harvard führen Sie Kurse über nachhaltiges Investieren für reiche Familien durch. Wer sitzt da im Klassenzimmer?

Wir führen den Kurs jetzt zum dritten Mal durch, jeweils mit etwa 25 Teilnehmern, allesamt 20- bis 45-jährige Mitglieder von UHNW-Familien aus der ganzen Welt. Die Teilnehmer können sich öffnen und ehrlich über ihre Sorgen und auch Familienkonflikte diskutieren. Wie soll man mit einem Onkel sprechen, der in der Familie grossen Einfluss hat und nicht an den Klimawandel glaubt? Soll ich meine Cousins als Co-Investoren einbeziehen? Da ist es essenziell, dass wir ein geschütztes Umfeld schaffen. Teilnehmernamen kann ich deshalb keine nennen.

Woher stammen die Teilnehmer?

Aus der Schweiz waren Mitglieder bekannter Grossindustriellerfamilien dabei. Die Klassen sind stark durchmischt: Die brasilianische Investorenfamilie trifft auf die deutsche Pharmadynastie, die schwedische Shipping-Familie, auf den koreanischen Versicherungs-Clan oder auf Chinesen aus dem Automobilbereich. Sogar jemand aus einer Königsfamilie im Mittleren Osten nahm teil, und danach wurden wir eingeladen, einen Workshop über nachhaltige Anlagen direkt bei
der Familie durchzuführen.

Nachhaltige Fonds machen nur wenige Prozent des gesamten Anlagemarktes aus. Ist das, weil diesen Anlagen der Ruf vorauseilt, schwach zu performen?

Dieses Vorurteil ist hartnäckig, dabei ist es schon längst widerlegt. Wissenschaftliche Untersuchungen haben bewiesen, dass sich Nachhaltigkeit nicht nur ideell, sondern auch materiell auszahlt.

Warum wird dann nicht mehr investiert?

Hat Sie bei Ihrer Bank schon mal jemand gefragt, ob Sie nachhaltig anlegen wollen? Oder ob Sie nicht nachhaltig anlegen wollen? Eben. Die Kundenberater halten diese Information oftmals zurück – nicht, weil sie diese schlecht finden, sondern weil ihnen schlicht das Know-how fehlt.

Was sollten die Vermögensverwalter tun?

Das Thema intern umsetzen: Kunden informieren, die dann ihre Kundenberater fragen. Auch innovative, neue und kleinere Fonds anbieten. Kundenberater schulen. Generell für die Finanzindustrie gesagt: Der Retailbereich ist noch schlecht abgedeckt. Bei einer Testkaufstudie in Deutschland kam heraus, dass praktisch alle Retailkundenberater ihren Kunden Informationen über nachhaltige Anlagen vorenthalten haben. Ich möchte aber betonen, dass die Credit Suisse in diesem Bereich schon auf gutem Weg ist. Sie kann, wenn sie will, in Zukunft eine führende Rolle übernehmen.

In einer anderen Untersuchung kommen Sie zum Schluss, dass Banken davon profitieren, wenn nachhaltige Anlagen zum Thema von Kundengesprächen werden. Wie das?

Die Bank gewinnt auf verschiedene Weise: Im Nachhaltigkeitsthema bringt aktive Beratung wirklich noch etwas. Ansonsten können Kunden ja mittlerweile auch zu Robo-Advisors oder börsengehandelten Fonds (ETFs) greifen. Es geht darum, dass sich die Kunden ernst genommen fühlen und dass die Beratung Mehrwert schafft. Das erreicht man mit Inhalten. Berater, die mit ihren Kunden über ihre persönlichen Werte sprechen, stellen zu ihnen überdies eine Verbindung auf emotionaler und intellektueller Ebene her. Sie erhalten so ein besseres Verständnis ihrer Kunden. Untersuchungen zeigen auch, dass Kunden, die gut über die Nachhaltigkeit ihres Portfolios informiert sind, langfristiger agieren und weniger hektisch – und ihre Anlagegelder damit auch weniger schnell abziehen.

Sehen Sie nachhaltige Anlagen als Chance für den Schweizer Finanzplatz?

Massiv sogar. Nachhaltigkeit kann der neue Wettbewerbsvorteil für den Finanzplatz Schweiz sein. Es gibt eine natürliche Verbindung: Die Schweiz und Swissness stehen für hohe Qualität, Stabilität, Innovation und Langfristigkeit. Nachhaltige Anlagen bauen auf den gleichen Werten auf.

Wie nachhaltig leben Sie selber?

Beim Investieren konzentriere ich mich auf nachhaltige Fonds und auf Start-ups im Bereich sustainable finance. Durch meine Arbeit fliege ich zu viel. Zumindest kompensiere ich die Flugmeilen, meist doppelt, das ist einfach und effektiv. Ich esse nur wenig Fleisch und nur nachhaltig produziertes. Ich teile mein Auto und fahre meist mit dem Fahrrad. Einen Punkt möchte ich aber noch anführen: Meine Berufswahl ist kein Zufall. Ich finde es wichtig, dass man sich engagiert, privat und beruflich. Schon mit einem Durchschnittseinkommen in der Schweiz liegt man im weltweiten Vergleich im obersten Perzentil. Der absolute Grossteil der Weltbevölkerung hat praktisch keinen Einfluss darauf, ob der Schwenk zu einer nachhaltigen Entwicklung gelingt oder nicht – wir aber schon. Wir sind extrem privilegiert und haben deshalb auch Verantwortung. Und: Der nötige Wandel bringt enorme Möglichkeiten mit sich, die wir zur Realität werden lassen können.

Nachhaltige Produkte und Dienstleistungen bei der Credit Suisse:
www.credit-suisse.com/nachhaltigeprodukte