Wie Wearables unser Verhalten rationalisieren könnten
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Wie Wearables unser Verhalten rationalisieren könnten

Seit wir das letzte Mal einen Blick auf die Zukunft der tragbaren Technologien geworfen haben, hat sich vieles getan. Obwohl sich die Credit Suisse den jüngsten Entwicklungen anpasst (die erste Version der Private Banking Schweiz App für die Apple Watch wurde erst vor Kurzem veröffentlicht), bleibt noch abzuwarten, welche Möglichkeiten sich aus diesem Markt ergeben könnten. Dieser Artikel beschäftigt sich mit der Zukunft von tragbarer Technologie und behandelt die Frage, wie Geräte eines Tages unser Verhalten und unsere Entscheidungsprozesse beeinflussen könnten.

Wir leben zweifellos im Datenzeitalter, und für eine wachsende Anzahl Menschen ist die Überwachung ihres Körpers bereits eine Art Lebenseinstellung geworden. Dabei haben die Fortschritte bei der tragbaren Technologie in den letzten Jahren eine entscheidende Rolle gespielt: Heutzutage gibt es eine ganze Reihe von tragbaren Geräten, mithilfe derer wir unsere Schritte erfassen, unsere Laufstrecken aufzeichnen, unsere Kalorien zählen, unseren Schlaf überwachen oder unseren Herzschlag messen können.

Obwohl die Anzahl der Menschen, die tragbare Technologien nutzt, immer noch relativ gering ist, handelt es sich um einen wachsenden Markt: Für das Jahr 2015 wird mit 25 Millionen verkauften Smartwatches gerechnet. Das scheint vielleicht nicht viel zu sein. Verglichen mit dem Stand von vor zwei Jahren bedeutet es jedoch einen Anstieg um das 20-Fache. Die Wachstumsraten sehen vielversprechend aus und laut eines vor Kurzem von IDTechEx veröffentlichten Berichts wird der Markt für tragbare Technologie im Jahr 2050 ein Volumen von USD 70 Milliarden haben.

Während der Markt für tragbare Geräte in Zukunft voraussichtlich sehr viel diversifizierter sein wird, liegt der Schwerpunkt momentan noch grösstenteils auf der Fitnessbranche. Durch den gestiegenen Wettbewerb ist dieser Markt mittlerweile jedoch extrem umkämpft und gesättigt. Deshalb haben Entwickler von tragbarer Technologie langsam damit begonnen, sich auf andere vielversprechende Märkte zu konzentrieren. Der naheliegendste Bereich ist hierbei die Gesundheitsbranche.

Die Gesundheitsbranche (Nicht-Fitness)

Die USA ist das Land mit den höchsten Gesundheitskosten: Im Jahr 2013 beliefen sich die nationalen Gesundheitsausgaben auf USD 2,9 Billionen bzw. USD 9'255 pro Person. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung hohe Priorität geniessen. Tragbare Technologie kann dabei eine wichtige Rolle spielen. Entwickler von tragbaren Geräten für die Gesundheitsbranche arbeiten an Innovationen in sämtlichen Bereichen: Heutzutage können Geräte Ihr Asthma kontrollieren, Ihnen dabei helfen, mit dem Rauchen aufzuhören, Ihren Blutzuckerspiegel überwachen oder sogar Ihre Sehschärfe verbessern. Einige dieser Technologien befinden sich möglicherweise noch in der Entwicklungsphase, viele sind jedoch schon einsatzbereit.

Gedankenkontrolle

Körperliche Gesundheit ist nicht das einzige Anwendungsgebiet – es wird bereits an einigen tragbaren Geräten gearbeitet, die zur Verbesserung unseres geistigen Zustands beitragen sollen. Das in Boston ansässige Unternehmen Humanyze beispielsweise nutzt tragbare Technologie zur Analyse des Mitarbeiterverhaltens, um somit die Arbeitszufriedenheit und, so hofft man, den Unternehmensgewinn zu steigern. Das alles geschieht durch das Sammeln und Analysieren von menschlichen Verhaltensdaten – möglich gemacht durch Wearables. Ein anderes Gerät – das Stirnband Muse – dient dazu, Ihnen beim Meditieren zu helfen, indem es Ihre Gehirnaktivität misst und grafisch darstellt. Es unterstützt Sie dabei, sich zu entspannen und Ihre innere Ruhe zu finden. Ein weiterer interessanter Ansatz stammt von Thync. Diese Firma gibt an, die «erste tragbare Technologie, die Ihre Empfindungen verändert», entwickelt zu haben. Das gleichnamige Produkt regt angeblich Ihre «Nervenbahnen» an und gibt Ihnen die Möglichkeit, Ihre Stimmung zu kontrollieren. Im Wesentlichen hilft es Ihnen dabei, Ihr Gehirn in den Entspannungs- oder Aktivitätsmodus zu schalten.

Bessere Entscheidungsfindung

Beim Blick auf die oben angeführten Beispiele scheint es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis Technologie und Biologie miteinander verschmelzen und wir in der Lage sein werden, mit Wearables unsere Sinne zu stimulieren und unseren Geisteszustand zu verändern. Wenn dieser Fall eintritt, könnte Technologie uns ebenfalls dabei helfen, unsere Verhaltensmuster zu ändern und Entscheidungsprozesse zu verbessern. Falls wir beispielsweise wissen, dass wir bessere Entscheidungen treffen, wenn wir möglichst entspannt sind, sollten wir dann nicht die technologischen Möglichkeiten nutzen, um uns in solch einen Zustand zu versetzen? Oder falls wir beispielsweise mehr leisten können, wenn wir aufmerksam und wach sind, sollten wir dann nicht unser Gehirn mit einem tragbaren Gerät stimulieren, um genau das zu erreichen?

Behavioral Finance

In diesem Bereich könnte die Technologie für die Finanz- und Anlagewelt interessant werden. Um es mit den Worten des Wirtschaftsnobelpreisträgers von 2013 und einem der Verfechter der Behavioral-Finance-Theorie, Robert Shiller, zu sagen: «Anlegen hat sehr viel mit Psychologie zu tun.» Anders gesagt: So gut jedes zahlenbasierte System auch sein mag, letztlich ist es immer von menschlichem Verhalten und menschlichen Entscheidungen abhängig. Daher ist es niemals vollkommen vorhersehbar und rational.

Falls die tragbare Technologie der Zukunft unseren psychologischen, kognitiven oder emotionalen Zustand beeinflussen kann, könnte sie auch auf die (Ir-)Rationalität unseres Finanzsystems Einfluss nehmen. Finanzentscheidungen wären nicht länger so anfällig für die Irrationalität des menschlichen Verhaltens – stattdessen könnten wir unseren Entscheidungsprozess mithilfe von Technologie rationalisieren. Eines Tages könnten tragbare Geräte uns darauf hinweisen, wann wir bestimmte Aktien kaufen oder in ein bestimmtes Unternehmen investieren sollen. In einem grösseren Massstab gedacht, könnten wir mithilfe von tragbarer Technologie sogar dazu in der Lage sein, Massenverhalten zu analysieren und Verhaltensauffälligkeiten vorauszusagen.

Momentan mag das alles noch sehr futuristisch und vielleicht auch etwas beängstigend klingen. Im Endeffekt könnten tragbare Technologien jedoch dazu beitragen, das Finanzsystem zu rationalisieren und kostspielige Fehler zu vermeiden.